Eine junge Frau trägt einen Niqab © Zoonar | benis arapovic

Afghanistan: Taliban beschließen Burka-Pflicht für Frauen

Stand: 10.05.2022 12:43 Uhr

Ab sofort sollen Afghaninnen in der Öffentlichkeit - mit Ausnahme der Augen - auch ihr Gesicht verhüllen. Ein Gespräch mit Christina Ihle vom Afghanischen Frauenverein in Hamburg.

Frau Ihle, bedeutet diese Anordnung des Taliban-Chefs im Klartext, dass ab jetzt alle Frauen Burka tragen müssen?

Christina Ihle: Nein, er sagt, dass die Augen noch frei bleiben dürfen. Das heißt, man nutzt den klassischen Hidschab, ein Kopftuch, was das Gesicht verhüllt, die Augen aber freilassen kann.

Aber der Körper soll auch verhüllt werden?

Ihle: Ja, alles, bis auf Augen und Hände.

Blicken wir zurück: Wie hat sich der Alltag von Frauen seit der Machtübernahme der Taliban verändert?

Ihle: Direkt mit der Übernahme ist eine große Verunsicherung eingekehrt, wie es weitergehen wird und was das wahre Gesicht der Taliban sein wird. Das zeigt sich jetzt peu à peu mit verschiedenen Einschränkungen, die immer wieder dazugekommen sind. Die größte Einschränkung für die Frauen ist sicherlich, dass sie nicht mehr frei reisen können. Man darf nur noch mit einem männlichen Verwandten reisen. Auch Taxifahrten oder Flugtickets können nicht mehr gekauft werden. Eine Frau alleine kann also auch das Land nicht mehr verlassen, sondern nur mit einer männlichen Begleitung, einem männlichen Verwandten. Das ist eine riesige Einschränkung für alle Frauen.

Dann kam das Gebot, dass die Mädchen ab der siebten Klasse doch nicht wie versprochen zur Schule gehen dürfen, was natürlich eine riesige Einschränkung für den Bereich Bildung ist. Der erste Schultag war am 22. März, und es wurde noch eine Woche vorher versichert, dass die Mädchen zur Schule gehen dürfen. Alle gingen am ersten Schultag und kehrten mit Tränen in den Augen und zutiefst enttäuscht zurück, weil sie nach einer Stunde nach Hause geschickt wurden. Das war sehr dramatisch für viele Kinder.

Der Afghanische Frauenverein unterstützt Projekte für Frauen und Mädchen vor Ort seit vielen Jahren. Was hören Sie aus dem Land?

Ihle: Die große Sorge, dass die Einschränkungen für Mädchen und Frauen zunehmen und dass es wie in der ersten Taliban-Ära wird. Das kann man immer noch nicht so richtig einschätzen. Die Situation für Frauen und Mädchen ist pro Provinz extrem unterschiedlich - auch unterschiedlich in den Städten und im ländlichen Raum. In den Städten, Kabul zum Beispiel, laufen die Frauen im Hidschab und haben die Augen frei. Viele tragen das Kopftuch recht locker und kombinieren das mit der Corona-Maske, sodass es eigentlich noch keine große Veränderung gibt. Aber im ländlichen Raum, in einem Provinzen, tragen die Frauen aus Sicherheitsgründen vermehrt die Burka. Viele berichten, dass sie viel zu Hause bleiben, sich sehr isoliert fühlen, sich kaum mehr trauen, aufs Feld zu gehen und ihre Arbeit zu verrichten. Viele Frauen haben ihre Arbeit verloren und bangen, wie es für sie weitergehen kann.

Wie helfen Sie dort konkret?

Ihle: Wir haben unterschiedliche Projekte. Wir haben fünf Schulen, drei davon sind reine Mädchenschulen, zwei davon sind Mädchengymnasien, wo wir die älteren Mädchen über Homeschooling weiter unterrichten, in der Hoffnung, dass auf Druck der internationalen Gemeinschaft die Schulen bis Klasse zwölf auch für Mädchen wieder öffnen können. Wir haben vier Gesundheitskliniken, das sind Mutter-Kind-Kliniken, in sehr abgelegenen ländlichen Gebieten, die pro Tag hundert Kinder und Schwangere versorgen. Wir haben große Brunnenprojekte, Lehrschneidereien für Witwen, die, dadurch, dass sie den Mann verloren haben, keine Möglichkeit auf Einkommen haben. Das Schneidern ist noch möglich, weil man es von zu Hause aus gut machen kann. Wir machen auch große Nothilfeprogramme für Menschen auf der Flucht. Das ist ganz klassische Überlebenshilfe mit Nahrungsmittelpaketen für drei Monate, weil sich die humanitäre Lage im Moment dramatisch zuspitzt: 95 Prozent aller Familien haben nicht ausreichend zu essen.

Formiert sich aus Ihrer Sicht irgendwo im Land Widerstand gegenüber dem Vorgehen der Taliban?

Ihle: Was man beobachtet, ist ein Erstarken des IS und wachsende militärische Unruhen. Nach der sehr ruhigen Zeit in den letzten sechs Monaten wird es jetzt wieder unruhig. Widerstand unter den Frauen gibt es kaum, weil einfach die Konsequenzen so dramatisch waren.

Die Leitlinie Ihres Vereins lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Ist das überhaupt noch umsetzbar? Wie sollen sich Frauen dort selbst helfen?

Ihle: Das ist umsetzbar im Kleien. Ich schaue mit großer Bewunderung auf unsere Schulleiterinnen und unsere Lehrerinnen, die alle weiterarbeiten und sagen: Wenn wir jetzt nicht zur Schule gehen, wie sind wir dann Vorbild für unsere Töchter und für alle Schülerinnen? Man muss in kleinen Schritten denken und versuchen, alle Wege zu gehen, die man gehen kann. Afghanistan ist ein Land, wo man immer Türen findet, die man öffnen kann, auch wenn sich andere schließen. Wir haben auch in der ersten Taliban-Zeit in Afghanistan gearbeitet und dort Mädchenschule gegründet. Es geht, wenn die Dorfgemeinschaften mitmachen, wenn es den Ältestenräten wichtig ist, dass ihre Töchter unterrichtet werden. Wir erleben, dass die Dorfältesten mit den Taliban verhandeln und teils auch sehr erfolgreich. So zum Beispiel in Kundus, wo wir eine gemischte Schule haben: Da dürfen die Mädchen im Moment zur Schule gehen, weil die Dorfältesten dort erfolgreichmit den lokalen Kräften verhandelt haben. Es gibt noch keine landeseinheitliche Linie, aber man kann viel erreichen, wenn die Dorfbewohner und die Ältestenräte das wollen und die Projekte zu ihren eigenen machen.

Das Interview führte Eva Schramm.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.05.2022 | 16:45 Uhr

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