Stand: 05.06.2020 14:29 Uhr

Mikroabenteuer: Mini-Urlaub in Corona-Zeiten

von Alexa Hennings
Die Sonne scheint auf Bäume in einem lichten Waldstück. © NDR Foto: ALexa Hennings
Orte für Abenteuer wie Wälder liegen oft vor unserer Haustür.

Was tun, wenn der Fern-Urlaub auch aufgrund der Corona-Krise ausfallen muss? Die Antwort liegt seit Wochen auf meinem Nachttisch und heißt: Mikroabenteuer. Schon oft habe ich in dem Buch von Christo Foerster geblättert. Schon wegen Greta Thunbergs Ermahnungen und zunehmender Flug- und Autoscham sind die kleinen Auszeiten vor der Haustür angesagt.

Ein Mikroabenteuer ist "ein Abenteuer, das wenig Aufwand erfordert in Sachen Zeit, Geld, Ausrüstung und auch in Sachen Plan. Einfach in der näheren Umgebung mal zu schauen: Was liegt da eigentlich?", erklärt der Hamburger Autor. Nach dem Motto: "Einfach rausgehen und machen." 

Ein Rucksack lehnt an einem Baumstamm © NDR Foto: Alexa Hennings

AUDIO: Einfach raus und machen - Mikroabenteuer (30 Min)

Die Möglichkeiten vor der Haustür

Christo Foerster hat da ein paar sehr nette Vorschläge: eine S-Bahn-Linie abwandern, mit dem Fahrrad ans Meer fahren und eine Nacht am Strand verbringen oder von einem vorher festgelegten Gleis mit der Regionalbahn fahren, so weit, wie man für zehn Euro kommt - und dann dort die Gegend erkunden. Allen Vorschlägen ist eines gemeinsam: Man geht ins Ungewisse, "ins Blaue", wie man früher sagte.

Drei Regeln hat Christo Foerster für seine Mikroabenteuer aufgestellt: Erstens sollte es nicht länger als 72 Stunden dauern. Zweitens geht man zu Fuß, nimmt das Fahrrad oder fährt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Und drittens sollte man, wenn eine Nacht dabei ist, diese draußen ohne Zelt verbringen. Das habe auch einen ganz pragmatischen Grund, erklärt Foerster. In Deutschland dürfe man nicht wild zelten. "Ohne Zelt ist es die Grauzone, in der vieles möglich ist."

Der Selbstversuch

Auf einem Baumstamm liegt ein Mikrofon © NDR Foto: Alexa Hennings
Mit dabei beim Mikroabenteuer: Rucksack und Aufnahmegerät.

Meinen Rucksack habe ich unter den leicht besorgten Blicken meines Mannes in 20 Minuten gepackt, mit dabei ist meine alte Hängematte. Dass ich in den Wald möchte, war schnell klar. Klar ist auch, dass es kein Naturschutzgebiet sein darf, denn dort ist das sogenannte Lagern verboten. Es muss überhaupt kein Wald sein, der irgendwie besonders oder auch weit weg liegt. Einfach nur ein Wald, ganz in der Nähe. Dort einmal länger Zeit haben. Nur für mich sein. Genau hinschauen und hinhören. Nicht wie sonst zwischen Bäumen wandern, joggen, reiten, spazieren gehen, sondern einfach nur da sein.

Aber eine Herausforderung ist es schon für mich: Nicht nur lange und allein im Wald zu sein, sondern dort auch zu übernachten - ohne Zelt, einfach so. Da habe ich durchaus ein mulmiges Gefühl.

Ein besonderer kleine Reise

Ich mache mich auf den Weg. Es ist ein sonniger, etwas windiger Nachmittag, als ich den Feldweg entlang gehe. Mit dem Mikrofon in der Hand. Am Waldeingang sind die Geräusche der Zivilisation noch ganz deutlich zu hören. 500 Meter von mir entfernt ist eine Bundesstraße und ein Recyclingbetrieb. Schon nach 30 Metern ist kaum noch etwas von der Außenwelt zu hören. Wind, Autos, Recyclinghof - das dichte Blätterdach schluckt alle Geräusche. Ein Grund, warum es im Wald so erholsam ist. Der Lärm, der uns sonst umgibt, ist weg. Ersetzt von einer ganz anderen Klangwelt: Vögel, Blätterrauschen. Von ganz allein werden meine Schritte immer langsamer. Das alltägliche Tempo passt hier nicht.

Mikroabenteuer sind auch kleine Reisen ins eigene Innere. Wenn man probiert, was schon Loriots Ideal war, "einfach nur sitzen", dann bemerkt man zuerst, dass das gar nicht so einfach ist. Doch dann komme ich doch zur Ruhe und nehme das Licht um mich herum wahr, die ganze Palette der Grün- und Brauntöne, die Laute des Waldes, seine Gerüche. Ich kaue auf einem Blatt Sauerklee herum, der Geschmack katapultiert mich zurück in die Kindheit. Gedanken kommen und gehen.

Ein Schlafsack zwischen den Bäumen

Eine Frau liegt in einer Hängematte im Wald © NDR Foto: Alexa Hennings
Die Lagerstätte für die Nacht: eine Hängematte.

Bei der langwierigen Suche nach geeigneten Bäumen für meine Hängematte fällt mir auf, wie unvorbereitet ich mich in mein Mikroabenteuer begeben habe: Nicht mal zu Hause ausprobiert, wie weit die Bäume am besten stehen sollten, damit eine Hängematte beim Liegen nicht allzu sehr durchhängt. Mir schwant schon eine unruhige Nacht.

Bei derlei Unternehmungen gibt es immer erst einmal eine Handvoll Ausreden wegzuschieben, weiß auch Christo Foerster. "Wir brauchen für ein Mikroabenteuer nicht viel Zeit, wir brauchen nicht viel Ausrüstung, wir brauchen kein Himalaya-Equipment. Wir können mit dem los, was wir haben und gucken, wie weit wir kommen."

Beim Vogelkonzert mit Rehbock-Bell-Einlagen baue ich mir mein Nachtlager. Zwar habe ich meine Isomatte vergessen, aber immerhin habe ich an meine lange Ski-Unterwäsche aus 100 Prozent Merinowolle gedacht. Vorsichtig besteige ich die Hängematte.

Eine unruhige Nacht

In einer Astgabel ist ein Plastikbeutel mit Proviant Wildschwein-sicher aufbewahrt. © NDR Foto: ALexa Hennings
Sicher vor Wildschweinen: der Beutel mit dem Proviant.

Um Mitternacht schrecke ich auf, weil ganz in der Nähe wieder ein Rehbock bellt. Oder war es doch eher vor Kälte? Langsam dämmere ich wieder ein wenig weg.

Nachts um zwei das nächste Erwachen. Dieses Mal kein Aufschrecken. Eine Nachtigall singt. Genau über mir! Das habe ich noch nie erlebt. Obwohl ich mein Aufnahmegerät hervorkrame und auch noch kurz die Taschenlampe anschalten muss, um die richtigen Knöpfe zu finden, musiziert sie weiter. Ich bin hellwach. Schlafe nicht mehr ein, weil ich einfach immer weiter zuhören muss. Als es langsam hell wird, lösen andere Vögel mit ihrem Gesang die Nachtigall ab. Irgendwann packe ich mein Zeug zusammen, angle meinen vor den Wildschweinen versteckten Proviantbeutel vom Ast und gehe auf dem Feldweg zurück nach Hause. Ins warme Bett.

Und träume von Griechenland, von Zikaden, vom Circus Maximus. Von all dem, was ich in diesem Sommer nicht erleben werde. In diesem Sommer, der vermutlich so ganz anders wird als alle anderen in unserem Leben.

Vielleicht wird dies der Sommer der Mikroabenteuer. Christo Foerster findet, dass man es zur offiziellen Pflicht machen sollte, die Mittsommernacht draußen zu verbringen. Für den Anfang.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Die Reportage | 07.06.2020 | 06:30 Uhr

Personen gehen unter gelbgefärbtem Bäumen im Wald © Colourbox

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