Stand: 04.10.2019 17:50 Uhr

Das Zeitalter der Ablenkung

von Bernhard Pörksen

Der YouTuber Rezo hat im Frühjahr nicht nur die Union aufgemischt, sondern den politischen Betrieb insgesamt aufgeschreckt: Wie konnte es passieren, dass ein junger Mann mit blauen Haaren binnen weniger Tage die politische Agenda setzt - und das noch kurz vor der Europawahl? Und was setzen wir dem eigentlich entgegen? In einer vierteiligen Reihe befassen sich die Gedanken zur Zeit im Oktober mit der Zukunft der sozialen Netzwerke und mit ihrem Einfluss auf die Art und Weise der politischen Auseinandersetzung. Das Zusammenspiel aus alten und neuen Medien, das Tempo und die Überhitzung von Debatten in sozialen Netzwerken verändern die Politik radikal. Sie wird atemlos, hektisch, getrieben.

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Bernhard Pörksen

Wie anfangen, wo beginnen? Mit Rezo, dem jungen Mann mit den blauen Haaren, der die CDU vor der Europawahl mit einem millionenfach geklickten YouTube-Video in die Enge getrieben hat? Von Robert Habeck erzählen, dem Grünen-Politiker, der sich von Twitter und Facebook verabschiedete, weil ihm die Echtzeit-Hektik zunehmend als Zwang zur gedankenlosen Sofort-Reaktion erschien? Von der Kanzlerin berichten, die im Sommer des Jahres, gefilmt von Fernseh- und Handy-Kameras, zu zittern anfing und dafür in den sozialen Netzwerken jede Menge Spott, Häme und Hass kassierte? Nein, es gibt bessere Beispiele, um die laufende Medien- und Wahrnehmungsrevolution zu illustrieren, die aktuell die Politik verändert. Zum Beispiel ein 20 Sekunden dauerndes, auf Facebook, Twitter und YouTube verbreitetes Video, das wie unter einem Brennglas alles zeigt: die neue Geschwindigkeit, den Terror der Transparenz, die Getriebenheit des Politikers im Zeitalter sozialer Medien, der plötzlich schutzlos auf der Weltbühne des Netzes herumsteht.

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"Hillary collapsing"

Was sieht man auf diesem kurzen Video? Man sieht: Hillary Clinton, die einstige amerikanische Präsidentschaftskandidatin. Es ist der 11. September 2016, ein heißer, schwüler Vormittag in New York. Hillary Clinton will in ein Auto einsteigen. Eigentlich ganz unspektakulär. Viele Menschen sind am Ground Zero zusammengekommen, um der Opfer des Anschlags vom 11. September zu gedenken. Auch die Präsidentschaftskandidatin ist vor Ort, und sie bemerkt, dass sie die Veranstaltung in dieser Hitze nicht wird durchstehen können, denn sie leidet an einer Lungenentzündung, was damals nur engste Vertraute wissen. Und so gibt sie ihren Mitarbeitern ein Zeichen, geht an den Rand der Menschenmenge. Als ihr Auto schließlich heranbraust und Clinton versucht, sich ins Wageninnere zu flüchten, da sacken ihr ganz kurz die Beine weg. Sie schwankt. Droht zu stürzen. Ihre Leute bilden geistesgegenwärtig einen visuellen Schutzwall und stützen sie. Aber ein Hobbyfotograf, kurioserweise ein Clinton-Anhänger, reißt sein Smartphone hoch, produziert ein Mini-Filmchen der taumelnden Politikerin, postet dieses gedankenlos auf Facebook.

Schon bald kursieren erste Gerüchte. Journalisten fragen auf Twitter nach. Irgendwer will gehört haben, Hillary sei nicht gesund. Und dann explodiert der Filmbeweis in den sozialen Netzwerken, wird von Fernsehanstalten aufgegriffen. Anfragen wie "Hillary collapsing" schießen empor. Und Hillary Clinton tritt kurz darauf, krank, aber eisern lächelnd und mit simulierter Fröhlichkeit, vor die Kamera.

Die Schutzoasen der Intransparenz schwinden

Noch einmal: Was sieht man hier? Ich behaupte: Diese 20 Sekunden sind ein Zeitdokument, Ausdruck und Folge einer radikal veränderten Medienwelt, die die Politik in neue Druck- und Geschwindigkeitsverhältnisse hineinkatapultiert.

Rezo gestikuliert lächelnd in die Kamera. © picture alliance/dpa Foto: Privat

Die Zukunft von Social Media (1/4)

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Das Zusammenspiel aus alten und neuen Medien, das Tempo und die Überhitzung von Debatten in sozialen Netzwerken verändern die Politik radikal. Sie wird atemlos, hektisch, getrieben.

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Die erste Erkenntnis: Die Schutzoasen der Intransparenz, in denen sich ein Politiker unbeobachtet wähnen kann, schwinden. Denn jeder ist, sein Smartphone in der Hand, zum Sender geworden. 2016, dem Jahr des Videos, waren weltweit zwei Milliarden Smartphones verbreitet. 2020 werden es vier Milliarden sein. Und was ist ein Smartphone? Es ist ein im Wortsinne "indiskretes Medium", so meine These. Es lässt die Hinterbühne zur Vorderbühne werden und einst diskrete, einst voneinander getrennte Welten verschmelzen - die Welt des Öffentlichen und die Welt des Privaten, die Sphäre des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Eben das hat Hillary Clinton auf der Flucht ins Wageninnere erlebt.

Das Wirkungsnetz ist das neue Leitmedium

Die zweite Erkenntnis: Die Unterscheidung von Peripherie und Zentrum, die noch die alte Medienwelt strukturierte, ist verwischt und verweht. Es gibt nicht mehr den einen Leuchtturm der einen Zeitung, nicht mehr das große, alles überstrahlende Lagerfeuer des einen Fernsehsenders, der ein Zentrum bilden könnte. Das Wirkungsnetz ist das neue Leitmedium; hier, im Zusammenspiel von alten und neuen Medien, ereignen sich die plötzlich aufschäumenden Aufmerksamkeits- und Erregungsexzesse der Gegenwart. Zwei Stunden brauchte das Clinton-Filmchen, um von Facebook ins Fernsehen, von der Netzpräsenz des Hobbyfotografen in den medialen Mainstream zu gelangen. Und schon das zeigt: Information ist heute rasend schnell, diffundiert barrierefrei durch die digitale Welt und wird von einem Publikum verbreitet, das selbst medienmächtig geworden ist. Journalisten haben ihre Monopolstellung als Gatekeeper am Tor zur öffentlichen Welt verloren und agieren nun im Zusammenspiel mit allen anderen, die zu Playern in der Erregungsarena der Gegenwart geworden sind.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 06.10.2019 | 19:00 Uhr

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