Stand: 19.06.2019 17:18 Uhr

20 Jahre Bologna-Reform - eine Bilanz

Wissenschaft für alle, zu möglichst geringen Kosten, in kürzester Zeit, auf höchstem Niveau - das ist knapp gefasst die Bologna-Reform. Sie kann wohl als die umfassendste Erneuerung des Hochschulwesens gelten seit der Humboldt'schen Bildungsreform vor über 200 Jahren. Bologna wird nun 20 Jahre alt. Wir wollen Bilanz ziehen mit der Professorin für Biochemie und Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen, Ulrike Beisiegel.

Frau Beisiegel, europäische Bildungsminister hatten im vergangenen Jahr eine positive Bilanz der Bologna-Reform gezogen. Wie sieht die Bilanz aus Ihrer Sicht aus?

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Ulrike Beisiegel zieht eine positive Bilanz der Bologna-Reform, sieht aber auch weiteren Handlungsbedarf.

Ulrike Beisiegel: Meine Bilanz der Bologna-Reform ist auch positiv. Es gab natürlich Anfangsschwierigkeiten - die Erneuerung war aber notwendig. Die meisten Universitäten, genau wie die Uni Göttingen, haben es geschafft, das Positive herauszuarbeiten - auch wenn noch einiges zu tun bleibt. Wir sind noch nicht zu 100 Prozent in dem, was Bologna erreichen wollte.

Der Unmut ist trotzdem da, gerade auch in Deutschland. Es wird gestöhnt über zu volle Hörsäle, überforderte Studenten, die den vollgestopften modularisierten Lehrplänen nicht gewachsen sind. War vor Bologna vielleicht doch alles besser, freier, selbstbestimmter?

Beisiegel: Die vollen Hörsäle sind in der Tat ein Problem - das liegt aber nicht an Bologna, sondern an der Zahl der Studierenden. Vollgestopfte Lehrpläne waren am Anfang deswegen ein Problem, weil man gesagt hat, man macht das Gleiche mit einem anderen Namen - das geht natürlich nicht. Die Umstellung brauchte Zeit. Heute ist es so, dass viele Module und Studiengänge entschlackt sind, dafür neue, wichtige Komponenten wie Mobilität aufgenommen wurden oder auch modernere Formen des Lernens und Lehrens. Ich glaube, dass das ein Weg in die richtige Richtung ist und dass wir - und damit meine ich nicht nur unsere Universität - an vielen Stellen schon sehr weit gekommen sind.

Sie sagen, die Mobilität habe sich verbessert. Nun beziffert der DAAD den Anteil der jungen Menschen, deren Leistungen aus dem Ausland nicht anerkannt wurden, mit 34 Prozent. Damit motiviert man junge Leute nicht besonders, im Ausland zu studieren. Hakt es doch an der Bürokratie, insbesondere an der deutschen?

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Beisiegel: Ja, es hakt nicht nur an der deutschen Bürokratie. 34 Prozent ist immer noch viel, aber es ist wesentlich weniger als vor vielen Jahren. Ein Ansatz der europäischen Universitäten ist, die Anerkennung noch zu verbessern. Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen, aber wir sind deutlich besser geworden in der Mobilität und auch in der Anerkennungsrate.

Wir können nicht jeden Studierenden, je nach persönlicher Situation, dazu zwingen, ins Ausland zu gehen, sondern wir müssen als Universitäten die Mobilität und die Anerkennung der Kurse fördern. Wir müssen auch eine gewisse Internationalität oder Internationalisierung in die Curricula bringen, sodass auch die, die nicht ins Ausland gehen, eine Idee von Internationalität kriegen.

Wie wollen Sie das machen?

Beisiegel: Die Curricula - das ist ein Projekt, das schon eine ganze Zeit bei uns läuft - zeigen, dass man in jedem Fach die globale Perspektive einbauen kann. Das zweite Wichtige ist, dass wir viele internationale Studierende hier haben. Die Vermischung auf dem Campus ist auch sehr wichtig für die Studierenden, die hier bleiben.

Trotzdem ist eine Auslandserfahrung nicht die schlechteste.

Beisiegel: Absolut. Deswegen stimulieren wir das stark und haben Stipendienprogramme, aber auch viele andere Dinge. Aber die Studierenden sollten eine freie Entscheidung haben, wie sie das angehen. Für diejenigen, die aus privaten Gründen nicht gehen können, bieten wir in Göttingen eine globale Perspektive und eine Internationalität.

Ein Ziel von Bologna war, dass das Studium durch einen Abschluss wie den Bachelor schneller berufsqualifizierend werden sollte. Der hat sich als Abschluss aber nicht durchgesetzt - Studierende setzen den Master noch drauf. Ziel verfehlt? Denn die Studienzeit dauert womöglich länger als vor Bologna.

Beisiegel: Prinzipiell ist die Studienzeit nicht wirklich verlängert worden, das können wir nicht beobachten. Aber Sie haben völlig Recht: Die Erwartung, dass 50 Prozent der Studierenden mit dem Bachelor die Uni verlassen, hat sich nicht erfüllt. Ich glaube, das war eine falsche Erwartung, denn die meisten Studierenden streben den Master-Abschluss an. Es gibt aber ganz große Unterschiede bei den Fächern: Bei der Informatik zum Beispiel werden die Leute schon vor dem Bachelor aus den Unis geholt. Da ist also ein riesiger Absatz, während in anderen naturwissenschaftlichen oder geisteswissenschaftlichen Fächern es selbstverständlich ist, dass man den Master macht - auch wenn man ihn nicht immer an der gleichen Universität macht.

Wenn Sie heute an einer Reform für das deutsche Hochschulsystem arbeiten würden, wie sähe die aus? Was würden Sie verbessern?

Beisiegel: Was noch an vielen Stellen fehlt, ist eine vernünftige Studieneingangsphase, eine Orientierungsphase für die Studierenden, die mit 18 von der Schule kommen und vielleicht noch nicht genau wissen, was sie studieren wollen. Also so eine Art Studium generale. Das wäre gut für die vielen jungen Leute, insbesondere weil es unendlich viele Möglichkeiten gibt, Fächer zu kombinieren. Ansonsten sollte die Kreativität noch stärker gefördert werden, also eine Ausrichtung auf die zukünftigen Arbeitsstellen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.06.2019 | 19:00 Uhr

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