Stand: 26.08.2019 12:44 Uhr  - NDR Kultur

Standing Ovations für Plácido Domingo

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Wie sich Plácido Domingo (Foto) bei seinem Auftritt bei den Salzburger Festspielen stimmlich geschlagen hat, war atemberaubend, findet Michael Atzinger.

Die Karriere des Tenors Plácido Domingo ist beispiellos: Über 150 Partien hat er gesungen, er gilt als ein Urgestein der Oper. Doch vor ein paar Wochen hat ihn die Vergangenheit eingeholt: Neun Frauen aus den USA haben Domingo beschuldigt, sie in den 1980er-Jahren sexuell belästigt und bedrängt zu haben. Noch ist nichts davon gerichtsverwertbar - und doch haben in den USA schon verschiedene Häuser Engagements von Domingo abgesagt. Die Salzburger Festspiele haben ihn in diesem Sommer für zwei konzertante Vorstellungen der Verdi-Oper "Luisa Miller" verpflichtet - und stehen auch zu diesem Engagement. Gestern war Premiere der "Luisa Miller" im Großen Festspielhaus und Michael Atzinger, unser Kollege vom BR, war vor Ort.

Herr Atzinger, was war los - zunächst einmal vor der Vorstellung?

Michael Atzinger: Es war Domingos erster Auftritt nach Bekanntwerden der Vorwürfe. Ich habe vor der Vorstellung eine ganze Reihe Meinungen von Festspielgästen eingeholt - und ich habe niemanden gefunden, der sich gegen Domingo gestellt hätte. Es gelte die Unschuldsvermutung, hieß es, in dubio pro reo - und außerdem sei das Ganze eher ein Medien-Hype.

Wie war die Vorstellung selbst?

Atzinger: Sie hat begonnen mit einem Coup der Salzburger Festspielleitung: Chor und Orchester waren bereits auf der Bühne, als Dirigent James Conlon mit der gesamten Sängermannschaft in das Große Festspielhaus einzog - wohl um zu sondieren, wie das Publikum Plácido Domingo empfangen würde. Es wäre ja möglich gewesen, dass Buh-Rufer die Vorstellung gestört hätten, realistisch wäre auch eine Buh-Bravo-Schlacht gewesen. Aber nichts von alledem - im Gegenteil: Das Auditorium erhob sich geschlossen zu einer stürmischen, langanhaltenden Standing Ovation. Damit war der politische Teil dieser Aufführung erledigt, die Sängerschar zog ab und die Vorstellung konnte mit der Ouvertüre beginnen.

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Belästigungsvorwürfe gegen Plácido Domingo

Der spanische Opernstar Plácido Domingo soll in den 80er- und 90er-Jahren mehrfach Frauen belästigt und unter Druck gesetzt haben. Marc Dugge berichtet. extern

Die Belästigungsvorwürfe sind ein Aspekt in Bezug auf den einstigen Ausnahme-Tenor Placido Domingo, der sich vor Jahren in einen Bariton verwandelt hat. Ein anderer Punkt ist die Frage, ob er sich die kraftraubenden Auftritte, die er jetzt hinlegt, noch zumuten sollte.

Atzinger: Nach dem demonstrativen Jubel zu Beginn der "Luisa Miller" war klar: Domingo konnte nichts mehr falsch machen. Selbst eine durchwachsene Leistung wäre wahrscheinlich in Ordnung gewesen. Doch wie er sich dann stimmlich geschlagen hat, war atemberaubend: fokussiert, kernig, überaus klangschön, kein Altersvibrato, auch kein Herumstochern in baritonalen Untiefen - nur ein paar leichte Intonationstrübungen. Auch die Atemtechnik funktioniert noch. Die Partie des Miller liegt ja relativ hoch, also für einen ehemaligen Tenor sehr angenehm. Und so kam man auch in den Genuss kraftvoller baritonaler Spitzentöne. Mein anderer Star des Abends war Piotr Beczała als Rodolfo: unangestrengt, strahlend, grandios. Kleine Abstriche gab es bei Nino Machaidze: Die war mir zu Beginn etwas zu scharf und zu kalt. Aber die ganze Vorstellung war durchaus festspielwürdig.

Wie wird es mit Domingo weitergehen?

Atzinger: Ich habe in den vergangenen Tagen mit mehreren Frauen gesprochen, die mit Domingo früher beruflich viel zu tun hatten. Alle haben sie Domingos zuvorkommende Art betont, seine Angewohnheit, alle Mitwirkenden einer Produktion gleich höflich und freundlich zu behandeln. Er sei nie übergriffig geworden. Diese Frauen stellen diese Anschuldigungen nicht infrage, aber sie bringen diese zwei Seiten des Placido Domingo einfach nicht zusammen. Wir Kulturjournalisten sind in den vergangenen Tagen oft angegriffen worden, wir würden dieses Thema über Gebühr aufbauschen - und Domingo, der Liebling vieler, ist ein sehr prominentes Beispiel. Aber wenn wir eines in den vergangenen Jahren gelernt haben, ist es die Tatsache, dass die Musikbranche in Bezug auf Machtspiele und Abhängigkeiten keine Insel der Seligen ist. Wir müssen diese Themen aufgreifen, und wenn es diese zwei Seiten des als Operndirektor ebenfalls mächtigen Domingo gibt, ist das jetzt Sache eines Gerichts, darüber zu entscheiden, ob da Unrecht geschehen ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 26.08.2019 | 09:20 Uhr

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