Stand: 08.03.2019 17:14 Uhr

Serebrennikov: Rockstar der russischen Kulturszene

von Martha Wilczynski

In Hamburg feiert Verdis Oper "Nabucco" Premiere, inszeniert vom russischen Theater-, Film- und Opernregisseurs Kirill Serebrennikov. Er selbst kann an diesem Abend jedoch nicht dabei sein - seit zwei Jahren steht er in Russland unter Hausarrest.

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Kirill Serebrennikov steht seit zwei Jahren in seiner Heimat Russland unter Hausarrest.

Die Figur des russischen Theater-, Film- und Opernregisseurs Kirill Serebrennikov ist in den vergangenen zwei Jahren zu einer Art Symbol geworden. Nämlich zu einem Symbol für den Kampf gegen die Unterdrückung der russischen Kunst- und Kulturszene durch die Behörden. Und zugleich zu einem Symbol für die Ohnmacht andersdenkender Künstler, die gegen die Willkür der Staatsorgane nichts ausrichten können. Doch ganz so einfach ist das nicht, erklärt der bekannte russische Film- und Kulturkritiker Anton Dolin: "Die Welt will alles vereinfacht haben. Deswegen heißt es: Putin hat den Arrest von Serebrennikov befohlen, der gegen Putin aufgetreten ist. Und in Wirklichkeit hat weder Putin seinen Arrest verlangt, noch war Kirill wirklich gegen ihn. So ist es. Es ist auch falsch zu sagen, dass Putin nichts damit zu tun hat. Er hat viel damit zu tun. Aber eben nicht direkt."

"Man will uns eine Lektion erteilen"

Im Sommer 2017 ist Kirill Serebrennikov während der Dreharbeiten zu seinem jüngsten Film "Leto" festgenommen worden. Ihm und drei weiteren wird vorgeworfen, staatliche Fördergelder in Höhe von mehr als 130 Millionen Rubel veruntreut zu haben - etwa 1,8 Millionen Euro. Serebrennikov selbst bezeichnet die Vorwürfe als absurd: "All dies wird gemacht, um uns eine Lektion zu erteilen. Irgendwelchen Patrioten vom FSB gefallen meine Theaterstücke nicht. Sie meinen, dass die Stücke nicht patriotisch genug sind, nicht interessant genug, auf irgendeine Weise falsch. Damit ist alles verbunden, alles was geschieht. Auf uns wird psychologischer Druck ausgeübt - auf Menschen, die nie in Kriminalität verwickelt waren, die sich nur mit Theater und ausgesprochen nur mit Kunst beschäftigt haben."

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Die Publizistin Irina Prochorowa zweifelt an der Glaubhaftigkeit des russichen Gerichts.

Kirill Serebrennikov, der stets mit Vollbart, Mütze und schwarz gekleidet auftritt, ist so etwas wie der moderne Rockstar der russischen Kulturszene. Seine Werke sind meist provokant, jedoch auch vielgelobt. Sein Projekt "Platforma", das Theater, Tanz, Musik und neue Medien miteinander vereinte, wurde staatlich gefördert und war auch sehr erfolgreich - vor allem beim hippen Moskauer Publikum. Nun aber steht der 49-Jährige vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, mit seinen Komplizen "kriminelle Absprachen" getroffen zu haben, um eben jene Fördergelder zu unterschlagen. Viele prominente Unterstützer Serebrennikovs, wie die Publizistin Irina Prochorowa, sehen in der Anlage nur einen Vorwand, den Regisseur als kritische Stimme nun doch zum Schweigen zu bringen: "Wir verstehen alle ganz klar, dass dies ein Schauprozess ist. Wenn man einen großen Regisseur einem kleinen Ganoven gleichstellt und wenn der Gerichtsprozess damit beginnt, dass man die Existenz eines bestimmten Stücks abstreitet, obwohl gerade dieses Stück im Theater zu sehen ist - können wir dem Gericht nicht mehr glauben."

Abgesagt wegen "künstlerischer Mängel"

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Im Ballettstück "Nurejew" thematisiert Serebrennikov auch die Homosexualität der russischen Balettikone.

Auf die öffentliche Kritik an dem Vorgehen gegen den Regisseur reagierte im vergangenen Jahr schließlich auch Präsident Putin: "Was Serebrennikow betrifft, so wissen Sie doch: Wenn das eine Verfolgung wäre, keine Ermittlung, wäre sein Theaterstück nicht auf der Bühne des Bolschoi aufgeführt worden. Aber das ist doch geschehen." Gemeint ist das Ballettstück "Nurejew". Im Dezember 2017 ist es am Moskauer Bolschoi Theater uraufgeführt worden - viel später als ursprünglich geplant und in Abwesenheit des Regisseurs. Denn Kirill Serebrennikov stand zu dem Zeitpunkt bereits unter Hausarrest. Ursprünglich sollte die Premiere im Juli stattfinden. Doch kurz zuvor wurde sie abgesagt - wegen künstlerischer Mängel, so die offizielle Begründung. Doch schon damals vermuteten Kritiker, dass ein anderer Grund dahinter stecke - nämlich der, dass das Stück über die russischen Ballettikone Rudolf Nurejew auch dessen Homosexualität thematisiert und eben dies einigen in der Regierung nicht gefalle, wie es ein Reporter des unabhängigen TV-Kanals Doschd formulierte: "Wir leben nicht im luftleeren Raum. Wir sehen in den sozialen Netzwerken all die Videos der Proben, die mit viel 'Drive' gespielt wurden. Aber da gibt es den homosexuellen Kontext. Und wir wissen, dass es viele unter den Staatsleuten gibt, die sogenannten Befürworter der traditionellen Werte, die ganz genau gegen so eine Aufführung wären."

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Die Unterdrückung von Tabuthemen würde in Russland auf subtile Weise durchgesetzt, erklärt Film- und Kulturkritiker Anton Dolin.

Dies sei der Punkt, an dem es kompliziert wird, erklärt der Film- und Kulturkritiker Anton Dolin. Offiziell gibt es in Russland keine Zensur der Kunst. Auch die Darstellung von Homosexualität ist nicht verboten - allerdings dürfen diese Filme, Stücke und Kunstwerke erst einem Publikum ab 18 präsentiert werden. Dennoch gebe es in der russischen Gesellschaft klare Tabuthemen. Diese betreffen vor allem die Darstellung der russischen Geschichte sowie die orthodoxen Kirche. Und gebe genügend Menschen in Machtpositionen, die gegen den Bruch dieser Tabus vorgehen würden: "Kann es aber als Unterdrückung von oben bezeichnet werden, wenn ein Abgeordneter die Person ist, die im Namen der Öffentlichkeit verlangt, einen Film oder ein Theaterstück nicht vorführen zu dürfen? Er ist nur ein Abgeordneter, der auch Machtkompetenzen innehat. Allerdings ein Abgeordneter, kein regionales Parlament, nicht die Staatsduma." Und auch nicht der russische Präsident. Dennoch zeigten solche Aufrufe Wirkung, so Dolin - bei lokalen Behörden, die Auftrittsverbote für Musiker aussprechen, wie im Fall des Rap-Duos Ice-Peak, weil sie ihre Texte als jugendgefährdend einstufen. Oder auch bei ganz normalen Bürgern, die Filmvorführungen stören, weil sie das Gezeigte für unpatriotisch halten, wie kürzlich in Moskau bei der Vorführung des Films "Prazdnik". Einer Komödie, die zur Zeit der Blockade von Leningrad spielt und in den Augen vieler ein weiteres Tabu bricht.

Das Gefühl moralisch auf der richtigen Seite zu stehen

Oft brauche es keinen Aufruf von höherer Stelle. Es reiche bereits das Gefühl, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen - und auch in diesem Sinne zu handeln. Der Druck auf kritische Künstler in Russland bestehe also auch ohne dass der Staat sie überhaupt aktiv unterdrücken muss, so Dolin: "Man darf nicht daraus den Schluss ziehen, dass in Russland ein offizielles System der Zensur und Unterdrückung besteht, das stimmt nicht. Alles ist viel schwieriger und feiner. Es ist extrem schwer dies zu greifen und zu beschreiben."

Und so bleibt auch der Fall Kirill Serebrennikov schwer greifbar. Seit mittlerweile eineinhalb Jahren steht er unter Hausarrest. Er darf nicht ins Internet und auch nicht telefonieren. Kontakt hat er nur zu seinem Vater, seinem Anwalt und zu den Ermittlern. Nur zwei Stunden am Tag darf er seine Wohnung verlassen, um spazieren zu gehen. Dennoch arbeitet er, inszeniert seine Stücke via Videobotschaft auf USB-Stick. Er macht weiter - so gut es geht. "Alles, was wir haben, ist unsere Arbeit, die Kunst und die Menschen, mit denen wir gerne zusammen sind. Uns wurde alles weggenommen. Und dieser Druck ist ein Versuch mich psychologisch als Persönlichkeit zu vernichten." In seinem Prozess plädiert Kirill Serebrennikov auf nicht schuldig. Sollte er verurteilt werden, drohen ihm mehrere Jahre Haft.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 10.03.2019 | 14:20 Uhr

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