Das Archivbild vom 19.02.1982 zeigt den Künstler Joseph Beuys in Bonn. © picture-alliance / DPA Foto: Peter Popp

Schamanismus und Anthroposophie: Die Denkmuster von Joseph Beuys

Stand: 12.05.2021 12:16 Uhr

Joseph Beuys wäre am 12. Mai 100 Jahre alt geworden. Mit seinen außergewöhnlichen Aktionen wollte Beuys die Kunst revolutionieren. Seine Denkweisen wurzeln in der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Das Archivbild vom 19.02.1982 zeigt den Künstler Joseph Beuys in Bonn. © picture-alliance / DPA Foto: Peter Popp
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von Martina Kothe

Den Mantel des Schamanen hat Joseph Beuys sich gern übergeworfen. Auch den des Spinners, den man kaum versteht, der mit Tieren spricht, sich mit Honig und Gold einreibt, in Filz wickelt und die rechten Winkel mit Fett auskleidet. "Immer im Hinblick auf den wahren Bedarf des Menschen nach Freiheit, also nach Geist, nach Gerechtigkeit, also nach Demokratie, oder nach einer brüderlichen Wirtschaftsordnung", erklärt Joseph Beuys Mitte der 1970er-Jahre anlässlich einer Ausstellung seiner Bilder in der Kestner-Gesellschaft in Hannover. "Wenn das also diese Fachwissenschaften zu wenig radikal leisten, muss das meines Erachtens der wichtigste Menschheitsbegriff leisten, nämlich: die Kunst."

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Steiners Anthroposophie begeistert Joseph Beuys

Bereits Ende der 1940er-Jahre begegnet er der "Dreigliederung des sozialen Organismus": Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben, einer von etlichen Dreiklängen, ersonnen und niedergeschrieben von Rudolf Steiner. Die Ideen des Anthroposophen begeistern ihn. Sie werden zu künstlerischen Wurzeln, zu gesellschaftspolitischen Forderungen. Das von Steiner dargestellte Zusammenwirken von Mensch, Natur und Kosmos, die Schnittstelle von Leben und Tod, Leib, Astralleib und Ätherleib - all das bildete ein Hintergrundrauschen im Werk von Joseph Beuys. "Ja, man weiß wenig über die Seele, das geb' ich zu. Es gibt allerdings Menschen und Strömungen in der Zeit, die dort umfassenderes wissen, also die eine Seelenforschung betrieben haben", sagte Beuys. "Und wir sehen den größten in unserer eigenen Zeit, des 20. Jahrhunderts, das ist Rudolf Steiner, der etwas über die menschliche Seele aussagt - in dieser umfassenden Weise, die hineinreicht in alle Bereiche der menschlichen Arbeit."

Das Übersinnliche und Schamanismus interessieren Beuys

Das Umfassende, Holistische, das Beuys mit seinem Kunstbegriff meint, die Wirkmächtigkeit dessen, was man tut als Mensch, und das Übersinnliche beschäftigen ihn. Das Interesse mündet in eine Neu-Interpretation des Schamanismus, eine erfundene Geschichte wird zur Initiation. Denn Beuys ist nie, wie er es in seinem "Lebenslauf-Werklauf" beschreibt, von Krim-Tataren in Fett und Filz gewickelt nach einem Flugzeugabsturz gerettet worden. Tatsächlich findet sich der damalige Bordfunker Beuys nach dem Absturz im Zweiten Weltkrieg - ganz schnöde - im Lazarett wieder. Er überlebt den Krieg und beginnt mit dem Kunststudium in Düsseldorf.

Feldarbeit zur inneren Genesung

Die eigentliche Lebenskrise ereignet sich Mitte der 1950er-Jahre am Niederrhein. Depressiv liegt Beuys im verdunkelten Zimmer, wendet sich von der Welt ab. Die Familie van der Grinten, deren Söhne die ersten Sammler des Künstlers sind, nimmt ihn einige Monate auf. Er arbeitet auf dem Feld und gewinnt neuen Lebensmut. "1956-57 - Beuys arbeitet auf dem Felde", betitelt der Künstler diese Zeit später in seinem Werklauf. Rückblickend sieht er die Ereignisse als innere Genesung.

Der französische Autor, Dichter und Kunstkritiker Alain Borer schreibt: "Schamane - ein Kranker, der sich selbst geheilt hat." Und weiter: "Jedes Mal, wenn es einem Schamanen gelingt, an der Lebensweise der Tiere teilzunehmen, stellt er gewissermaßen die Situation her, die in mythischen Vorzeichen existierte, als der Riss zwischen dem Menschen und dem Tier noch nicht vollzogen war. In genau diesem Sinne kann man Beuys als mythisch bezeichnen, nicht in der Art der Künstler dieses Jahrhunderts, die selber zu Herstellung ihres persönlichen 'Mythos' beitragen, sondern als Demiurg und lebendes Symptom einer kollektiven Tradition."

Beuys Kunst beruht auf anthroposophischen Welt- und Menschenbild

Verbalisiert hat Joseph Beuys das anthroposophische Welt- und Menschenbild viel und oft. Hat man einmal den Blick dafür geschärft, so sieht man die Arbeiten von Beuys anders - und am Ende wird die berühmte Fettecke zum Versuch, den rechten Winkel abzuflachen - ein wesentliches Merkmal anthroposophischer Architektur. Aber, das ist dann vielleicht doch eine Überinterpretation. Oder?

Beuys selbst sagte: "Da sind ja solche Einseitigkeiten nie so verkehrt, dass nicht auch ein bisschen davon richtig wäre."

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NDR Kultur | Journal | 06.05.2021 | 18:00 Uhr