Stand: 01.03.2020 11:17 Uhr

Premiere für "(R)Evolution" im Thalia Theater

von Peter Helling

Yuval Noah Harari ist Historiker und hat mit "Eine kurze Geschichte der Menschheit" einen Weltbestseller geschrieben. Sein letztes Buch, "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert", hat jetzt einen Theaterabend inspiriert, "(R)Evolution" heißt er. Inszeniert hat ihn Yael Ronen, Hausregisseurin des Berliner Maxim Gorki Theaters, am Hamburger Thalia Theater. Es war ihre erste Inszenierung am Haus.

Die Schauspieler Tim Porath und Dimitrij Schaad stehen während der Fotoprobe von "(R)Evolution. Eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert" auf der Bühne im Thalia Theater. © picture alliance/dpa Foto: Georg Wendt
Im Bühnenraum überwältigt eine riesige Spielfläche, hebt und senkt sich wie ein Display, ein Hightech-Screen als Spielfläche

Der Theaterabend beginnt spannend, ja gefährlich. Es ist sein bester Moment. Schauspieler Dimitrij Schaad tritt lässig als Dimitrij Schaad vor das Publikum und kündigt ein Theater der Zukunft an, eines, das sich aus Daten des Publikums speist, etwa Blutdruck und Puls – gewonnen mit Hilfe von Sensoren in den Theatersitzen. "Endlich" würden geheime Vorlieben, Körperwärme, Ängste und Sehnsüchte gemessen und per Algorithmus zeitgleich in brandneue und individuell zugeschnittene Theaterstücke gegossen, endlich lohne sich Theater wieder. Und kurz, ganz kurz: das Gefühl echter Gefahr. Werden hier einzelne Zuschauer raus gepickt, durchleuchtet? Ganz kurz die Ahnung: Das könnte was werden, dieser Blick in die Zukunft des Jahres 2040.

Grandioses Bühnenbild

Was dann passiert: Der eiserne Bühnenvorhang hebt sich - per Ansage Schaads an "Alekto", eine Künstliche Intelligenz, deren Name natürlich an "Alexa" erinnern soll, die virtuelle Assistentin eines Online-Versandhändlers. Der Blick in den Bühnenraum überwältigt (Bühne: Wolfgang Menardi). Die Wände bestehen aus hellen, grob vernähten Zeltplanen, unten auf dem Boden Asche, kaputte Plastikstühle, Wohlstandsmüll. Und mitten im Raum schwebt eine riesige Spielfläche, hebt und senkt sich wie ein Display, ein Hightech-Screen als Spielfläche. Mit einem Loch in der Mitte. Videos flackern über die Wände, fiktive Nachrichten von 2040: Niederlande untergegangen! Arbeitslosigkeit in Deutschland liegt bei 40 %! Eine Cyber-Attacke einer Untergrundorganisation namens "die Naturalisten"! Zahlenkaskaden, geometrische Formen lassen die Flächen schwanken. Das sieht toll aus, dieses Medienlabor des Grauens.

Szenen wie aus einer Sitcom

Es ist eine Welt der Simulationen, der Prognosen. Alekto weiß alles, hier ganz real gespielt von einem Schauspieler, einer Schauspielerin, immer im Wechsel gucken sie aus dem Loch der schwebenden Ebene heraus: Mit silbergrauer Vokuhila-Frisur, freundlicher Stimme und sanftem Lächeln beherrscht Alekto alles. Auch das Leben von Lana und René (Ehrgeiz-zerrieben spielt Birgit Stöger und schluffig-nölend André Szymanski). Die wollen ein Kind, gehen zum Genetik-Arzt Stefan (ölig und kalt-berechnend: Tim Porath), der ihnen den perfekten Nachwuchs designen will. Auch wenn Renés Genmaterial dürftige Resultate verspricht. Hochintelligenz mit fünf Jahren? Krebsrisiko gesenkt? Das Elternpaar hat die Wahl, aber kein Geld. Zweite Erzählebene: Arzt Stefan hat nur noch Cyber-Sex mit seinem Freund Rickie (cool und durchlässig: Dimitrij Schaad), für einen einfachen Kuss reicht es nicht mehr. Sie machen eine Paartherapie, natürlich auch beim allwissenden Alekto. Mit lahmen Therapie-Witzen samt Kleenex-Box und Was-fühlst-du-so?-Dialogen. Dritte Erzählebene: Tatjana (mit verzweifelter Anmut: Marina Galic) hat eine schlechte Zukunftsprognose, nachdem ihre Mutter stirbt. Sie gilt als radikalisierbar: Tatjana verliert ihren Job, Alekto hört alles mit. Szene reiht sich lose an Szene, flott gespielt. Sitcom-tauglich, oberflächlich. Optisch geschliffener Boulevard. Nie wirklich bedrohlich.

Vor der Zeit gealtert

Das Stück spielt mit einer Zukunft, die schon dabei ist, Wirklichkeit zu sein. Stichwort: Internet der Dinge! Kühlschränke, die mit uns sprechen und dabei die Stimme unserer Mütter haben (weil wir nur auf sie hören), ein Toaster, der Gefühle zeigt! Das ist lustig, aber nicht neu, und: Wen möchte Regisseurin Ronen eigentlich erreichen? Die Sorglosen, die bereitwillig ihre Daten an Google und Co. verschleudern? Dafür fehlt es hier an Schärfe, an gedanklicher Tiefe. An keinem Moment spielt das Ensemble die vielen gedanklichen Ebenen von Hararis Buch aus. Oder die echt Besorgten? Die nimmt die Regisseurin nicht ernst, weil sie alles verharmlost. Zugegeben, selten sah die Zukunft auf einer Bühne so gut aus wie hier, nur: Selten war sie so vor der Zeit gealtert.

Die Gegenwart hat das Stück überholt

Es wird viel gelacht im Thalia Theater, die Kalauer-Dichte ist hoch, das Publikum nimmt die Szenen mit wohligem Grusel auf. Aber: Diese Zukunftsvision von 2040, die Ronen und ihr Team formschön auf die Bühne pflanzen, sie ist längst von der Gegenwart des Jahres 2020 überholt. Man denke an die Proteste in Hongkong. An ein China, das jeden und jede seiner Bürger durchleuchten will. Das sollte uns ernsthaft Sorgen machen. Was vom klugen Buch von Yuval Noah Harari übrig bleibt? Nur schöne, leere Bilder. Wer wirklich wissen will, wie Zukunft klingt, schlage nach bei Theaterautoren wie Elfriede Jelinek oder Thomas Köck.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 29.02.2020 | 19:30 Uhr