Stand: 06.04.2020 16:31 Uhr

"Gott der Malerei" - Zum 500. Todestag von Raffael

Sie nannten ihn "Gott der Malerei": Vor 500 Jahren ist Raffael - mit gerade einmal 37 Jahren - gestorben. das Multitalent war Maler, Architekt, Bauleiter und Ausbilder, aber auch der erste Denkmalpfleger der Geschichte. Ulrich Pfisterer hat eine Monografie über den Ausnahmekünstler verfasst - der Titel: "Raffael - Glaube, Liebe, Ruhm". Ein Interview mit dem Kunsthistoriker.

Herr Pfisterer, wie kann es sein, dass ein Künstler über 500 Jahre hinweg populär ist, dass sich auch so viele nachfolgende Künstler an ihm orientieren?

Ulrich Pfisterer © Daniel Schvarcz
Historiker Ulrich Pfisterer hat sich intensiv mit dem Ausnahmekünstler Raffael beschäftigt.

Ulrich Pfisterer: Das liegt vor allem an zwei Faktoren: Raffael hat in ganz unterschiedlichen Bereichen in kürzester Zeit wegweisende Lösungen formuliert und entwickelt. Außerdem hat Raffael als Künstler und als Künstlertyp eine Selbstdarstellung und ein Selbstverständnis entwickelt, das für die spätere Kunst ganz entscheidend war. Beides sorgte dafür, dass Raffael nach seinem Tod im Zusammenhang mit Akademien, mit künstlerischer Ausbildung, mit Kunsttheorie, mit Publikumsgeschmack einen spektakulären Aufstieg hinlegte.

Was sind das für Lösungen? Können Sie ein Beispiel nennen?

Pfisterer: Man muss dazu sagen, dass Raffael in einem hochkompetitiven Umfeld arbeitete, neben Personen wie Michelangelo und Leonardo da Vinci. Insofern kann man nicht sagen, dass er der Erste und Einzige war, der etwas getan hat. Aber was Raffael in deutlicher Abgrenzung zu diesen beiden machte, ist eine neue Form von Bilderzählung, die ganz souverän mit dem menschlichen Körper, mit Perspektive, mit Rekursen auf die Antike umgeht, verbunden mit einer sehr überzeugenden Farbgebung. Zudem realisierte er eine Unzahl von Projekten in kürzester Zeit.

Raffael schien als Mensch charmant und liebenswürdig gewesen zu sein. Ein Netzwerker würden wir aus heutiger Sicht sagen. Welche Vorstellungen haben Sie von Raffael? Was war er für ein Mensch?

Buchcover: Ulrich Pfisterer - Raffael: Glaube, Liebe, Ruhm © C. H. Beck Verlag
Ulrich Pfisterers Monografie "Raffael - Glaube, Liebe, Ruhm" ist im C.H. Beck Verlag erschienen und kostet 58 Euro.

Pfisterer: Die Frage, wie jemand wirklich war, ist die schwerste überhaupt, denn Künstler entwerfen Bilder - sie stellen sich nicht unbedingt unmittelbar in ihren Werken dar. Im Falle Raffaels ist es noch viel schwieriger, denn im Unterschied zu Michelangelo oder Leonardo, von denen wir eine Unzahl von Aufzeichnungen, Briefen und Studienbüchern besitzen, sind von Raffael im Prinzip nur zweieinhalb Briefe erhalten und sonst nur indirekte Zeugnisse. Aber was diese Zeugnisse sowie sein künstlerischer Erfolg und seine Werke zeigen, ist, dass er das neue Ideal des Hofmanns, wie es Baldassare Castiglione im frühen 16. Jahrhundert entwickelt hat, perfekt umsetzte: gebildet, in seinen Umgangsformen angenehm, zuverlässig - und alles scheinbar ohne große Anstrengung realisierend.

Ein zweiter Punkt ist die Vorstellung, dass Raffael sich besonders intensiv mit Frauen beschäftigt und ein ausgeprägtes Liebesleben hatte. Das ist nicht nur nachträgliche Fantasie und Fiktion, sondern dafür gibt es schon zu seinen Lebzeiten Hinweise.

Inwiefern können denn Frauen den Ruhm eines Künstlers begünstigen?

Pfisterer: Im frühen 16. Jahrhundert sind Erotik und Sexualität zu einer zentralen Kategorie der Kunst geworden. Das hat es vorher natürlich auch schon gegeben, aber im frühen 16. Jahrhundert kommt die Idee auf, dass Kunst umso besser ist, je mehr sie zum Beispiel erotische Wirkmacht entfaltet. Oder anders formuliert: Je erotischer und sexuell attraktiver ein Gemälde ist, desto besser ist der Künstler. Solche Vorstellungen sind entscheidend, um manche Werke von Raffael, zum Beispiel die Ausmalung der Villa Farnesina mit sehr erotischen Fresken, zu verstehen.

Raffael war schon zu Lebzeiten ein Star. Er starb als reicher, berühmter Mann - wenn auch früh, mit 37 Jahren. Wie muss man diesen Ruhm bewerten, wenn man bedenkt, dass viele Künstler erst nach ihrem Tod Weltruhm erlangten?

Pfisterer: Der Aufstieg von Raffael, vor allem von dem Moment an, als er 1509 in Rom ankam, lässt sich nur als spektakulär beschreiben. Das ist keinem anderen seiner Kollegen in dieser Zeit gelungen. Michelangelo hatte ein viel längeres Leben, um diesen Ruhm zu entwickeln. Und es ist auch ganz entscheidend, dass Raffael selbst durch Geschick, durch Intuition, durch glückliche Konstellationen zu seinem Ruhm beitrug.

Für Raffael waren Druckgrafiken und Kupferstiche etwas, das für uns heute zum Beispiel ein Instagram-Account ist. Wie muss man sich das vorstellen: ein Netzwerker am Anfang des 16. Jahrhunderts?

Pfisterer: Die Person, die mitentscheidend war, um die Werke und Ideen Raffaels druckgrafisch zu reproduzieren, war Marcantonio Raimondi. Raimondi hat vorher durchaus auch versucht, mit Michelangelo in Kontakt zu kommen, um dessen Werke zu stechen, aber Michelangelo wollte das sehr wahrscheinlich nicht, weil die Druckgrafik seine Zeichnungen nicht perfekt umsetzen konnte. Raimondi arbeitete dann vor allem mit Raffael zusammen und Raffael kapierte offensichtlich sofort, welches Potenzial es birgt, wenn man eine Bilderfindung nicht nur an einem Ort sehen, sondern potenziell in ganz Europa verbreiten kann.

Wenn sie heute die Gelegenheit hätten, Raffael etwas zu fragen: Was würden Sie von ihm wissen wollen?

Pfisterer: Ich würde von ihm vor allem wissen wollen, wie er es geschafft hat, auch als Architekt tätig zu sein. Denn 1514 wurde Raffael vom Papst zum Oberarchitekten der Baustelle von Sankt Peter ernannt, dem anspruchsvollsten und größten Bauvorhaben in ganz Europa. Wir wissen kaum etwas über seine vorherigen architektonischen Arbeiten - ich würde Raffael also nach seiner architektonischen Ausbildung und Kompetenz fragen wollen.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.04.2020 | 19:00 Uhr