Stand: 15.05.2018 13:49 Uhr

Süffiges Kabarett am Rande der Anarchie

von Peter Helling

Der vielfach ausgezeichnete Kabarettist Gerhard Polt ist einer der besten seines Fachs. Beim 30. Hamburger Kabarett-Festival im St. Pauli Theater bringt er den Saal zum Kochen, zusammen mit seinen Musikern, den Well-Brüdern aus'm Biermoos.

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Gerhard Polt (2. v.l.) und die Well-Brüder aus'm Biermoos bringen bayrischen Humor auf die Reeperbahn.

Das St. Pauli Theater gleicht einem Bierzelt auf dem Oktoberfest. Das Publikum jodelt, klatscht, schreit vor Glück. Bayern auf der Reeperbahn? "Das war 'ne glatte Eins, die Wandlungsfähigkeit, Mandela, der bayrische Humor, war super", loben die Zuschauer die anarchische Show von Gerhard Polt und seinen Musikern, den Well-Brüdern aus'm Biermoos: "Ich kenn die seit 35 Jahren und das ist immer wieder gut. Super Musikalität und die Sprüche sind wunderbar!"

Polt und seine Musiker erschaffen einen bayrischen Kosmos

Gerhard Polt und seine drei Musiker, die famosen Well-Brüder: Zusammen erschaffen sie einen ganzen bayrischen Kosmos. Die kleine Bühne ist vollgestellt mit Instrumenten und es kommen sogar drei Alphörner zum Einsatz.

Daneben sitzt Gerhard Polt. Mit schmollendem Gesicht, Lodenjacke und grauem Haar. Dieser unscheinbare Herr ist eine Legende. Ein seltener Kaktus, den etwas Staub bedeckt.

Sein - mit Verlaub - furztrockener Humor, übellaunig und böse, ist aber irgendwie auch menschenfreundlich: Gerhard Polt stellt sich ans Mikrofon und verwandelt sich in einen bayrischen Rentner - nur mit seiner Stimme und einem schiefen Mundwinkel: "Seit fünf Jahren haben wir in unserer Wohnanlage eine Grillverordnung", poltert er. Dass dieser alte Herr inzwischen eine Drohne hat, um den Würstchenverbrauch seines ungeliebten Nachbarn auszuspähen: Wer kommt denn auf sowas?

Ein ganzes Horrorkabinett spießiger Typen tut sich auf. Die Oma, die auf "Helikopter-Mütter" schimpft. Der hundsgemeine Nachbar, der den depperten Karli um 1.000 Euro anpumpt. Dann immer wieder kommt ein neues Lied, ein böser Seitenhieb etwa auf die AfD: "Manche Frauen, die haben Haare auf die Zähne, des liegt in ihrer Natur - aber bei der Alice Weidel hat a jeder Zahn a eigene Frisur."

Anarchisch, untergründig und voll bayrischer Langsamkeit

Der Abend lebt von untergründigem Humor. Aber: Man muss sich einlassen auf die bayrische Langsamkeit - manchmal wird der Abend statisch. Dann wieder bricht anarchischer Humor los. Etwa Polt als radikaler katholischer Priester aus Indien: "I'm coming from India, but it's problem for me, I'm shepherd but no sheep!"

Dieses Kabarett ist weder ein Pointen-Feuerwerk noch ein tagesaktueller Ritt auf dem Trump-Vulkan. Wer sich auf Polt einlässt, der folgt einem Clown. Ohne Pappnase, nur mit dem klugen Augenaufschlag eines Originals, das die Welt, wie sie ist, durchschaut. Das ist erschreckend, entlarvend - und süffig wie ein untergäriges Starkbier aus Bayern.

Gerhard Polt und die Well-Brüder waren am 14. und 15 Mai im St. Pauli Theater auf der Reeperbahn zu sehen. Das 30. Hamburger Kabarett-Festival geht noch bis zum 28. Mai.

Dieses Thema im Programm:

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