Stand: 23.08.2019 18:29 Uhr

Generation Treuhand

von Sebastian Friedrich
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Sebastian Friedrich

Die Hochburgen der Rechten liegen in den ostdeutschen Bundesländern. Bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen am kommenden Sonntag und in Thüringen Ende Oktober könnte die AfD sogar stärkste Partei werden. Vor einem Jahr vermochten es rechtsgerichtete Gruppen in Chemnitz, viele Menschen auf die Straße zu bringen, von denen manche ihrer Fremdenfeindlichkeit freien Lauf ließen. Der Aufstieg der Rechten in den ostdeutschen Bundesländern hat nicht den einen Grund - sicherlich spielen aber die Ereignisse von 1989 ff., die zerstörten Hoffnungen auf blühende Landschaften und die Folgen der Treuhand-Politik eine wichtige Rolle.

Ein reines Ostphänomen?

Es war der 13. März 2016, 18 Uhr: Die ersten Prognosen für die Landtagswahlen in drei Bundesländern flimmerten über die Bildschirme. Strahlende Wahlsiegerin war die AfD, die Alternative für Deutschland. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg holte sie jeweils mehr als zehn Prozent, in Sachsen-Anhalt erhielt sie sogar fast ein Viertel der Stimmen.

Gerade für die AfD im Osten war der Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt ein Dammbruch. In Mecklenburg-Vorpommern konnten die Rechten ein halbes Jahr später ihr Ergebnis aus Sachsen-Anhalt fast wiederholen. Bei der Bundestagswal 2017 und der Europawahl 2019 machten jeweils mehr als 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Ostdeutschland ihr Kreuz bei der AfD.

Geschichte

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Es wird viel geschrieben und gestritten darüber, warum das so ist. Dabei erscheint die Partei schnell als reines Ostphänomen. Eine solche Verkürzung übersieht, dass die AfD bei bundesweiten Wahlen die meisten Stimmen - in absoluten Zahlen - im bevölkerungsreicheren Westen holt. Dennoch: Prozentual betrachtet ist die AfD in den neuen Bundesländern doppelt so stark wie in den alten. Warum erfährt die nationalistische Agenda der Rechten gerade in Ostdeutschland so viel Zuspruch?

Auf den Rausch folgte der Kater

Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, sich das kollektive ostdeutsche Wissen um die Sozialgeschichte infolge der Wende zu vergegenwärtigen. Kollektives Wissen abstrahiert von der Erfahrung des Einzelnen, es ist das kollektive Gedächtnis einer spezifischen Gruppe zu einer spezifischen Zeit. Das kollektive Gedächtnis im Osten weiß nicht nur um die Erfahrungen in der DDR und was 1989 geschah. Es weiß auch, welche Auseinandersetzungen seit der Wende gewonnen und vor allem: welche verloren wurden.

Gewonnen, so jedenfalls die gängige Lesart, haben die Menschen in Ostdeutschland 1989. Unvergessen sind nicht nur den Ostdeutschen die Demonstrationen, die vor 30 Jahren in Leipzig stattfanden. Meistens an Montagen gingen DDR-Bürgerinnen und Bürger auf die Straßen, um für Presse-, Reise- und Versammlungsfreiheit zu demonstrieren. Der Rest ist Geschichte: Auf die Demonstrationen folgte am 9. November der Fall der Mauer, schließlich vollzog sich am 3. Oktober 1990 die Einheit Deutschlands. Freudentaumel damals bei vielen - auch und vor allem in Ostdeutschland. Doch auf den Rausch folgte schnell der Kater. Die Geschichte der sozialen Kämpfe ist in Ostdeutschland nach der Wende vor allem eine Geschichte der Niederlagen. Zwei verlorene Auseinandersetzungen stechen besonders hervor.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 25.08.2019 | 19:05 Uhr

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