Stand: 05.03.2020 13:15 Uhr  - NDR Kultur

Frauen in Berufsorchestern: Die Zukunft ist weiblich

von Dagmar Penzlin

Am 8. März ist der Internationale Frauentag. Für die Deutsche Orchestervereinigung wohl ein passender Anlass, einmal die Geschlechterverteilung in deutschen Berufsorchestern durchzuzählen. Das Fazit: Die Zukunft der Orchester ist weiblich.

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Geigerinnen an der Musikhochschule Robert Schumann in Düsseldorf.

Frauen haben sich in der professionellen Orchesterwelt durchgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt die Deutsche Orchestervereinigung mit Blick auf die Entwicklung in den vergangenen 50 Jahren: Waren 1971 knapp sechs Prozent der Orchestermitglieder weiblich, beträgt der Frauenanteil heute 41 Prozent. Tendenz steigend, sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV): "In der Alterskohorte zwischen 25 bis 45 Jahren liegt der Frauenanteil in deutschen Orchestern schon bei über 50 Prozent. In Zukunft werden auch mehr Führungspositionen, also etwa die von Konzertmeisterinnen oder Solo-Flötistinnen, von Frauen besetzt werden."

"Mädchen sind fleißiger"

So sind im Deutschen Symphonieorchester Berlin beispielsweise gleich zwei von drei Konzertmeister-Positionen mit Geigerinnen besetzt. Auch die Staatskapelle Berlin hat seit Mai 2018 mit Jiyoon Lee eine Konzertmeisterin. Der Grund dafür ist nach Meinung von Mertens offensichtlich: "Bis in die 60er-Jahre waren die Orchester männlich dominiert. Dieser Bestand wächst jetzt raus. Es kommen immer mehr Frauen nach - weil Mädchen und junge Frauen einfach fleißiger sind und sich dann in den Musikhochschulen und später beim Vorspielen durchsetzen."

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Auch die Führungspositionen in Orchestern werden von mehr Frauen besetzt. Eine von ihnen: Geigerin Friederike Starkloff, Konzertmeisterin der NDR Radiophilharmonie.

Rund 40.000 Übungsstunden sind notwendig, um dieses Topniveau zu erreichen, sagt der DOV-Geschäftsführer. In den 1. und 2. Violinen verzeichnet die Orchestervereinigung bereits doppelt so viele Frauen wie Männer. In anderen Instrumentengruppen, gerade bei den Blechbläsern und Schlagwerkern, ist der Frauenanteil noch wesentlich geringer.

Kein Gender Pay Gap bei 129 Berufsorchestern

129 Berufsorchester organisieren sich über die DOV. Und das hat auch für Frauen einen entscheidenden Vorteil: Unabhängig vom Geschlecht erhalten alle - je nach Position im Orchester - den gleichen Lohn, betont Mertens. Also besteht kein geschlechtsspezifischer Lohnabstand. Mertens: "Diesen Gender Pay Gap, den es sicherlich auch im Orchesterbereich gegeben hat, haben wir seit 1971, als wir einen bundeseinheitlichen Flächentarifvertrag eingeführt haben, nicht mehr. Männer und Frauen werden für ihre Arbeit gleich bezahlt."

Frauen verändern die Orchester von innen heraus

Zugleich verändere ein steigender Frauenanteil die Orchester von innen heraus, sagt Gerald Mertens. Und das durchaus positiv. Der DOV-Geschäftsführer denkt an Bilder von traditionsreichen Orchestern aus den 1960er-Jahren: "Da sitzen viele etwas korpulente Herren mit Schlips und Krawatte und drei Damen. Und die heutige Zusammensetzung der Orchester sorgt natürlich für ein ganz anderes Auftreten nach außen, aber auch für einen veränderten Umgangston, andere Themen und einen anderen Spirit innerhalb der Orchester."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.03.2020 | 06:20 Uhr

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