Stand: 11.12.2018 14:14 Uhr

Fliegt die Brieftaube ins Weltkulturerbe?

Die Brieftaubenzucht ist als nordrhein-westfälisches Kulturerbe bereits anerkannt. Nun wollten die Brieftaubenfreunde mehr: Sie wollen in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden. Auch wenn ein entsprechender Antrag jetzt abgelehnt wurde: Die Züchter hoffen weiter.

Eine Glosse von Detlev Gröning

Bild vergrößern
Brieftauben sind seit eh und je verlässliche Boten und Begleiter.

Haben Sie auch ein Weltkulturerbe vor der Haustür? Wahrscheinlich ja, denn davon gibt es Stand heute 1.092 - einmal auch ganz in Ihrer Nähe. Weitere 400 Erbschaften bestehen in regionalen Verhaltensauffälligkeiten wie dem mongolischen Knöchelschießen oder dem Keitumer Klotzentanz.

Heute macht sich die Brieftaubenzucht Hoffnungen. Warum auch nicht? Steht doch der blau-graue Postflatterich wie ein gefiedertes Sittengemälde über dem Ruhrgebiet der 50er-Jahre. Eine Karriere, die sich auch aus der Ferne nachfühlen lässt: Wer hauptberuflich in der siebten Sole feststeckt, wessen Sichthorizont vom Kohleflöz vor dem Bohrhammer und nach Feierabend beim Pils am Nierentisch von der Textiltapete gebildet wird, für den war die Brieftaube das Haustier der Wahl, um stellvertretend für ihren Züchter den Abflug aus dem schlotgrauen Alltag zu machen.

Mehrere Brieftauben sind vor blauem Himmel im Flug zu sehen. © dpa picture alliance Foto: M. Henning

Wer fliegt denn da?

NDR Info - Auf ein Wort -

Die Brieftaubenzucht soll immaterielles Weltkulturerbe werden. Das wünschen sich zumindest die Brieftaubenzüchter. Detlev Gröning bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

4,38 bei 8 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Da die Brieftaube mangels hinreichender Lebenserwartung nicht persönlich zum Denkmal werden kann, käme allein ihre Aufzucht zunächst in eine Art Kultur-Bundesliga, zusammen mit der Haubergswirtschaft und der Pflege von Flechthecken. Im Finale vor einer nationalen Jury ginge es dann um die Plakette "Staatlich geprüfter Touristenmagnet", bevor die Brieftaube vor der Unesco die internationalen Fleischtöpfe anfliegt und den japanischen Kulturlauber vor die Qual der Wahl stellt: Osterpredigt auf dem Petersplatz? Oder doch lieber das Große Gurren im Recklinghausener Dachboden?

Wohlgemerkt: Letzteres bewirbt sich als sogenanntes Immaterielles Kulturgut. Materiell ist klar: Da geht es unter anderem um imposantes Menschenwerk, das die Jahrhunderte überdauert hat: Kathedralen, Klöster, Schlösser, Tempel, die Autobahnbaustelle zwischen Neumünster und Hamburg, also Dinge, die noch existieren werden, wenn wir alle längst das Zeitliche gesegnet haben.

Immateriell ist, was unser Zusammenleben prägt, so was wie Weiberfastnacht, Schützengilde, über die Bahn schimpfen, das Katerschläfchen zur Alka-Seltzer beim Neujahrs-Skispringen oder dieser Tage wieder die fahrige Suche nach Tasten und Knöpfen, um Biathlon-Wettbewerbe, den kleinen Lord oder "Last Christmas" wegzudrücken.

Da uns Norddeutschen der weite Horizont alltäglich gegeben ist, haben wir der Brieftaube als Periskop über einer Rußglocke nie bedurft, und darum fehlt sie uns heute als Nutzvogel im Digitalzeitalter - besonders abends zwischen sieben und zehn, wenn man eine Mail mit Anhang versenden will, während das verstopfte Netz mal wieder auf 14 Bit pro Stunde zusammengekracht ist. Da habe ich schon manches Mal gedacht: So eine Brieftaube wäre jetzt genau das Richtige.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 11.12.2018 | 18:25 Uhr

Mehr Kultur

51:09
NDR Info