Stand: 24.01.2019 08:41 Uhr

"Faking Hitler": Podcast über Tagebücher-Skandal

von Peter Helling

Es war die Presse-Sensation vor mehr als 35 Jahren: Der "Stern" präsentierte die Tagebücher eines gewissen Adolf Hitler. Aus der Sensation wurde der Presseskandal überhaupt. Denn alles war gefälscht. Eine Gaunergeschichte, die 1992 als "Schtonk!" verfilmt wurde. Jetzt wird der ganze Fall vom "Stern" noch einmal erzählt - in einem zehnteiligen Podcast.

Die Hitler-Tagebücher - Stationen eines Presseskandals

Ein Gerücht geht um im Jahr 1981: "Er" ist wieder da. Adolf Hitlers mutmaßlichen Tagebücher von 1932 bis kurz vor seinem Selbstmord tauchen auf. Ein Jahrhundert-Scoop, den man sich nicht entgehen lässt, auch nicht der "Stern" in Person von Gerd Heidemann. Der vielfach ausgezeichnete Reporter wollte diese Bücher, koste es was es wolle, auch Millionen. Er nahm Kontakt auf mit einem gewissen Conny Fischer. Conny Fischer hieß in Wahrheit Konrad Kujau - und war ein brillanter Fälscher.

Ein Hund für Eva Braun

In den Tagebüchern klingt Hitler dann so: "E. [gemeint ist Eva Braun] verbrachte den Weihnachtsabend bei ihren Eltern. Sie hatte sich einen Hund gewünscht. Ich mag nun einmal kleine Hunde nicht, und mit großen kann E. nicht umgehen. Wollte, wenn es geht, einen Chau-Chau. Dann musste ich aber sagen, diese Hunderasse ist falsch und hinterlistig." Es mutet zynisch an, dass Kujau seinen Fake-Hitler von Hunderassen faseln lässt - ihn, den Rassen-Fanatiker.

Gewaltiges Geraune

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Die Pressekonferenz des "Stern" am 25. April 1983. An diesem Tag begann das Magazin mit der Veröffentlichung der angeblichen "Hitler-Tagebücher".

Am 25. April 1983 werden die 62 Bücher der Welt präsentiert. Aber dann: was für ein Flop. Millionen weg, Ruf weg. Und jetzt, mehr als 35 Jahre danach, hat sich der "Stern" an die Aufarbeitung seines Traumas gemacht: "Faking Hitler" heißt der zehnteilige Podcast. Darin raunt es gewaltig. Malte Herwig färbt seine Stimme verschwörerisch, immer mit ironisch gehobener Augenbraue. Das nervt mit der Zeit. Der Podcast macht aus einer großen Peinlichkeit nachträglich eine Räuberpistole.

Zärtliche Männerfreundschaft

Herwig spricht über "Glücksritter und Gauner, Schatzsucher und Spürnasen", verkündet aber auch, "nicht nur im Damals" zu wühlen. Doch leider klingen die beiden ersten Folgen des Podcasts danach. Das Thema ist an sich spannend: Erzählt wird, wie ein bisschen schwarzer Tee das Tagebuch-Papier altern lässt, wie Kujau alles tut, um an Blanko-Originalpapier aus der Nazi-Zeit zu kommen, aber dann doch auf DDR-Qualität zurückgreift. Sehr hübsch auch, wie sich zwischen dem Star-Reporter und dem Meisterfälscher eine zärtliche Männerfreundschaft entwickelt. So hören wir Heidemann in einem Original-Telefonmitschnitt sagen: "Conny, hier ist Gerd. Mensch, ich bin doch so voller Sorge. Warum rufst du denn gar nicht an?"

Zur Harmlosikgkeit geschrumpft

Die echten Telefonate sind dann auch das Spannendste am Podcast. Ärgerlich ist: Der von Kujau zum harmlosen Gemütsmenschen geschrumpfte Herr Hitler klingt auch in den hier eingesprochenen Tagebuch-Passagen zu nett. Auch wenn der Podcast klar Stellung bezieht zum moralischen Fehltritt, den Massenmörder im Nachhinein menschlich anzupinseln.

Selbstverliebte Macher

Das Eigen-Urteil - "moralisch abscheulich ist das alles längst schon" - klingt etwas bemüht, denn tatsächlich strahlt der ganze Podcast eine Selbstverliebtheit der Macher aus. Beim Hören macht sich ein ungutes Gefühl breit, etwa bei dieser Passage: "Noch nie wurde dieser Fall mit so viel authentischem Material, mit solchen Dokumenten der Zeitgeschichte aufgerollt." Geht das nicht auch eine Nummer kleiner? Wieso will man diesen Streich der Pressegeschichte so aufblasen? In Zeiten, wo Politiker den Medien Fake-News unterstellen und leider manch ein Reporter diesen Ruf bestätigt, wird der echte Fake der Hitler-Tagebücher beinahe zur historischen Randnotiz.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 24.01.2019 | 06:40 Uhr

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