Stand: 25.10.2019 11:02 Uhr  - NDR Info

Die weibliche Sexualität und die Erotikbranche

von Elise Landschek

Beate Uhse wäre am 25. Oktober 100 Jahre alt geworden. Dass Frauen das Recht haben, beim Sex auch Lust zu empfinden, war lange keine Selbstverständlichkeit. Noch bis tief in die 60er-Jahre hinein galt der Beischlaf hauptsächlich als eheliche Pflicht der Frau - zu Fortpflanzungszwecken und um den Gatten zufrieden zu stimmen. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert.

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Erotik-Spielzeug wird mittlerweile sogar auf Gesundheitsmessen ausgestellt.

"Die Frauen sind generell neugieriger, experimentierfreudiger und offener im Umgang mit Sexualität geworden. Und in der Realität ist es so, dass die Frauen, sexuell gesehen, nicht so leicht haben, wie die Männer", sagt Susanne Gahr vom Orion-Erotik-Versand. Dieser entstand 1981, als der Beate Uhse-Konzerns aufgeteilt wurde. Der jahrzehntelange Kampf um die Emanzipation trage nun auch hier Früchte. Frauen würden ihre sexuellen Bedürfnisse nicht weiter zurückstellen, sondern sich um deren Erfüllung selbst kümmern. 60 Prozent der deutschen Frauen haben inzwischen ein Sextoy, erzählt Gahr in einem Interview vor einigen Monaten.

Werbung spricht heute auch Frauen an

Pastellfarbene Tapeten statt roter Plüschkissen, sportliche Leggings statt Leoparden-BH: Der Look der Werbeanzeigen und -videos für Erotikartikel hat sich in den vergangenen fünf Jahren komplett geändert. Nicht mehr nur der Mann, der schnelle Erfüllung sucht, werde damit angesprochen, sondern auch die meist anspruchsvollere Frau, so Gahr. "Frauen sind generell aufgeschlossener als Männer, wägen auch mehr ab, was ihre Bedürfnisse erfüllen könnte. Und Frauen legen größeren Wert auf Beratung, Aufklärung, die in den vergangenen Jahren immer zu kurz gekommen ist. Frauen sind ästhetischer veranlagt, legen auch mehr Wert auf Empfehlungen", ergänzt Gahr.

Sexpositive Pornos für Frauen

Auch bei den Pornofilmen hat sich viel geändert. Paulita Pappel, so ihr Künstlername, ist Produzentin, Regisseurin und Darstellerin, sie versteht sich selbst als Feministin. Die 30-jährige Spanierin hat im Internet eine eigene Plattform für sogenannte sexpositive Filme gegründet, also Pornos, die bewusst kein frauenfeindliches Bild vermitteln. Etwa die Hälfte ihres Publikums sei weiblich. "Mein Verständnis von Sexpositivität ist einfach, dass alles kann, nichts muss. Es gibt nichts, wofür man sich schämen sollte, für kein Gefühl, kein Begehren. Wichtig ist, dass wir alles im gegenseitigen Einvernehmen tun müssen", so Pappel.

Unterschiedliche Körper, unterschiedliche Sexualität

Die Frauen und Männer in Pappels Pornos haben nicht immer perfekte Körper und offensichtlich Spaß an ihrer Arbeit. Es geht im Film nicht nur um den Akt an sich, sondern es gibt eine Handlung, improvisierte Dialoge und sogar Gefühle. Das finden auch Männer gut, sagt Paulita Pappel, aber: "Ich sehe das bei mir, es kommen so viele Frauen zu mir die sagen: 'Endlich! Ich suche die ganze Zeit nach dieser Pornografie. Diese Sehnsucht ist total präsent. Für Frauen ist es befreiend, dass in diesen Filmen verschiedene Formen der Sexualität dargestellt sind."

Unternehmerin Beate Uhse im Jahr 1969 © picture-alliance/dpa Foto: dpa

Beate Uhse wird geboren

NDR 1 Niedersachsen -

In "Die 60-Sekunden-Zeitmaschine" macht Jens Krause eine Zeitreise in die Vergangenheit. Heute: 1919 wird Beate Uhse, die Gründerin des ersten Sexshop der Welt geboren.

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"Unsere Sexualität ist geprägt von Scham"

Die Pornoindustrie sei nicht per se frauenfeindlich, sagt Pappel. Jedenfalls nicht frauenfeindlicher als jede andere Branche. Das Problem sei eher ein gesellschaftliches: Viele Männer würden immer noch denken, sie könnten über Frauen Macht ausüben, so Pappel. Das zeige sich auch in den Pornos. Eine Veränderung dieser Verhältnisse müsse in der Erziehung ansetzen: Mädchen und Jungen müsste gleichermaßen vermittelt werden, dass niemand in seinem Geschlecht und seinen sexuellen Bedürfnissen mehr oder weniger wert sei. "Mädchen wird immer noch beigebracht, dass sie sich, wenn sie älter werden, bedecken sollen. Unsere Sexualität ist geprägt von Scham und schlechten Gefühlen. Die müssen wir erstmal wegräumen", so Pappel.

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NDR Info | Kultur | 25.10.2019 | 09:55 Uhr

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