Szene aus "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Deutschen Schauspielhaus © Arno Declair

Geisterpremiere: "Geschichten aus dem Wiener Wald" in Hamburg

Stand: 09.11.2020 10:43 Uhr

Es ist ein echtes Experiment, eine Online-Theater-Premiere. Aber geht das überhaupt, virtuelles Premieren-Fieber? Zuhause, vor dem eigenen Computerbildschirm?

In diesen Corona-Zeiten lassen sich die Theater vieles einfallen, um präsent zu bleiben: Am Sonnabend feierte das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg eine Premiere vor leerem Saal: Ödön von Horváths Stück "Die Geschichten aus dem Wiener Wald".

Alles anders an diesem Theaterabend

An diesem Theaterabend ist alles anders. Dieses Stück ist eine Einladung zum Tanz - auf Abstand. Und: eine Einladung in eine verkehrte Welt. Hier wachsen die Bäume von der Decke, sprichwörtlich. Es ist eine Geisterpremiere, wie Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier am Anfang passend bemerkt: "Ungewöhnliche Zeiten wollen eben auch ungewöhnliche Ideen, und das ist eine unserer Ideen, dass wir hier eine Art Gespenstervorstellung für Sie spielen", sagte sie.

Ein Publikum, das man nicht sieht

Der Zuschauersaal des Schauspielhauses ist leer. Vor ihren Bildschirmen Zuhause sitzen irgendwo etwa eintausend Zuschauer und Zuschauerinnen. Ein Publikum, das man nicht sieht, spürt, hört. Geisterhaft. Diese Online-Premiere ist ein Versuch: Jetzt, genau jetzt, steht dieses tolle Ensemble auf der Bühne. Stimmen, eine Sprache wie ungekautes Essen. "Die Geschichten aus dem Wiener Wald" von Ödön von Horváth werden bei Regisseurin Heike Goetze zum alptraumhaften Reigen der gesichtslosen Dämonen. Männer, Frauen in geblümten Kitteln, geschnürte Kopftücher, die Gesichter mit bunten Tüchern verhüllt. Dies hier ist die Geschichte einer Gesellschaft in Auflösung.

Story eines gesellschaftlichen Abstiegs

Marianne, die Hauptfigur, wäscht sich pausenlos die Hände, die gesichtslosen Körper winden sich mal vor Ekel, vor Wollust - und doch ist die Berührung verboten. Marianne wird mit einem Metzger verlobt, verliebt sich in aber einen mittellosen Anderen, und fällt heraus. Dies hier die Story eines gesellschaftlichen Abstiegs, einer brutalen Ächtung. Josef Ostendorfs Stimme gellt kehlig und unheilschwanger durch den leeren Raum. Das Atmosphärische schluckt jede Nuance. Online ist diese Premiere ein zweifelhafter Genuss. Die Stimmen sind nicht immer zuzuordnen, alles suppt ineinander. Marianne, gespielt von Eva Maria Nikolaus, wird zur aufreizenden Tabledancerin im schwarzen Samt-Body. Und: Sie lüftet als einzige ihre Maske. Was für ein Moment. Ein Mensch! Denkt man vor dem eigenen Laptop. Das überträgt sich - viral, also online.

Ein starker, ein mutiger Versuch

Das menschliche Gesicht. Hier wird der Abend plastisch, hierhin führt er: Es ist ein starker, ein mutiger Versuch, Kunst zu machen aus dem Jetzt. Aus diesen Masken, diesem Abstandsgebot. Schon ein hartes Los für ein Ensemble, das Gesicht nicht zeigen zu können. Das macht den Abend auch zu einer Zumutung. Am Ende kommen sie alle nochmal auf die Bühne, Regie, Ensemble, Intendantin. Der Applaus aber, er findet nicht statt. Alle nehmen die Maske ab. Winken in die Kamera. Trauriger geht es irgendwie nicht. Der Abend weckt einen Hunger nach dem Gesicht des unbekannten Menschen. Gleich nebenan.

"Die Geschichten aus dem Wiener Wald" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg werden auch nochmal vor vollem Saal Premiere feiern. Wann genau, kann natürlich jetzt keiner sagen. Klar ist: Die analoge Premiere kommt, verspricht das Schauspielhaus.  

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 09.11.2020 | 19:00 Uhr