Puzzle mit fehlendem Puzzleteil und der Aufschrift Biodiversität © Bildagentur-online/Ohde

Biodiversität: "Wir sind auf ganzer Linie gescheitert"

Stand: 11.10.2021 16:49 Uhr

Vom 11. bis zum 15. Oktober treffen sich die Mitgliedsstaaten der UN-Biodiversitätskonvention, um das weltweite Artensterben zu bremsen. Ein Gespräch mit der Biodiversitätsforscherin Katrin Böhning-Gaese.

Puzzle mit fehlendem Puzzleteil und der Aufschrift Biodiversität © Bildagentur-online/Ohde
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Frau Böhning-Gaese, selbsterklärtes Ziel der UN-Konferenz ist es, bis zum Jahr 2050 "in Harmonie mit der Natur zu leben". In Kunming soll dazu eine Strategie entwickelt werden. Was erwarten Sie von den dortigen Verhandlungen?

Katrin Böhning-Gaese: Wir hatten uns schon vor zehn Jahren Ziele gesetzt, um den Verlust der Biodiversität zu stoppen und die Biodiversität wieder zu fördern, die sogenannten Aichi-Ziele, und von denen haben wir keins wirklich erfüllt. Wir sind also auf ganzer Linie gescheitert. Jetzt ist es umso wichtiger, dass wir uns für die nächsten zehn Jahre ehrgeizige Ziele stecken, sie dann auch umsetzen und es tatsächlich hinkriegen, den Verlust der Biodiversität zu stoppen und die Biodiversität idealerweise wieder nach oben zu bekommen.

Was wissen wir denn überhaupt über das Ausmaß des Aussterbens?

Böhning-Gaese: Dazu gibt es sehr gute Berichte, zum Beispiel den Bericht des Weltbiodiversitätsrats vom Jahr 2019. Der hat festgehalten, dass von den geschätzt acht Millionen Arten, die wir auf der Erde haben, eine Million vom Aussterben bedroht ist.

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Und warum ist Biodiversität so wichtig? Können wir nicht auch mit weniger Arten auf der Erde gut leben?

Böhning-Gaese: Letztlich wird alles, was wir Menschen nutzen - das Wasser, das wir trinken, die Lebensmittel, die wir essen, die Luft, die wir atmen - von der biologischen Vielfalt produziert. Die biologische Vielfalt ist verantwortlich dafür, dass Ökosysteme überhaupt funktionieren. Letztlich ist Biodiversität auch wichtig für unser eigenes Wohlergehen, eigentlich auch für unser eigenes Glück.

Sie haben an einer Studie mitgearbeitet, in der Sie sich mit der Frage beschäftigt haben, wie sich Artenvielfalt auf die menschliche Gesundheit auswirkt. Welche Erkenntnisse konnten Sie hier gewinnen?

Böhning-Gaese: Das war eine Erfassung von über 35.000 Europäerinnen und Europäern, denen 200 verschiedene Fragen gestellt wurden, darunter auch die Frage, wie zufrieden sie derzeit in ihrem Leben sind. Wir haben festgestellt, dass neben den üblichen Faktoren wie etwa Einkommen, die schon gut untersucht sind, der Artenreichtum der Vögel einen großen Einfluss auf die Zufriedenheit hat. Da, wo es viele Vögel gibt, sind die Menschen im Durchschnitt sehr viel zufriedener als da, wo es wenig Vögel gibt.

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Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um den Artenschwund zu stoppen oder vielleicht sogar umzukehren?

Böhning-Gaese: Die wichtigste Ursache für den Rückgang der Artenvielfalt ist die Landnutzung, also die Tatsache, dass wir zum Beispiel tropische Wälder roden oder dass wir in Deutschland und in Mitteleuropa eine sehr intensive landwirtschaftliche Nutzung haben. Die Landwirtschaft spielt eine ganz besonders hohe Rolle, aber auch die direkte Ausbeutung von Arten, wie zum Beispiel beim Fischfang. Letztlich müssen wir da auf ganz verschiedenen Ebenen ansetzen. Zum Beispiel brauchen wir eine Ökologisierung der Landwirtschaft. Aber wir brauchen auch neue Wirtschaftsweisen, wo der wirkliche Wert der biologischen Vielfalt im Preis der Produkte abgebildet ist. Wir müssen auch unseren Konsum und unser Ernährungsverhalten ändern, hin zu weniger Lebensmittelverschwendung und weniger Konsum von Fleisch.

Kann man auch sagen, dass wir Menschen die Haupttreiber des Artenverlustes sind?

Böhning-Gaese: Wir sind als Menschen ganz klar die Hauptschuldigen dieses Prozesses. Für sich alleine, ohne die Menschen, würde die Artenvielfalt im Allgemeinen über die Jahrtausende und Jahrmillionen immer weiter ansteigen. Es sei denn, es gibt irgendwelche Meteoriteneinschläge. Aber dieser ganze Rückgang der Artenvielfalt ist menschengemacht.

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Gibt es noch mehr, was wir im Kleinen tun können?

Böhning-Gaese: Wir können bei uns selbst anfangen: Im eigenen Garten können wir statt eines monotonen Rasens eine Blühwiese anlegen. Oder wir können uns in unserer Stadt dafür einsetzen, dass es da statt Rasen blühende Wiesen und viele Bäume gibt. Unser eigenes Einkaufsverhalten und unser Ernährungsverhalten spielen eine riesige Rolle. Für ein Kilogramm Rindfleisch braucht man 40-mal dieselbe Fläche wie für ein Kilogramm Kartoffeln. Wenn wir uns stärker vegetarisch - es muss nicht fleischlos, aber fleischarm sein - ernähren, hätte das einen riesigen positiven Einfluss auf die Biodiversität.

Was erwarten Sie von der UN-Konferenz? Haben Sie große Hoffnung, dass da Umwälzendes passiert?

Böhning-Gaese: Die Forderungen, die auf dem Papier stehen, sind durchaus ambitioniert. Zum Beispiel sollen bis zum Jahr 2030 30 Prozent der Flächen auf der Erde unter Schutz gestellt werden. Das wäre gegenüber den derzeit 17 Prozent ein deutlicher Anstieg. Diese ehrgeizigen Ziele müssen formuliert werden. Bis jetzt ist noch nicht absehbar, wie verbindlich die sein werden und ob es in Zukunft anders läuft als bei den Aichi-Zielen, bei denen es keine große Verbindlichkeit gab und bei denen wir krachend gescheitert sind.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.10.2021 | 18:00 Uhr