Stand: 18.01.2018 18:27 Uhr

Arno Geiger erzählt von Krieg und Hoffnung

Bild vergrößern
Arno Geiger studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaften.

Für seine Romane "Es geht uns gut" oder "Der alte König in seinem Exil" wurde Arno Geiger bereits mit hochdotierten Literaturpreisen ausgezeichnet. In seinem neuen Roman "Unter der Drachenwand" verbindet der Bestsellerautor einfühlsam das Leben eines jungen Mannes mit der Macht der Geschichte. Er beschreibt darin das Schicksal des Wehrmachtssoldaten Veit Kolbe, der sich 1944 in einem kleinen Dorf in Österreich von seinen Kriegsverletzungen erholen soll. Obwohl er unter furchtbaren Albträumen leidet, wächst in ihm die Hoffnung auf Normalität - nicht zuletzt durch die Hilfe zweier junger Frauen.

Herr Geiger, der Protagonist dieses Romans, der junger Soldat Veit Kolbe, der vom ersten Tag des Krieges alle Schrecklichkeiten, die der Krieg mit sich bringt, miterlebt hat, jahrelang in Russland stationiert war, gekämpft hat, jetzt selbst verletzt worden ist, wird zunächst gepflegt in einem Lazarett im Saarland. Dann wird er zum Genesungsurlaub in seine Heimatstadt nach Wien geschickt. Aber in Wien hält er es nicht lange aus. Warum muss er weg von Wien, warum muss er in die Abgeschiedenheit, unter die Drachenwand?

Arno Geiger: Weil seine Eltern annehmen, dass er noch derselbe ist. Aber nach so vielen Jahren Krieg kommt ein anderer zurück. Er findet auch kein Verständnis für seine Versehrtheit, aber das ist vor allem eine innere Versehrtheit. Für ihn ist Krieg so etwas unmittelbar Schreckliches. Sein Vater redet sehr abstrakt über den Krieg. Er sagt: "Du musst deinen Mann stehen!" Und Veit denkt sich: Was heißt das, meinen Mann stehen und mich der Geschichte würdig erweisen? Warum erweist sich nicht die Geschichte meiner würdig? Das ist also ein Soldat, der verpulvert wird.

Deswegen beginnt der Roman auch mit dem Gedanken, wie unfassbar das ist, und was für ein Glück auch, überlebt zu haben. Aber wenn Sie sagen, Veit sei ein Versehrter des Krieges, dann doch wohl auch deshalb, weil er den Krieg nicht nur als etwas Schreckliches erlebt, das Blut, Tod, Grausamkeit und Gewalt hervorbringt, sondern auch eine maßlos unverständliche Zeitverschwendung ist. Er fühlt sich geradezu "pulverisiert".

Bild vergrößern
"Unter der Drachenwand" von Arno Geiger ist im Hanser Velag erschienen und kostet 26,00 Euro.

Geiger: Seine Jahre sind pulverisiert. Und wenn er in Russland die Staubwolken über die Felder hat ziehen sehen, dann habe er sich hin und wieder gedacht: sieh' an, meine Jahre. Das kann man nur verstehen, wenn man sich in die Situation von so einem jungen Menschen hineinfühlt - und darum ging es mir beim Schreiben: nachvollziehbar machen, was nur ein Roman nachvollziehbar machen kann.

Das ist die bestdokumentierte Zeit in der Menschheitsgeschichte - da bin ich mir ziemlich sicher. Es gibt so viele wunderbare, großartige Historiker, und die haben auf diesem Feld Herausragendes geleistet. Aber der Historiker ist an Nachprüfbarkeit gebunden; was nicht in den Quellen steht, ist für den Historiker kein Terrain, das er betreten darf. Aber der Roman darf das. Ich kann versuchen, Kraft des Romans, nachvollziehbar zu machen, wie es sich anfühlt, im sechsten Kriegsjahr zu leben. Das kann nur der Roman. Die Gewaltgeschichte - das kann der Film erzählen, da ist der Film viel dynamischer und kann mit Bildern arbeiten. Mich hat dieser Trampelpfad der Geschichte gar nicht interessiert - mich interessiert: Was macht Krieg mit den Menschen, was macht Krieg mit den Privatleben?

Manchmal wünscht man sich, man könnte, zumindest für eine begrenzte Zeit, eine Figur in einem Ihrer Romane sein. Sie haben Ihre Figuren sehr lieb, oder?

Geiger: Ich bin der festen Überzeugung, dass man seine Figuren annehmen muss. Ich muss ihnen offen begegnen, mit Neugier, damit ich etwas von ihnen erfahre. Ich muss einverstanden sein mit meinen Figuren, auch mit ihren Schwächen. Ich muss neugierig und offen sein, ich darf nicht urteilend sein. Denn wenn ich mir einbilde, schon alles über sie zu wissen, dann verstellt mir das den Weg zum besseren Verständnis.

Sie haben gesagt, in "Unter der Drachenwand" gehe es eigentlich nicht um den Krieg, eher gehe es zum Beispiel um die Liebe. Wir haben hier auch eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen Veit und Margot. Dem Krieg werden in diesem Roman die Liebe und der Sex als Antagonisten gegenübergestellt. Man muss sagen, dass jeder normale Mensch Liebe und Sex angenehmer findet als Krieg. Das ist im Prinzip die Frage, die den ganzen Roman durchzieht: Warum ist der Krieg in seiner unverständlichen Raserei trotzdem als Lebenskonzept mindestens ebenso erfolgreich wie Liebe und Sex?

Geiger: Veit sagt dann auch relativ spät im Roman: "Man nimmt geduldig an einem Ereignis teil, das einen töten will. So ein Krieg ist etwas vom Erstaunlichsten auf der Welt. Und ich finde so einen Krieg auch etwas vom Erstaunlichsten auf der Welt. Ich bin ganz fassungslos. Ich habe mich so auf das alles eingelassen, und ich habe ein bisschen das Gefühl, dass man das in dieser Intensität nicht unbeschadet macht. Und trotzdem war es eine unglaublich schöne, bereichernde Erfahrung."

Die meisten Antikriegsromane lesen wir, weil wir etwas über den Krieg erfahren wollen. Aber die größte Ferne vom Krieg ist tatsächlich die Liebe. Und so gesehen ist auch der echte Antikriegsroman der Liebesroman oder ein Roman, der von Schönheit erzählt. Und das Gegenteil von Schönheit ist nicht Hässlichkeit, sondern Schaden. Und was ein Krieg an Schaden anrichtet, ist unermesslich. So gesehen ist Krieg auch das Gegenteil von Schönheit.

"Unter der Drachenwand" spielt im Jahr 1944 - inwieweit würden Sie diesem Roman dennoch Gegenwärtigkeit zusprechen?

Geiger: Große Gegenwärtigkeit. Ich habe das Buch in den vergangenen zwei Jahren geschrieben, mit meinem ganzen Assotiationsfeld, das ich habe. Für mich war das auch ein Impuls, dass ich mir gedacht habe: Es wird jetzt Zeit, dass du das langsam schreibst. In Syrien dauert der Krieg jetzt auch schon fünf Jahre. Die Leute hier haben überhaupt keine Ahnung - kommt mir manchmal vor -, was das heißt, im Krieg zu leben. Es ist doch selbstverständlich, dass jeder, wenn er kann, weggeht. Auch Margot und Veit sind für uns relevante Figuren. Sie haben nicht viele Spielräume, die Zwänge sind überall - sie sind sich aber bewusst, dass sie nichts zu versäumen haben. Und das sollten wir uns auch oft vergegenwärtigen: Das, was man im Leben versäumt, ist das Leben. Wir merken das nicht so stark, wie sehr wir von außen bestimmt sind, wie sehr wir Kinder unserer Epoche sind, wie sehr wir ein Leben leben, zu dem uns die Gesellschaft führt, wie viele Wünsche uns Tag für Tag uns ins Gehirn geblasen werden. Wir verbrauchen viel zu viele Ressourcen, wir arbeiten tendenziell zu lange. Das wären Gründe genug, da und dort auszubrechen, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Aber im Großen und Ganzen habe ich auch selber Blut im Schuh, da haben wir alle Blut im Schuh, dass wir oft zu sehr mit dem Strom schwimmen.

Das Gespräch führte Alexander Solloch, NDR Kultur

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 19.01.2018 | 13:00 Uhr

Mehr Kultur

54:59
NDR Info
29:11
NDR Info

Albanien: Ein Land im Aufbruch

19.08.2018 07:30 Uhr
NDR Info
56:41
NDR Info