Stand: 02.03.2018 15:08 Uhr

Ein intimer Blick auf Tschaikowsky

Tschaikowsky: Violinkonzert/Streichquartett op.30
von Antje Weithaas
Vorgestellt von Margarete Zander

Es scheint einen aktuellen Trend bei den Interpretationen der Klassik-Hits zu geben und der heißt: die Partitur genau lesen. Das sagt Isabelle Faust zu Mendelssohn, das sagt Teodor Currentzis zu Tschaikowsky - und das sagt jetzt auch die Geigerin Antje Weithaas, die seit neun Jahren die Camerata Bern leitet. Sie überrascht mit Tschaikowskys Violinkonzert.

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Antje Weithaas wirft mit ihrem neuen Album einen intimen Blick auf den Menschen Tschaikowsky.

Poetisch beginnt die Camerata Bern das Konzert und nobel steigt die Solistin ein. Ein Bruch mit der großen russischen Tradition? "Ich finde es sehr interessant, dass viele, die aus der russischen Tradition kommen, sich immer auf David Oistrach berufen", sagt Weithaas. "Manchmal möchte ich ihnen einfach vorschlagen: Hört euch doch mal eine Aufnahme von ihm an! Das ist ein extrem nobler Geiger gewesen, und da ist man heute sehr weit weg davon."

"Sehnsucht, Melancholie, unheimliche Trauer"

Das Konzert verliert nicht an Dramatik. Es gewinnt über die Leichtigkeit der Virtuosität von Weithaas an Persönlichkeit und die setzt sich - ohne Dirigenten - direkt in der Camerata Bern fort.

Weithaas ist sehr weit weg vom überladenen Pathos. Sie verlässt den schwülstigen, mit Druck im Vibrato schwelgenden Sound, der an die großen russischen Romanverfilmungen erinnert und wirft einen intimen Blick auf den Menschen Tschaikowsky. Der damals 38-Jährige erholt sich in der Sommerfrische von seiner vor kurzem geschlossenen Ehe und sehnt sich nach einem männlichen Partner.

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"Er muss ein wahnsinnig feiner Mensch gewesen sein, sehr aristokratisch in seiner ganzen Art und Weise", findet Weithaas. "Für mich gibt es auch viele französische Einflüsse, also die russische Aristokratie, die immer nach Frankreich geschaut hat. Aber er ist auch ein furchtbar tragischer Mensch gewesen, der nie so leben konnte, wie er es eigentlich wollte. Sehnsucht - das ist das erste Wort, was einem bei Tschaikowsky einfällt, Sehnsucht, Melancholie, unheimliche Trauer." Die Türen zu dieser Welt öffneten sich für Weithaas in den Briefen von Tschaikowsky und in der Partitur selbst, der Urtextausgabe von Henle.

Neugier und Lust am gemeinsamen Entdecken

Die Camerata Bern und Antje Weithaas haben sich gemeinsam auf das Abenteuer eingelassen. Neugier und Lust am gemeinsamen Entdecken, das ist die Stimmung, die dort herrscht, wenn die Solistin und das Ensemble ohne Dirigenten miteinander musizieren. Und es ist keine Frage, dass die Geiger im Stehen spielen und den inneren Schwung der Musik durch ihre natürliche Körperspannung unterstützen.

Neben der Verschlankung des Violinkonzertes gibt es auf der CD eine Vergrößerung des 3. Streichquartettes. In der Ensembleversion geht die Intimität des Streichquartettes ein wenig verloren, aber etwas kommt hinzu, vor allem durch die Kontrabässe, und das ist das stärkere Gefühl der Trauer. Es-Moll ist die Tonart dieses Streichquartettes. "Wenn Geister eine Stimme hätten, dann würden sie so klingen", hat der Musikgelehrte des 18. Jahrhunderts C.F. Daniel Schubart gesagt. Hier trauern wir also mit Tschaikowsky um seinen Geiger-Freund. Und das Ende in Es-Dur - ist das ein Zeichen des Trostes? "Für mich ist es eher eine Art von Verklärung", so Weithaas. "In einer religiösen Ausrichtung gedacht ist es einfach die Erlösung."

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Antje Weithaas - Tschaikowsky: Violinkonzert/Streichquartett op.30

NDR Kultur -

Die Camerata Bern und Antje Weithaas haben sich gemeinsam auf das Abenteuer Tschaikowsky eingelassen.

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Tschaikowsky: Violinkonzert/Streichquartett op.30

Label:
Avi

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 05.03.2018 | 15:20 Uhr