Stand: 17.03.2020 12:41 Uhr

Maßnahmen gegen Corona: Zivilgesellschaft außer Kraft?

von Ulrich Kühn

Gegen das Coronavirus sollen jetzt einschneidende Maßnahmen helfen. So ergab sich, unter anderem, eine stattliche Liste an Schließungen: Museen, Kinos, Theater, Konzertsäle, Opernhäuser, Schwimmbäder, Jugendhäuser, Fitnessstudios, Bars, Diskotheken, Clubs, Tierparks und Bordelle - geschlossen. Sogar Spielplätze sind tabu. Macht die Zivilgesellschaft die Schotten dicht?

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Ulrich Kühn ist Leiter der NDR Kultur Literaturredaktion.

Das öffentlich-zivile Leben - geschlossen. So etwas gab es, hört man jetzt, seit dem Krieg nicht mehr. Aber das trifft die Sache nicht. Im Krieg war alles unendlich viel schlimmer. Und doch gab es Möglichkeiten, die leider oft missbrauchte Musik im öffentlichen Raum zu erleben. Inmitten der schon zerstörten Hauptstadt gaben die Berliner Philharmoniker Konzerte, deren Aufnahmen heute noch fesseln, in aller Ambivalenz. Am Pult stand der genialisch begabte, später zurecht umstrittene Wilhelm Furtwängler, und Teile des Publikums waren seit Jahren infiziert durch ein mörderisches Virus, eine tödliche Ideologie. Im Raum aber war Musik und rührte mit ihren Vibrationen an sensiblere Schichten der Seele, sofern sie nicht abgetötet waren.

Himmelsklang in der Gespensterwelt

Vor ein paar Tagen, im März des seltsamen Jahres 2020, von dem die Welt lange sprechen wird, gaben die Berliner Philharmoniker in ihrer "Digital Concert Hall" ein Gratis-Konzert. Begnadete Exponenten einer Klassik-Kultur, die den Übergang ins Jetzt geschafft hat, produzierten Himmelsklang in der Gespensterwelt. Nach dem Schlussakkord wandte sich Dirigent Simon Rattle zum leeren Saal, deutete eine Verneigung an; ein trauriges Lächeln in die Ödnis, ein paar Worte ans Orchester, dann ging man seiner Wege.

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Wenn Freiheitsrechte eingeschränkt werden

Die neuen "Knallhart-Maßnahmen", wie die "Bild"-Zeitung sie taufte, sind sicher richtig im Sinne der Medizin, die jetzt mitregiert. Was hilft, Corona zu stoppen, soll getan werden und verdient Unterstützung. Aber bei vollem Bewusstsein. Wenn Freiheitsrechte eingeschränkt werden, haben wir Grund zu sprechen. Wenn die Bundeswehr ins Zivile greift, und sei es mit helfender Hand, haben wir Grund zu sprechen. Wenn Öffentlichkeit außer Kraft ist, bis auf Grundfunktionen: Müssten wir nicht über uns erschrecken, wenn wir das, stöhnend vielleicht, als die "neue Normalität" begrüßten?

Inmitten der friedlichen Demokratie blähen sich die Krisengewinnler. Stehlen Desinfektionsmittel, um es teuer zu verkaufen, erfinden aus Geltungssucht und politischer Zerstörungswut Lügen wie die, bald machten die Supermärkte dicht. Hamstervirtuosen prahlen in Online-Foren, die anderen seien zu blöd gewesen, beizeiten Egoisten zu sein. Man ahnt die Fratze einer Bürgerlichkeit, die sich selbst preisgibt. So weit ist es nicht. Doch weil es dahin nicht kommen darf, dürfen wir uns nicht gewöhnen. Bald ist vielleicht kein Raum mehr für Selbstvergewisserung, wenn liebe Menschen im Krankenhaus sind. Nutzen wir die Zeit. Sonst tauchen wir aus der Krise, die viel Trauer erzeugen wird, als derangierte Gesellschaft auf.

Wir sind nicht im Krieg

Der jung-dynamische Präsident Frankreichs, das so stolz die Zivilisation vertritt, spricht von "Krieg". Vermutlich, damit alle kapieren, was die Stunde schlägt. Die Absicht ist gut, das Wort völlig falsch. Wir sind nicht im Krieg. Wir wollen ein Virus eindämmen, das Not und Schmerz produzieren kann. Diskurs und Zivilität werden dabei gebraucht. Deshalb ist alles gut, was jetzt für die Kultur getan wird - für Buchläden, die schließen müssen, für Freischaffende, denen es an die Existenz geht. Bleiben wir kritisch, bleiben wir friedlich. Sonst verlieren wir - uns selbst, als kultivierte Menschen, als mündige Bürgerinnen und Bürger.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.03.2020 | 19:00 Uhr