Stand: 04.10.2019 17:50 Uhr

Das Zeitalter der Ablenkung

von Bernhard Pörksen

Aus Selbstbestimmung wird Verunsicherung

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Die dritte Erkenntnis: Das Lebensgefühl von Politikerinnen und Politikern verändert sich unter den aktuellen Medienbedingungen radikal. Aus dem Ideal der informationellen Selbstbestimmung wird die Erfahrung der informationellen Verunsicherung. Was heißt das konkret? Die Antwort: Politikerinnen und Politiker wissen nie, was andere über sie wissen, wie sie zu diesem Wissen gelangt sind und wie sich dieses Wissen im Extremfall nach dem Muster einer Epidemie verbreitet. Welche Fehlleistungen werden vielleicht schon übermorgen offenbar? Welches Foto in den Archiven bzw. in den Anarchiven des Netzes poppt auf? Längst rivalisiert und interagiert der Politiker der Gegenwart in einer derart grell überbelichteten Welt mit seiner digitalen Zweitpersönlichkeit, seinem Online-Zwilling. Pflegt ihn. Versucht ihn im Sinne der Imagekosmetik aufzupolieren. Bemüht sich um Korrektur. Will die Reduktion auf die eine Fehlleistung - den plötzlichen Blackout in einer Talkshow, den Heulkrampf bei einer Pressekonferenz, das dusslige Ad-hoc-Bild mit dem Mittelfinger -, will diese eine Fehlleistung wieder ungeschehen machen.

Am Ende verlieren alle

Das heißt nicht, dass Politiker stets Opfer sind, dies gewiss nicht. Auch sie versuchen, Medien gezielt zu beeinflussen, Gegner zu diskreditieren, dem Geschehen mit Hilfe von PR-Beratern einen Spin zu geben; auch sie lassen sich mitunter ohne Not treiben und hetzen, produzieren jede Menge Nicht-Nachrichten, ohne Relevanz. Und doch: Politische Kommunikation findet im Social-Media-Zeitalter im Zeichen eines wachsenden Kontrollverlustes statt. Und das ist im Kern eine schlechte Nachricht. Weil in dem Bemühen, die Rest-Kontrolle zu bewahren, eine neue Verzagtheit und Ängstlichkeit entstanden ist, frei nach dem Motto: bloß keinen Shitstorm riskieren und maximal unangreifbar formulieren! Weil die beständig drohende Gefahr des Kontrollverlustes die Hochrüstung im Inszenierungsgeschäft vorantreibt; auch dies ist ein Kollateralschaden der totalen Transparenz. PR-Berater glätten die Lebensäußerungen ihrer politischen Schützlinge, um den letzten Rest Inszenierungsautorität zu bewahren, oft so lange, bis man den Menschen hinter der Phrase endgültig nicht mehr erkennen kann.

Und am Ende verlieren alle: der Politiker, der sich auf dem Weg in die Öffentlichkeit verbiegt und verrenkt; das Publikum, das Authentizität, Ernsthaftigkeit und inhaltliche Profilierung vermisst; ein um Seriosität bemühter Journalismus, der nicht bloß Phrasen verbreiten und sorgsam geglättete Oberfläche zeigen will. Kurzum: Die Öffentlichkeit produziert den visionsfeindlichen Angstpolitiker, den sie dann verachtet; sie folgt mit der Forderung nach permanenter Kommunikationsbereitschaft, authentischer Kantigkeit und absoluter Perfektion einem paradoxen Ideal, das sich von niemandem einlösen lässt. Denn wer authentisch handelt, ist nicht perfekt; und wer perfekt erscheint, kann nicht authentisch sein, ist doch der Mensch, wie schon der Philosoph Immanuel Kant wusste, aus krummem Holze geschnitzt. Und schließlich: Wer fortwährend postet, twittert und kommentiert, der macht unvermeidlich jede Menge Fehler.

Der Abschied vom infantilen Traum der Lichtgestalt

Wie kommt man da raus? Wie lassen sich die Schmerzen der Sichtbarkeit lindern? Der Netzphilosoph David Weinberger hat schon vor Jahren gesagt, dass ein Zeitalter der Transparenz auch ein Zeitalter des Vergebens und Verzeihens sein müsste. Klingt gut. Aber noch ist diese Gesellschaft nicht soweit. Noch gibt es auf Seiten des Publikums und des Journalismus keinen ausreichend ernüchterten Idealismus, keinen Abschied vom infantilen Traum der Lichtgestalt. Und so führt uns die Totalausleuchtung der Politik im Verbund mit den Reaktionszwängen in den sozialen Medien und in Kombination mit den überzogenen Ansprüchen des Publikums direkt in die Ära der Augenblicks-Autoritäten, der Instant-Ikonen und der Stichflammen-Stars. Sie werden gefeiert, um schon ein paar dumme Scherze oder ein paar Skandälchen später wieder in einem Strudel der Negativ-Berichte zu versinken.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 06.10.2019 | 19:00 Uhr

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