Stand: 23.08.2019 18:29 Uhr  - NDR Kultur

Generation Treuhand

von Sebastian Friedrich

Die deutsch-deutsche Schocktherapie

Da sind zunächst die Proteste gegen die Politik der Treuhand. Die Treuhandanstalt hatte die Aufgabe, die DDR-Wirtschaft nach den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft umzubauen. Die ehemals volkseigenen Betriebe wurden zerschlagen, geschlossen oder verkauft. Sehr schnell kam im Sommer 1990 die D-Mark. Die rasch vollzogene Währungsreform und der festgelegte Umtauschkurs zogen der Wirtschaft in Ostdeutschland den Boden unter den Füßen weg, wie der Historiker Marcus Böick in seiner umfassenden Studie zur Geschichte der Treuhand feststellt.

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Wirtschaftsliberale Beamte hofften auf ein baldiges zweites Wirtschaftswunder auf deutschem Boden. Doch das stellte sich genauso wenig ein wie die berühmten blühenden Landschaften, die Helmut Kohl versprach. Auch den Verantwortlichen wurde schnell klar, dass die deutsch-deutsche Schocktherapie, der möglichst schnelle Umbau von der Plan- zur Marktwirtschaft also, nicht ohne Opfer zu haben sein würde. Tausende Betriebsschließungen führten im Jahr 1992 zu mehr als einer Million Arbeitslosen. Dagegen regte sich Widerstand - und zu einem Symbol des Widerstands gegen die Treuhandpolitik wurden die Kalikumpel.

Am Ende wirst du gegen Wirtschaftsinteressen verlieren

Auch das Kalibergwerk im thüringischen Bischofferode sollte geschlossen und die verbliebenen 700 Bergleute entlassen werden. Das ließen diese nicht auf sich sitzen. Zunächst besetzten die Bergleute die Schachtanlagen, demonstrierten vor der Zentrale, fuhren im Autokorso zum Thüringer Landtag. Bis dahin ein typischer Arbeitskampf mit gewohnter Choreographie. Doch im Sommer 1993 traten 40 Bergleute in den Hungerstreik, Ehefrauen und Kolleginnen besetzten die Schachtanlagen.

Dieser Kampf erreichte über das Radio, das Fernsehen und die Zeitungen die Öffentlichkeit. Im ganzen Land - auch im Westen - gründeten sich Solidaritätskomitees. "Bischofferode ist überall" lautete die Losung. Die Streikenden kämpften stellvertretend für diejenigen Ostdeutschen, die sich als Verlierer, als Abgezockte der Wende sahen. Auch weil sich Beteiligte wie Unterstützer Hoffnung machten, dass das Kalibergwerk als gallisches Dorf gegen die übermächtige Treuhand tatsächlich mal einen Sieg erringen könnte - wenigstens einen symbolischen.

Nach mehr als einem halben Jahr Arbeitskampf war es dann vorbei. Nach langen und hitzigen - auch internen - Debatten stimmte eine Betriebsdelegation im Dezember 1993 der Schließung zu. Im kollektiven ostdeutschen Gedächtnis meißelte sich ein: Selbst wenn du alles gibst, selbst wenn du dein Leben aufs Spiel setzt, am Ende wirst du gegen Wirtschaftsinteressen verlieren.

Der Kampf gegen die Agenda 2010

Zehn Jahre nach der Auseinandersetzung in Bischofferode ging es wieder um soziale Gerechtigkeit - dieses Mal gegen die geplante Agenda 2010 von SPD-Kanzler Gerhard Schröder. Aus dem anfänglich vereinzelten Protest in Magdeburg und Leipzig wurde schnell eine Massenbewegung in Ost und West; einer der größten Sozialproteste in der Geschichte der Bundesrepublik.

Doch die Bewegung zerfaserte, abtrünnige SPD-ler und Gewerkschafter organisierten sich in der Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit, der WASG, die später mit der PDS zur Linkspartei fusionierte. Unter dem Strich ging aber auch der Kampf gegen die Agenda 2010, gegen Hartz IV verloren. Die rot-grüne Bundesregierung setzte ihr im Kern wirtschaftsliberales Programm durch, womit eine härtere Gangart gegen Erwerbslose einherging, denen seitdem mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt abverlangt wird.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 25.08.2019 | 19:05 Uhr

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