Opernkonzert

Klischee und Provokation

Samstag, 08. Mai 2021, 19:00 bis 21:00 Uhr

Lawrence Brownlee © picture alliance / ZB | Claudia Esch-Kenkel Foto: Claudia Esch-Kenkel
Lawrence Brownlee als Graf Almaviva in einer Szene der Oper "Der Barbier von Sevilla" von Gioacchino Rossini.

Opern neu zu analysieren aus der Perspektive von schwarzen Menschen - das ist ein Anliegen von Naomi André. Die afroamerikanische Musikwissenschaftlerin ist Professorin an der Universität von Michigan. Sie hat zwei wichtige Bücher veröffentlicht: 2018 "Black Opera" und bereits 2012 gehörte sie zu den Herausgeberinnen des Aufsatzbandes "Blackness in Opera". Wer sich mit Rassismus in Opernwerken beschäftigt - auch als Musikwissenschaftler in Deutschland -, kommt an diesem noch jungen, multiperspektivischen Forschungszweig nicht vorbei.

Giuseppe Verdis "Otello" als Schlüsselrolle

Die Analysekategorie Blackness schärft den Blick dafür, wie die Identität von afroamerikanischen oder afrikanischen Charakteren konstruiert und dargestellt ist. Für Naomi André nimmt die Oper "Otello" von Giuseppe Verdi eine Schlüsselrolle ein, weil die Titelfigur sehr differenziert gezeichnet ist. Verdi und sein Librettist Arrigo Boito haben ihrem Titelhelden einen Auftritt kreiert, wie er effektvoller und glorioser kaum sein könnte. Das Volk wartet am Hafen von Zypern. Gewitter und Sturm wühlen das Meer auf. Otello kommt zurück von einem Einsatz als Gouverneur von Zypern. Er und seine Krieger haben die türkische Flotte besiegt. "Später im 1. Akt klärt er den Streit, den Jago angezettelt hat", so André. "Am Ende des 1. Aktes steht schließlich dieses unglaubliche Duett zwischen Desdemona und Otello. Seine Stimme ist exponiert mit dem 'Ancora un baccio'-Thema." Otello erbittet sich "noch einen Kuss" von Desdemona. Dieses Kuss-Motiv erklingt wieder am Schluss, wenn Otello sich selbst tödlich verletzt hat und neben der ermordeten Desdemona niedersinkt. Nach Ansicht von Naomi André betone Verdi auf diese Weise das eigentliche Motiv für Otellos Wandel zum Mörder: Er mordet aus Liebe, die von Eifersucht zersetzt ist. Verdi und Boito unterstreichen das menschliche Drama. Bewusst haben die beiden den 1. Akt der Vorlage, das gleichnamige Schauspiel von William Shakespeare, gestrichen, weil er voller rassistischer Diskriminierungen gewesen ist. Trotzdem bleibt Titelheld Otello, im Personenverzeichnis mit einem rassistischen Begriff als "Mohr" bezeichnet, ein Außenseiter wegen der Farbe seiner Haut. Spätestens Otellos Auftritt im 4. Akt enthülle seine dunkle, wilde Seite, so Opernforscherin Naomi André. Gleich sein Erscheinen nach Desdemonas Gebet durch eine Geheimtür zu tiefsten Kontrabass-Klängen - instrumententechnisch damals noch sehr neu - unterstreiche seinen Außenseiter-Status.

Forschung zu Aspekten der kulturellen Identität

Naomi André betreibt ihre Analysen zu "Blackness" in Opernwerken und im Opernbetrieb nicht losgelöst von anderen wichtigen Aspekten wie Gender und Klasse. So wie es international mittlerweile vielfach Standard ist. Auch in der deutschen Musikwissenschaft spielen Fragen nach der Ethnizität eine Rolle, also nach der Zugehörigkeit zu einer religiösen - oder weiter gefasst, zu einer kulturellen Gruppe. Und so werden in dieser Sendung unter anderem auch Bizets "Carmen", Mozarts "Zauberflöte" und Ernst Kreneks "Jonny spielt auf" betrachtet. Zu Wort kommen neben Naomi André auch die Musikwissenschaftlerin Cornelia Bartsch und der Musikwissenschaftler Arne Stollberg sowie der Sänger Lawrence Brownlee.

Eine Sendung von Dagmar Penzlin.

 

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Szene aus "Hoffmanns Erzählungen" © Vincent Leifer

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