Stand: 04.10.2019 20:35 Uhr

"Weißer Raum": Theaterstück über Radikalität

von Peter Helling

Ganz schön mutig vom Ernst Deutsch Theater in Hamburg, ein solches Stück zu spielen - ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit. "Weißer Raum" heißt das Stück und wurde von dem knapp 30-jährigen Autor Lars Werner geschrieben. Es ist hochpolitisch, taucht mitten hinein in die Probleme unserer Zeit, in Rechtsradikalismus und Fremdenhass. Am Donnerstag war die Premiere.

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Das Stück "Weißer Raum" von Lars Werner spielt in einem weißen Raum, der als Projektionsfläche dient.

So schnell kann es gehen, so werden Menschen radikal. Dieser Theaterabend zeigt, wie Extremismus wächst und gedeiht. Nicht irgendwo, sondern hier: Uli arbeitet als Sicherheitsmann im Bahnhof. Er rettet eine Frau vor einem vermeintlichen Vergewaltiger, der mutmaßliche Täter ist ein Geflüchteter aus Afrika. Uli schlägt so hart zu, dass der Mann stirbt. Die Gerettete ist Journalistin, wunderbar doppelbödig gespielt von Sarah Kattih. Sie wittert eine Story, trifft Uli (von Frank Jordan als einfache, ehrliche Haut dargestellt) und wirft ihm Rassismus vor.

Das Bühnenbild von "Weißer Raum" kommt minimalistisch daher.

"Weißer Raum": Stück über Rechtsradikalismus

Hamburg Journal -

"Weißer Raum" hat am Donnerstag im Ernst Deutsch Theater Premiere gefeiert. Das Stück befasst sich mit dem offensichtlichen und dem versteckten Rechtsradikalismus.

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Rassismus vermehrt sich

Uli entdeckt den Hass in sich. Er rutscht in die rechtsextreme Gedankenwelt hinein. Sein eigener Sohn (eindringlich gespielt von Rune Jürgensen) sitzt im Knast, weil er einen Geflüchteten halb totgeschlagen hat. Er verführt seinen Vater. Die rassistische Saat geht auf.

Das alles spielt im weißen Raum. Er ist ein unbeschriebenes Stück Papier, riesengroß. Wie hingeworfen liegt es auf der Bühne. Auf dieser hellen Fläche treten die Schauspieler auf, wie Schriftzeichen. Der weiße Raum ist das Bild für das Ungesagte, das Schweigen und für Tabus. Ein geschlossenes System, das den Atem raubt. Ein Vakuum, weiß - die Hautfarbe assoziiert man automatisch mit. Denn schwarze Opfer - und auch Täter - treten hier nicht auf, es wird über sie geredet - und schon sind wir mittendrin.

"Weißer Raum": Dialoge wie Messerschnitte

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Der weiße Raum ist das Bild für das Ungesagte, das Schweigen und die Tabus in unserer Gesellschaft.

Ja, es ist mutig und richtig, dass das Ernst Deutsch Theater dieses brisante Stück zeigt. Das Stück eines schleichenden Verfalls - und noch dazu am Tag der Deutschen Einheit. Die Dialoge sind wie Messerschnitte. Passend wird immer wieder Schwarz-Rot-Gold auf die weiße Spielfläche projiziert. Ein Fahnenmeer, aber hier denkt man nicht an Sommermärchen, sondern an rechtspopulistische Aufmärsche. Besonders gelungen, wie Leo Lazar am Schlagzeug die Handlung vorantreibt und atmosphärisch auflädt.

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Unheimlich und atemberaubend ist das Stück, weil hier jeder schuldig wird. Auch die Organe des Staates, die rücksichtslos Neonazis als V-Leute rekrutieren. Eine Pastorin lässt Uli ausgerechnet am Grab des Schwarzen hetzen. Wer hat recht? In diesem weißen Raum befleckt sich jeder. Lars Werner hat ein fulminantes Stück geschrieben. Weil es hilflos und sprachlos macht und weil es wehtut. Wir alle sind Teil des weißen Raums. "Das Stück zeigt die Tiefe des Sumpfes auf, der in alle Richtungen geht", sagt einer der Zuschauer.

Hartmut Uhlemann inszeniert das Stück zurückhaltend, setzt ganz auf die Sprache und auf sein starkes Ensemble - ganz auf die Zwischentöne bedacht, die Psychologie. Eine richtige Entscheidung. Das Stück ist eben kein wohlfeiles Bashing von Menschen, die sich plötzlich nach rechts wenden. Wer Harmonie oder klare Weltbilder sucht, ist hier falsch. Alle anderen sollen sich das Stück unbedingt ansehen. Dieser Theaterabend macht klüger.

"Weißer Raum": Theaterstück über Radikalität

Im Hamburger Ernst Deutsch Theater hat am Donnerstag "Weißer Raum" Premiere gefeiert. Ein Stück über Fremdenhass und Rechtsradikalismus, das tief in die Probleme unserer Zeit taucht.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Ernst Deutsch Theater (Hauptbühne)
Friedrich-Schütter-Platz 1
22087  Hamburg
Preis:
22,00 - 42,00
Kartenverkauf:
Kartentelefon: 040 22 70 14 20
www.ernst-deutsch-theater.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 04.10.2019 | 19:00 Uhr