Stand: 18.02.2020 18:56 Uhr  - NDR Kultur

Was wusste Papst Pius XII. über den Holocaust?

Im kommenden Monat dürfen erstmals externe Forscher das Geheimarchiv des Vatikans untersuchen, das sämtliche bislang unter Verschluss gehaltene Aufzeichnungen aus der Zeit von Papst Pius XII. (Pontifikat von 1939 bis 1958) beinhaltet. Der Vatikan schwieg seinerzeit dazu, und bis heute ist unklar, warum. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf leitet das siebenköpfige Wissenschaftler-Team aus Deutschland, das ab März drei Jahre lang die Bestände erforschen wird. Im Interview mit NDR Kultur äußert er sich zu dem Projekt.

Herr Wolf, haben Sie eine Vorstellung davon, was Sie im Vatikan erwartet?

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Hubert Wolf leitet das Wissenschaftler-Team, das das Geheimarchiv des Vatikans erforschen wird.

Hubert Wolf: Es werden ungeheure Massen von Dokumenten zugänglich - alleine im Vatikanischen Archiv 200.000 Schachteln mit je etwa 1.000 Blatt. Dazu kommen noch fünf, sechs andere Archive des Vatikans mit noch einmal so viel Material.

Eine wissenschaftliche Arbeit beginnt man meist mit einer Arbeitsthese, für die man dann Belege sucht. Mit welcher These beginnen Sie Ihre Arbeit?

Wolf: Wir haben drei Thesen, weil wir drei entscheidende Fragen haben. Die erste Frage heißt: Warum hat sich Pius XII. nicht zur Ermordung der Juden öffentlich geäußert? Dazu gehören eine Reihe von Teilfragen: Wann hat er vom Holocaust erfahren? Von wem? Was ist intern im Vatikan diskutiert worden? Hat man tatsächlich überlegt, einen lauten Protest zu machen oder nicht? Hat man den Protest der holländischen Bischöfe wahrgenommen, der zu einem Anstieg der Deportationszahlen der Juden geführt hat? Das alles muss man in aller Ruhe sauber zusammenpuzzlen. Das ist das erste Themenfeld.

Zweites Themenfeld: Was passiert eigentlich nach 1945 mit den Naziverbrechern? Es gibt ja deutliche Spuren darauf, dass Leute wie Eichmann oder Mengele mithilfe vatikanischer Pässe nach Argentinien entkommen sind. Hat der Papst das gewusst? Haben sich diese Naziverbrecher hundertfach, tausendfach unter all die Menschen, die ohne Pass dastanden und denen der Vatikan geholfen hat, gemischt?

Dritte Frage: Warum hat der Heilige Stuhl 1948 den Staat Israel, nach diesem Schrecken der Ermordung von sechs Millionen jüdischen Menschen durch die Nationalsozialisten, als Heimstatt für die Juden nicht anerkannt?

Was würden Sie da als Antwort akzeptieren? Denn da dürfte wahrscheinlich wenig zu finden sein, oder?

Papst Pius XII. © picture alliance/Leemage Foto: Farabola/Leemage

Was wusste Papst Pius XII. über den Holocaust?

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Hubert Wolf leitet das Wissenschaftler-Team, das ab März drei Jahre lang das Geheimarchiv des Vatikans erforschen wird. Im Gespräch verrät der Kirchenhistoriker, was er erwartet.

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Wolf: Das sind ja viele Teilfragen. Nehmen wir ein Beispiel: Es gibt die berühmte Weihnachtsansprache von 1942, in der der Papst sagt, er trauere um die Hunderttausenden von Menschen, die aufgrund ihrer Rasse verfolgt würden und sogar ihr Leben lassen müssten. Die Verteidiger des Papstes haben immer gesagt, das sei doch der klare und eindeutige Protest gegen den Holocaust gewesen. Wir werden vermutlich in der Lage sein, die Entstehung dieser Ansprache genau zu rekonstruieren. Wer hat den Entwurf geschrieben, und was stand da genau drin? Hat der Ghostwriter vielleicht "Juden" reingeschrieben, und hat der Papst vielleicht "Juden" gestrichen und blieb allgemein? Oder stand in dem Entwurf nichts von "verfolgten Menschen" drin, und der Papst hat diese Passage eigenhändig eingefügt? Je nachdem, was da steht, wird sich allein in dieser Frage das Bild des Papstes entscheidend verändern.

Wir müssen auch fragen, wer diese Ansprache eigentlich gehört hat. Die Nationalsozialisten - das wissen wir - haben sie gehört und gesagt: "Der wendet sich gegen uns." Wir haben aber einen ersten Bericht von 1945, als der Papst einen Vertrauten nach Deutschland schickt und die Bischöfe fragt, ob sie seine Weihnachtsansprache gehört hätten - und keiner der deutschen Bischöfe hat sie gehört.

Als 1963 Rolf Hochhuth das Drama "Der Stellvertreter" auf die Bühne brachte, in dem es darum ging, dass Papst Pius XII. geschwiegen hat, hat die Kirche vehement dagegen protestiert. Das war das einzige Mal, dass man laut wurde. Die Wahrheit hat man nicht gesagt. Warum?

Wolf: Was ist die Wahrheit? Das Hochhuth-Stück ist eine Fiktion, ein Theaterstück. Ob Hochhuths Behauptungen zutreffen, kann man nur entscheiden, wenn man endlich die internen Quellen sieht. Wir haben bisher immer nur den Output gesehen: Wir können sehen, was die CIA oder der russische Geheimdienst wahrgenommen haben - aber was hinter den hohen Mauern des Vatikans diskutiert worden ist, wissen wir noch nicht. Das Seligsprechungsverfahren für Pius XII., das ja immer noch läuft, sollte so lange von Papst Franziskus ausgesetzt werden, bis alle Akten zu diesem Thema auf dem Tisch sind. Alles andere wäre nicht wahrhaftig.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.02.2020 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Was-wusste-Papst-Pius-XII-ueber-Holocaust,papst856.html

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