Ein junger Vater hält sein Kind auf den Armen. © David-W- / photocase.de Foto: David-W-

Mutterrollen - Väterrollen: Moderne Eltern und ihre Zwänge

Stand: 28.09.2021 06:00 Uhr

In unserer Serie "Teilzeitfeminismus - der lange Marsch in die Geschlechtergerechtigkeit" beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten des Ungleichgewichts zwischen Mann und Frau. Folge 1 dreht sich um den sogenannten Mental Load.

von Patric Seibel

Mental Load bedeutet auf Deutsch in etwa "psychische Belastung". Kindergeburtstag planen, an den Elternabend denken, Arzttermine im Blick behalten, Kleidergrößen kennen, Essensvorlieben, Namen der befreundeten Kinder, der Lehrerinnen und Erzieher - das alles gehört zum Mental Load. Diese Prozesse halten Familien am Laufen - sie sind der Treibstoff für den Alltag. Es ist die permanente Wachsamkeit, das Navigationssystem für das Familienschiff. Und oft ausschließlich oder zumindest vor allem Frauenarbeit, unbezahlt und lange unbeachtet. Durch Coronaist dieses Ungleichgewicht noch deutlich sichtbarer geworden. Heike Kleen beschreibt das Problem in ihrem Buch "Geständnisse einer Teilzeitfeministin":

Natürlich müssten sich Männer mehr einbringen, aber dafür müsste man Mental Load ganz lange erklären und wirklich abgeben. Und nicht im Hinterkopf noch denken: "Ob er jetzt wirklich dran denkt, dass das Kind zum Turnverein muss - oder lieber nochmal kurz anrufen und gegenchecken?". Ich habe mich dabei auch schon ertappt, dass ich gegenchecke, ob das auch wirklich läuft, wenn ich das alles vorher delegiert habe. Allein das Delegieren ist ja auch schon Arbeit. Heike Kleen

 

Weitere Informationen
Heike Kleen © NDR
4 Min

Heike Kleen über die Geständnisse einer Teilzeit-Feministin

Heike Kleen hat das Buch "Geständnisse einer Teilzeit Feministin" geschrieben. 4 Min

Mental Load Komplex: Frauen müssen lernen, Aufgaben abzugeben

Der Mental Load Komplex ist ein Beispiel dafür, wie weit Frauen und Männer von einer gerechten Aufteilung der Care-Arbeit entfernt sind. Die Schweizer Pädagogin Margrit Stamm sieht dabei auch die Frauen in der Pflicht: Sie müssten lernen, Aufgaben an Männer abzugeben. Denn das ist oft ein Problem, weil in unseren Vorstellungen immer noch das Idealbild der guten Mutter wirkt, die sich liebevoll um Kinder und Familie kümmert. Entstanden ist dieses Bild erst relativ spät: im 18. und 19. Jahrhundert. Das Gegenbild ist die böse Stiefmutter - wie in Grimms Märchen.

Ungleichheit beim Elterngeldbezug

Frauen managen die Familie, Männer verdienen das Geld - immer noch wirkt auch diese kulturelle Konstruktion sowohl in den Vorstellungen, wie auch in der Realität: Obwohl das Gesetz Elternzeit für beide Partner zu gleichen Teilen ermöglicht, sind es vor allem die Frauen, die das Angebot wahrnehmen. 2020 waren nur 25 Prozent der Elterngeldbeziehenden Männer - und von denen haben sich 75 Prozent für die minimale Dauer von zwei Monaten entschieden. Dagegen haben 62 Prozent der Mütter zehn bis zwölf Monate beantragt.

Der Mann macht zwei bis drei Monate und sagt "hui, ich habe jetzt Elternzeit gemacht". Am besten schreibt er noch ein Buch drüber, ist in der Zeit aber mit der Familie in Thailand gewesen. Die Frau hat die Tasche gepackt, rennt ununterbrochen hinter dem Kind her und er sagt: "entspannt dich doch mal". Heike Kleen

Vätercoach als Unterstützung

Damit auch Väter in ihre Rolle hineinwachsen können, brauchen sie Zeit, sagt der Sozialarbeiter Heiner Fischer. Er teilt sich mit seiner Partnerin die Erwerbsarbeit und die Care-Arbeit. Und zeigt als "Vätercoach" anderen Männern, wie das gehen kann: "Väterlichkeit entwickelt sich dann am besten, wenn Zeit zu Hause verbracht wird. Nach drei Monaten stellen wir fest, dass Väter Fürsorgekompetenzen entwickeln und diese ausbauen wollen."

Weitere Informationen
Ein junges Paar © picture alliance / PhotoAlto Foto: Laurence Mouton

Geschlechterklischees: "Starke Kerle" und "schöne Frauen"

In der zweiten Folge unserer Serie zu Geschlechtergerechtigkeit geht es um mediale Bilder und Rollenklischees. mehr

Tradition und Kultur prägen das Vaterbild

Die heutige Vätergeneration sei mit traditionellen Vaterbildern aufgewachsen - und trage diese erlernten Rollenvorbilder quasi inkorporiert als Habitus mit sich herum. Aber nicht nur eigene biografische Erlebnisse, sondern auch kulturell vererbte Vaterbilder würden eine wichtige Rolle spieln. "Ich bin mit Pippi Langstrumpf groß geworden, einer starken Frau. Gleichzeitig wird der Vater als Trottel dargestellt, der immer abwesend ist und der keine Ahnung über die Entwicklung seiner Kinder hat", sagt Heiner Fischer. "Wenn Väter dargestellt werden, sind sie entweder Trottel oder Superhelden. Wenn sie Helden sind, dann ist meistens keine Frau dabei - die Frau ist gestorben oder verreist. Der Mann entwickelt sich zu einem Superhelden und wird als Supervater überstilisiert - er entwickelt die Rolle nicht aus sich heraus, sondern aufgrund äußerer Einflüsse."

Rollenbild des Mannes muss ebenfalls überwunden werden

Manche Entwicklungen scheinen in Zeitlupe zu verlaufen: Schon in den 1980er-Jahren tauchte in den Medien der Hausmann und der Softie auf - zwei Männertypen, die mehr belächelt, als ernst genommen wurden. Damit aktive Väter nicht länger Supermänner sein müssen, sondern einfach ganz normal sein können, müssten sowohl im Job, wie in den Köpfen die traditionellen Rollenmuster wohl gründlich überholt werden.

Geschlechtergerechtigkeit ist für viele Frauen in Deutschland nur ein Wort. Sie haben oft die schlechter bezahlten Jobs und investieren mehr in Kinder, Pflege und Haushalt als die Männer. Trotz Elternzeitanspruch und Elterngeld wandelt sich das traditionelle Bild vom männlichen Familienernährer nur zögernd. Der Kampf um eine geschlechtergerechte Sprache wird mit religiöser Inbrunst geführt - und dabei vergessen, worum es eigentlich geht: Um eine faire Verteilung von Chancen ohne Ansehen von biologischem Geschlecht oder Zugehörigkeit. In unserer dreiteiligen Serie "Teilzeitfeminismus - der lange Marsch in die Geschlechtergerechtigkeit" beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten dieses Ungleichgewichts.

Weitere Informationen
Ein junges Paar © picture alliance / PhotoAlto Foto: Laurence Mouton

Geschlechterklischees: "Starke Kerle" und "schöne Frauen"

In der zweiten Folge unserer Serie zu Geschlechtergerechtigkeit geht es um mediale Bilder und Rollenklischees. mehr

Vater sitzt mit einem Buch im Garten und betreut seinen sieben Wochen alten Sohn, der im Kinderwagen liegt. © dpa | Patrick Pleul Foto: Patrick Pleul

Geschlechter-Ungerechtigkeit: It's the economy, stupid!

Das traditionelle Rollenbild ist strukturell tief in unser Arbeitswelt verankert. Wie lässt sich das ändern? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 28.09.2021 | 08:55 Uhr

Illustration: Zwei Hände umfassen eine Glühbirne © NDR

Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

Männer-Welt und Frauen-Wirklichkeit: Wie gerecht sind Familienalltag, Städte und Medizin? mehr