Stürzt das Vorzeigeprojekt Ikareum in Anklam ab?

Stand: 16.07.2022 12:57 Uhr

Das Anklamer Otto-Lilienthal-Museum hat vor, 2024 in die sanierte Nikolaikirche umzuziehen. Dafür hat sich die Stadt um eine Förderung vom Bund bemüht - die jetzt abgelehnt wurde. Wie geht es weiter mit dem Vorzeigeprojekt Ikareum? 

von Juliane Voigt

In die Kirchenruine der Anklamer Nikolaikirche soll ein neues Museum für den Menschenflug einziehen: das sogenannte Ikareum. In der Geburtsstadt von Otto Lilienthal, dem Erfinder der ersten Fluggeräte, soll es in einer modernen Ausstellung um die Geschichte des Fliegens gehen.

Wittmann-Stifft: "Museum muss von nationaler Bedeutung sein"

"Otto Lilienthal ist mit der größte Sohn unserer Stadt", sagt Anklams stellvertretende Bürgermeisterin Beatrix Wittmann-Stifft. "Da versteht es sich von selbst, dass man ihm ein angemessenes Museum widmet - das machen wir schon seit vielen Jahren. Lilienthal ist als Begründer des Menschenfluges nicht nur von regionaler Bedeutung. Letztendlich muss dieses Museum von nationaler Bedeutung sein - und deshalb haben wir über viele Jahre versucht, für unser Museum Unterstützung zu erhalten."

Bund der Steuerzahler: "Anklam verhebt sich"

Ein 80 Meter hoher futuristischer Turm, den Besucherinnen und Besucher auch in dessen gläsernem Inneren erklimmen können, soll sechs Millionen Euro kosten. Drei Millionen davon sollte Städtebauförderung des Bundes sein. Diese wurde jetzt aufgrund einer Einschätzung des Bundes der Steuerzahler Mecklenburg-Vorpommern abgelehnt. Dort heißt es: "Anklam verhebt sich und alle schauen zu. Anstatt der vielstimmigen Versprechen, weiter nach Fördermitteln für ein Luftschloss zu suchen, sollte lieber eine pragmatische Lösung gefunden werden, wie der Neubau funktionsgerecht abgeschlossen werden kann."

Die Stadt hält an dem Projekt Ikareum fest

Die Stadt Anklam nimmt die Ablehnung zur Kenntnis, hält aber an dem Projekt fest. "Es ist natürlich die Aufgabe des Bundes der Steuerzahler, kritisch öffentliche Projekte zu begleiten", so Wittmann-Stifft. "Von daher ist es auch in Ordnung, dass der sich äußert. Mir ist bloß aufgefallen, dass die Äußerung auf Grundlage vermutlich noch alter Informationen gemacht wurde. Insofern laden wir den Bund der Steuerzahler herzlich ein, unser Projekt hier in Anklam kennenzulernen."

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Der deutsche Ingenieur und Flugpionier Otto Lilienthal bei einem seiner Gleitversuche mit dem Segelapparat Nummer 11 in Lichterfelde, undatierte Aufnahme. © picture alliance / Mary Evans Picture Library Foto: Philip Jarrett

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Bis 1943 war die Nikolaikirche das höchste Gebäude der Stadt. Sie war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. 40 Jahre lang wuchsen im Kirchenschiff Holunderbüsche. Seit 1990 bemüht sich ein Verein um den Wiederaufbau. Gemeinsam mit der Stadt will er mit dem Projekt Ikareum die Kirche zum kulturellen Zentrum der Innenstadt werden lassen. 

Peer Wittig: "Wir wollen das Stadtbild reparieren"

Peer Wittig vom Förderkreis der Nikolaikirche erklärt, dass die Kirche schon einmal mit das kulturelle Zentrum Anklams gebildet habe und prägend für das Stadtbild gewesen sei: "Jetzt wollen wir das Stadtbild wieder reparieren - und ich kann nicht verstehen, warum die kleinen Städte in Demut mit ihren Ruinen leben sollen, während es in Berlin oder Dresden schon ganz anders aussieht. Man sieht dort, dass solche Projekte durchaus erfolgreich sind." In kleinen Schritten bewegt es sich auch in Anklam. Fördergelder für Fußboden und Klimatisierung sind bewilligt, für drei Emporen als Ausstellungsräume und für den gläsernen Fahrstuhl.

Direktor des Otto-Lilienthal-Museums: Mehrheit steht hinter Projekt

Anklam träumt von einem Museum mit nationaler Bedeutung. Auch als Denkmal für den großen Sohn der Stadt, so Bernd Lukasch, der das Otto-Lilienthal-Museum als Direktor mit aufgebaut hat: "Lilienthal ist nun einmal in einer Kleinstadt geboren", erklärt Lukasch. "Aber es wäre schon schön, wenn wir hier ein Denkmal hinkriegten, das auch seiner weltweiten Bedeutung gerecht wird. Nicht umsonst nennt man Anklam die Lilienthalstadt, und wir freuen uns natürlich sehr, dass die ganz große Mehrheit der Bevölkerung und der Verantwortlichen hinter dem Projekt steht. Und die, die noch übrig sind, kriegen wir auch noch überzeugt."

Doch das Geld fehlt nun für Ausstellung und Turmspitze. Der Bund der Steuerzahler glaubt nicht, dass Lilienthals Traum vom Fliegen die nötigen 60.000 Besucher jährlich nach Anklam zieht. Andere Museen wie das Pommersche Landesmuseum in Greifswald haben mit viel größeren Investitionen kaum 40.0000 Besucher pro Jahr. 

Zieht Otto Lilienthals Traum vom Fliegen genügend Besucherinnen an? 

Die stellvertretende Bürgermeisterin ist hingegen sicher: Das Museum würde genügend Publikum anziehen. "Es wird ein Gewinn für die Stadt und für die Wirtschaft sein, für die umliegenden Gastronomen und den Einzelhandel", so Wittmann-Stifft. "Am Beispiel anderer sieht man, dass so ein Haus auf jeden Fall Publikum aus der Region und aus Deutschland zieht. Und dann sind wir gut vorbereitet auf viele Besucher in Anklam."

20.000 Gäste hat das alte, kleine Lilienthalmuseum nämlich jetzt schon - nicht nur deshalb halten die Anklamer an ihrer Vision fest. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 15.07.2022 | 19:00 Uhr

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