Stand: 25.06.2019 18:49 Uhr

"Christoph Stölzl ist ein faszinierender Mensch"

Die Verwerfungen rund um das Jüdische Museum in Berlin waren spätestens dann unübersehbar geworden, als Direktor Peter Schäfer das Handtuch warf. Die Diskussionen um Aufgabe und Daseinszweck dieses Museums, um seine Autonomie verschärften sich seitdem noch, und der Rücktritt sorgte für anhaltende Irritationen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters betreibt unterdessen Krisenmanagement und hat Christoph Stölzl als Vertrauensperson für den Stiftungsrat des Museums benannt. Bis die neue Direktorin, der neue Direktor antritt, soll er die Arbeit der Stiftung begleiten und Ansprechpartner nach innen und außen sein. Maria Ossowski beobachtet das Berliner Kulturgeschehen als Korrespondentin intensiv.

Frau Ossowski, es geht ja um eine sensible Thematik und eine heikle Position. Wie hat Monika Grütters begründet, dass Christoph Stölzl der Richtige ist in dieser Situation?

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"Christoph Stölzl eine ganz persönliche Art, mit Menschen umzugehen", findet Maria Ossowski.

Maria Ossowski: Christoph Stölzl ist ein unglaublich charmanter und kommunikativer Mensch. Außerdem ist er inhaltlich ganz eng an die deutsch-jüdische Thematik gebunden. Er hat viele Ausstellungen zur jüdischen Kulturgeschichte kuratiert, er war in den wichtigen Gremien diverser Holocaust-Erinnerungsstätten, er hat ein Orchester gegründet, in dem junge deutsche und israelische Musiker spielen. Er hat sogar familiäre Bindungen zum Judentum: Seine Tante war mit dem berühmten Bauhaus-Architekten Sharon, der die Weiße Stadt in Tel Aviv konzipiert hat, verheiratet. Er ist ein besonders gut politisch vernetzter Mensch - und das war für Monika Grütters das Allerwichtigste:

"Christoph Stölzl ist so etwas wie ein Museums-Nestor. Er hat in vielen einschlägigen Geschichtsmuseen in München und in Berlin bewiesen, dass er mit diesen sensiblen erinnerungs- und geschichtspolitischen Fragestellungen gut umgehen kann. Er ist außerdem ein Kommunikationstalent, und er hat seine Häuser, die er geleitet hat, auch personell immer gut im Griff gehabt. Insofern ist er für mich in der Tat jemand, den ich als Berater für diese schwierigen Museumsfragen mit viel Vertrauen in diese Aufgabe schicke." Monika Grütters

In den nächsten zehn Monaten wird eine Findungskommission, in der unter anderem Kultursenator Klaus Lederer, der ehemalige Direktor Michael Blumenthal und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, mitentscheiden, den neuen Direktor oder die neue Direktorin zum März des nächsten Jahres suchen.

Wieso wird für einen Übergangszeitraum von zehn Monaten eine Person gebraucht, die das an der Spitze repräsentiert, bündelt und zusammenfügt?

Ossowski: Es hat mich selbst ziemlich erschüttert, als die Kulturstaatsministerin alle Probleme des Jüdischen Museums aufgelistet hat:

"Nun ist es so, dass nicht nur die Stelle des Direktors vakant ist nach dem Rücktritt von Professor Schäfer, sondern dass auch die Programmleiterin im Ruhestand ist und ihre Nachfolgerin relativ schnell das Haus wieder verlassen hat. Diese wichtige inhaltliche Position ist also ebenfalls vakant. Außerdem verzichten wir zurzeit auf die Pressesprecherin, und wie sich die Akademie entwickeln wird, wissen wir auch nicht. Wenn so viele inhaltlich sehr relevante Positionen frei sind, möchte ich einen Verwaltungschef und im Moment geschäftsführenden stellvertretenden Direktor nicht überfordern." Monika Grütters

Das heißt also, dass es nicht nur um inhaltliche Arbeiten geht, sondern vor allem darum, ein heillos intern zerstrittenes Museum, wo viele Führungskräfte hingeschmissen haben, zur Ruhe zu bringen und wieder zu stabilisieren.

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Christoph Stölzl bringt jede Menge Kredit und Ortskenntnis mit.

Das Haus war ja von verschiedenen Seiten her unter Druck geraten. Es wirkten verschiedene Interessen ein, oder es wurde versucht, Interessen Geltung zu verschaffen. Hier wäre doch der Stiftungsrat gefordert, das Ganze wieder ein bisschen klarzustellen. Ist dazu heute etwas gesagt worden? Wie ist das mit diesem Interessensgeflecht?

Ossowski: Der Stiftungsrat ist sehr hochkarätig besetzt, und in jedem historischen Museum gibt es Interessensgruppen. Aber hier war es so, dass die Jerusalem-Ausstellung extrem umstritten war. Es gab sehr viel Kritik, auch aus Israel. Monika Grütters hat sehr deutlich gesagt, dass das einfach nicht sein darf:

"Ich stelle mich mit all meinen Möglichkeiten vor dieses Haus, vor seine Unabhängigkeit, die wir durch eine auskömmliche Finanzierung sicherstellen wollen, und vor die Autonomie dieses Hauses. Da muss jeder, der Interessen hat, sich raushalten aus einer Beratung oder gar Einflussnahme. Das gilt sowohl für die innerdeutsche Situation wie für die aus dem Ausland." Monika Grütters

Das ist alles nicht ganz einfach. Michael Naumann hat kürzlich in einem Interview gesagt: "Ich habe einen Fehler gemacht: Ich hätte es nicht Jüdisches Museum nennen dürfen, sondern Museum für jüdische Geschichte in Deutschland." Das mag sich ein bisschen fisselig anhören, aber dadurch, dass es Jüdisches Museum heißt, müssen sich auch die Juden damit ganz stark identifizieren können. Und wenn sie das nicht können, gibt es ein Problem.

Miriam Rürup © Peter Garten Foto: Peter Garten

Streitfall Jüdisches Museum

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Miriam Rürup, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, über gesellschaftliche Verantwortung von Museen.

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Das spielt an auf die heftige Auseinandersetzung über die Frage, welchem Anliegen das Jüdische Museum in erster Linie verpflichtet sein soll. War das auch noch mal ganz dezidiert Thema?

Ossowski: Ja, unbedingt. Die Aufgabe des Jüdischen Museums ist, dass die Juden auf der ganzen Welt sich wiederfinden in den Problemen der höchst heiklen und teilweise sehr furchtbaren deutsch-jüdischen Geschichte. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass alle Menschen, die keine Juden sind, lernen sollten, wie Judentum funktioniert, was das Judentum ausmacht. Diese beiden sind die wichtigsten Standpunkte. Hinzu kommt, dass so ein Museum auch Kontroversen aushalten und sie auch moderieren muss. Das ist eine ganz schwierige Aufgabe: Man muss unglaublich gut vernetzt sein, und man muss sehr viel Standfestigkeit haben.

Sie kennen die Beteiligten, Sie kennen die Geschichte, die Genese dieses Konflikts. Haben Sie den Eindruck, dass das wieder auf einen guten Weg kommt?

Ossowski: Ja. Ich kenne Christoph Stölzl recht gut, er ist ein faszinierender Mensch und ein großartiger Kontrabassist, der ganz tolle Jazzmusik macht. Er ist unwahrscheinlich witzig, enorm gebildet, und immer, wenn ich ihn treffe, geht es mir hinterher besser als vorher, weil er so eine ganz persönliche Art hat, mit Menschen umzugehen. Ich glaube, dass es eine tolle Idee ist, diese zehn Monate mit Christoph Stölzl. Hoffen wir, dass der neue Direktor oder die neue Direktorin eine ähnliche Fortune haben.

Das Gespräch führte Ulrich Kühn

Maria Ossowski © picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache

"Christoph Stölzl ist ein faszinierender Mensch"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Der Historiker Christoph Stölzl ist als Vertrauensperson für den Stiftungsrat des Jüdischen Museums Berlin benannt worden. Kulturkorrespondentin Maria Ossowski hält ihn für den richtigen Mann.

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NDR Kultur | Journal | 25.06.2019 | 19:00 Uhr

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