Stand: 14.09.2020 18:38 Uhr  - NDR Kultur

Schlechte Noten für Digitalisierung der Schulen

Der Digitalverband Bitkom hat repräsentativ nach dem Stand der Digitalisierung deutscher Schulen und - mit Blick auf mögliche weitere Schulschließungen - nach der Fähigkeit der Schulen gefragt, Unterricht digital anzubieten. Das Ergebnis: Gut 1.000 über 16-jährige Personen in Deutschland, darunter knapp 270 Eltern schulpflichtiger Kinder, haben der Schule ein "mangelhaft" ausgestellt. Für die Digitalisierung ist in Deutschland Staatsministerin Dorothee Bär zuständig.

Frau Bär, im digitalen Homeschooling scheinen deutsche Schulen zu versagen, dabei steht Digitalisierung nicht erst seit Corona auf dem Stundenplan. Was läuft bei uns schief?

Dorothee Bär © picture alliance/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich
Dorothee Bär ist Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung.

Dorothee Bär: Ich finde es auch schade, dass diese Studie offen gezeigt hat, wo Defizite sind - das sage ich nicht nur als Politikerin, sondern auch als Mutter von drei schulpflichtigen Kindern. Wir haben durch den Föderalismus 16 unterschiedliche Kultusministerien mit unterschiedlichen Zuständigkeiten und manchmal auch einem unterschiedlichen Verständnis, was dringend notwendig ist. Corona hat zumindest endlich mal aufgezeigt, dass es ohne Digitalisierung überhaupt nicht möglich wäre, in Kontakt zu bleiben und unser Bildungssystem aufrechtzuerhalten. Insofern bin ich sehr dankbar für die Studie.

Aber es gibt doch einen vom Bund finanzierten DigitalPakt Schule: Fünf Milliarden Euro - in dieser Legislaturperiode 3,5 Milliarden - stellt der Bund in Aussicht für alle Länder, die damit etwas anfangen könnten. Scheinbar wird damit nicht viel angefangen, oder?

Bär: Obwohl wir theoretisch nicht verpflichtet wären, haben wir als Bund eine große moralische Verpflichtung, weil wir uns nicht an unseren Kindern versündigen wollen. Die fünf Milliarden, die wir zur Verfügung stellen, sind richtig, aber das reicht natürlich nicht, dass jeder entscheidet, wie er möchte. Man sieht an den Umfragen, dass alle Bürgerinnen und Bürger Deutschlands den Wunsch haben, dass auch bestimmte Grundparameter in der Bundespolitik festgelegt werden und dass die Entscheidungen dann an den Schulen vor Ort getroffen werden. Wir brauchen eine Transformation in unserer Kultus- und in unserer Digitaladministration. Wir brauchen Lehrerinnen- und Lehrerqualifizierung, und zwar auch unter dem Stichwort "lebenslanges Lernen".

Es hat mich etwas geschockt und ratlos zurückgelassen, wenn der eine oder andere der Meinung war, die gleichen Arbeitsblätter zu verteilen wie schon vor 30 Jahren. Denn auf die Fragestellungen im Jahr 2020 dürfen nicht die Antworten von 1980 oder 1990 gegeben werden. Insofern hat Corona zumindest dazu beigetragen, dass nicht mehr das "ob" infrage gestellt wird, sondern wir endlich über das "wie" diskutieren dürfen.

Aber ist da nicht die Grundvoraussetzung oft nicht gegeben? Gerade im Ländlichen gibt es große Lücken. Sind da nicht Sie gefragt?

Bär: Wir haben allein in der letzten Legislaturperiode, wahrscheinlich jeder Bürgermeisterin, jedem Landrat in Deutschland Förderbescheide überreicht. Wir haben in dieser Legislaturperiode ein neues Sonderprogramm auf den Weg gebracht, was nur für Krankenhäuser und Schulen aufgelegt wurde. Die digitale Infrastruktur war nicht das Hauptproblem, was die Anbindung an die Schulen betrifft. Die ist im ganzen Land relativ gut. Wir haben mehr Defizite in der Endausstattung der Geräte. Es geht also um die Verbesserung der technischen Ausstattung an Schulen, um die Bereitstellung der Internetverbindung, aber auch um die Motivation, neue Wege zu gehen: einen Robotik-Kurs anzubieten, oder zu erklären, was "Computational thinking" ist, Stichwort Collaboration. Oder ganz andere Gruppenarbeiten zu fördern, weil die meisten Schülerinnen und Schüler, die heute in der Grundschule sind, später in Berufen arbeiten werden, die es im Jahr 2020 noch nicht gibt.

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Die Staatsministerin für Digitales Dorothee Bär (CSU) bei einer Rede. © dpa picture alliance/Geisler Fotopress Foto: Christoph Hardt

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Wie kann die digitale Infrastruktur auch sozialgerecht hergestellt werden? Gerade beim Corona-bedingten Homeschooling haben wir gesehen, dass gerade in einkommensschwächeren Familien nicht genug Endgeräte vorhanden sind, damit alle Schülerinnen und Schüler ordentlich beschult werden können. Ist das auch eine Aufgabe, die Sie zu erfüllen haben?

Bär: Genau da hat der Bund sich bereiterklärt, nochmal Mittel aufzustocken, um das für die sozial schwächeren Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen. An der technischen Ausstattung darf es nicht scheitern. Auch da geht der Bund wieder in Vorleistung.

Der Präsident der Bitkom, Achim Berg, hat gesagt, dass sehr viel Vertrauen verspielt worden ist. Wie kann dieses Vertrauen zurückgewonnen werden? Bewegen wir uns in Richtung eines digitalen Entwicklungslandes?

Bär: Vertrauen kann nur zurückgewonnen werden, wenn erlebt wird, dass es funktioniert. In den letzten Jahren lag es immer am Engagement und der Leidenschaft einzelner Rektorinnen oder einzelner Lehrer, die das Ganze an ihrer Schule vorangetrieben haben. Es gibt viele Positivbeispiele, aber ich möchte, dass wir flächendeckend keine Unterschiede haben. Insofern kann Vertrauen nur wiederhergestellt werden, wenn gleiche Bildungschancen bestehen und es überall gleichwertige Lebensverhältnisse gibt - egal ob Stadt oder Land, egal welches Elternhaus und egal welcher Geldbeutel vorhanden ist.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Online-Unterricht: Ein Junge sitzt an seinem Schreibtisch und hört seinem Lehrer über den Laptop zu. © imago

AUDIO: Schlechte Noten für Digitalisierung der Schulen (8 Min)

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NDR Kultur | Journal | 14.09.2020 | 18:00 Uhr