Stand: 26.02.2019 16:12 Uhr

Roman Lipski malt mit Künstlicher Intelligenz

von Barbara Wiegand

Malen mit Künstlicher Intelligenz? Spätestens seit vergangenem Oktober sorgt das Thema für erhitzte Debatten auf einem ohnehin überhitzten Kunstmarkt. Für mehr als 400.000 US Dollar wurde bei Christie's in New York das "Portrait of Edmond Bellamy" versteigert, geschaffen von der Künstlergruppe "Obvious" - oder, besser gesagt, von einem programmierten Algorithmus. Auf KI setzt seit einigen Jahren auch der Berliner Maler Roman Lipski: Kunst und Künstliche Intelligenz, das geht für ihn gut zusammen. NDR Kultur hat ihn in seinem Schöneberger Atelier besucht.

Bild vergrößern
Roman Lipski wohnt in Berlin. Einige seiner Exponate stellte er bereits in Japan und China aus.

"Hier gibt es Pinselstriche zu sehen, aber auch die Spraystruktur, die ich von der Muse übernommen habe. Der Algorithmus hat mir immer wieder so etwas Tolles gezeigt, wo ich dachte: Wow, das ist cool!" Roman Lipski erzählt begeistert von seiner Muse - ein schlichtes anthrazitfarbenes Laptop mit einer darauf installierten Software, einem Algorithmus, der Varianten generiert, wie und was Lipski malen könnte: die Natur vielleicht oder auch Motive aus der Architektur, mal realistisch, mal expressiv, gerne auch abstrakt.

Mit der Muse aus der Krise

Weitere Informationen
NDR Kultur

Wenn Maschinen Gefühle produzieren

NDR Kultur

Künstliche Intelligenz in der Literatur: Auch wenn es Roboter noch nicht schaffen, einen Bestseller zu schreiben, sind sie ihrem Ziel schon wesentlich nahe. mehr

Doch die digitalen Bilder, die so entstehen, sind erst der Anfang des Schaffensprozesses. Lipski nimmt sie als Inspiration, um dann analog ans Werk zu gehen. Denn der 1989 aus Danzig nach Berlin gekommene Pole malt ganz klassisch: "Ich arbeite mit Acryl und Pinsel. Aber neulich - das ist vielleicht auch der Einfluss der Muse - bin ich mutiger geworden und habe meine Werkstatt um Spraydosen ergänzt."

Vor drei Jahren war Lipski weniger mutig, steckte vielmehr in einer Schaffenskrise. Mit der von ihm angestrebten Abstraktion wollte es nicht so recht klappen und er beschloss, gemeinsam mit dem Künstlerkollegen und Datenspezialisten Florian Dohmann mit Künstlicher Intelligenz zu arbeiten. "Er hat einen Algorithmus geschrieben, den wir später 'Muse' genannt haben. Und mit digitalisierten Bildern haben wir den Algorithmus trainiert."

Dialog zwischen Mensch und Maschine

Grundlegendes Motiv für diese digitalisierten Bilder war ein von Lipski selbst aufgenommenes Schwarz-Weiß-Foto einer Straße, die in sanften Kurven zwischen zwei Hügeln entlang führt, welche sich dunkel von den hellen Lichtern einer nächtlichen Metropole im Hintergrund abheben. Lipski malte neun verschiedene Versionen des Motivs, und damit wurde der Algorithmus gefüttert. Die Bilder, die daraus entstanden, dienten dem Künstler wiederum als Inspiration für weitere Arbeiten. So entspann sich eine Art Dialog zwischen Mensch und Maschine. Ein Schaffensprozess, der das Werk des 1969 in Danzig geborenen Künstlers sichtlich verändert hat - vergleicht man etwa die dunklen organischen Strukturen einer früheren Arbeit mit einem jüngst mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz entstandenen knallfarbigen Gemälde.

Aber ist das überhaupt noch ein "echter" Roman Lipski? Malt hier schon die KI oder noch der Künstler? "Natürlich ich und das bleibt auch so", sagt der Künstler und fügt hinzu: "Die Künstliche Intelligenz ist dazu da, den Menschen zu unterstützen. Ich lasse mich inspirieren, aber nicht ersetzen."

Algorithmus bald gratis zugänglich

Der Autodidakt Lipski, der seit 1989 in Berlin lebt, glaubt also ans Gute in Sachen KI und Kunst - was ihn, aber auch andere betrifft. Denn frei nach Beuys ist bei ihm jeder Mensch ein Künstler - gerne auch mit Hilfe seiner digitalen Muse, die künftig gratis als Open Source zugänglich sein soll. Dass ein allein von Algorithmen erschaffenes, vermeintliches Avantgarde-Gemälde vor Kurzem bei einer Auktion mehr als 400.000 US-Dollar erzielte, sieht Lipski allerdings kritisch: "Ich finde, vieles wird künstlich hochgepusht. Das ist eine PR-Aktion und schlechte Werbung für die Kunst überhaupt."

Da gehe es zu sehr ums Geld, moniert Lipski, der mittlerweile von seiner Maschinenmuse-gestützten Kunst gut leben kann. Roman Lipski vermarktet sich selbst, ohne Galerie. Werke von ihm sind unter anderem in der renommierten Sammlung von Erich Marx zu finden. Und man darf gespannt sein, wie weit ihn sein erweitertes Verständnis von der Kunst noch trägt, wie gut Kunst und Künstliche Intelligenz wirklich zusammengehen - jenseits des bloßen Hypes.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.02.2019 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

54:22
NDR Info
47:08
NDR Info