Stand: 22.12.2017 16:48 Uhr

300 Jahre "Weihnachtsflut 1717"

In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1717 kam es an der deutschen, dänischen und niederländischen Nordseeküste zu einer verheerenden Sturmflut. Sie ging als "Weihnachtsflut von 1717" in die Geschichte ein - und ist bis heute unvergessen, wie etliche Gedenkveranstaltungen derzeit in der Region zeigen. Aber warum eigentlich? Sturmfluten gibt es häufig an der Küste. Fragen an Norbert Fischer, Volkskundler und Kulturanthropologe an der Uni Hamburg.

Herr Prof. Fischer, was macht die Weihnachtsflut von 1717 so einzigartig, dass man ihrer heute noch gedenkt?

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Norbert Fischer forscht unter anderem zu norddeutscher Regionalgeschichte sowie zu Küstengesellschaften und maritimer Kultur.

Norbert Fischer: Zum einen war es die größte Naturkatastrophe der Neuzeit in Mitteleuropa, mit über 9.000 Toten allein an der deutschen Nordseeküste. Und es war eine Katastrophe im klassischen Sinn. Der Begriff "Katastrophe" stammt aus dem antiken Drama und bedeutet "Wende", "Umkehr". Und in der Tat hat diese Weihnachtsflut 1717 eine Wende bedeutet in vielerlei Hinsicht: gesellschaftlich, politisch, wasserbautechnisch. Sie hat eine Vorgeschichte, sie hat ein tragisches Ereignis im Mittelpunkt und sie hat eine ganz lange Nachgeschichte, ganz viele Folgewirkungen gehabt, die auch den Deichbau an der Nordseeküste verändert haben.

Sturmflut.

Erinnerungen an die Weihnachtsflut von 1717

Hallo Niedersachsen -

Im Dezember jährt sich die verheerende Weihnachtsflut zum 300. Mal. Die Menschen an der Nordseeküste wurden nachts von den eiskalten Wassermassen überrascht - über 10.000 starben.

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Was war die Vorgeschichte, von der Sie sprechen?

Fischer: Die Vorgeschichte war, dass Norddeutschland, das damals in zahlreiche Territorien aufgesplittert war, unter kriegerischen Wirren, unter Viehseuchen und unter einem Verfall der Agrarpreise zu leiden hatte. Die norddeutschen Küstenländer, die aufgrund ihres fruchtbaren Bodens eigentlich wohlhabende Regionen waren, hatten also eine geschwächte Landwirtschaft. Auch politische Machtwechsel kamen hinzu, etwa im Elbe-Weser-Raum. All das führte dazu, dass die Deiche vernachlässigt waren - das war der entscheidende Schwachpunkt dieser Weihnachtsflut 1717. Das hat letztlich dazu geführt, dass besonders hohe Wasserstände - sogar höher als die Wasserstände der Februarflut 1962, der berühmten Hamburg-Flut - zu zahlreichen Deichbrüchen führten und das niedriggelegene Marschenland an der deutschen Nordseeküste zum Teil wochen-, monate-, in einigen Fällen sogar jahrelang überschwemmt blieb.

Die Zeugnisse von damals sind eher spärlich. Woher weiß man, was seinerzeit genau geschah?

Geschichte

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Fischer: Man weiß es vor allem aus den archivalischen Quellen, die wir als Kulturhistoriker zurate ziehen können. Wir haben Schadensberichte von den einzelnen Territorialverwaltungen und die vielen Petitionen der betroffenen Landstriche, die um Steuererleichterungen und Nahrungslieferungen gebeten haben. Eine Vielzahl von Quellen sind damals schon herausgekommen, auf die wir uns bei unseren Untersuchungen stützen können und die recht genaue Daten liefern. Es war der Beginn des Staatswesens im modernen Sinn, ein Staat, der auch schon Daten aufzeichnete, der Berichte und Statistiken haben wollte, sammelte, um entsprechende Maßnahmen in die Wege zu leiten.

Es hat also eine Katastrophe infernalischen Ausmaßes gegeben: 9.000 Tote, natürlich ist auch sämtliches Vieh, sämtliches Hab und Gut untergegangen. Wie konnte man anschließend weitermachen?

Fischer: Das ist eine gute Frage. Die Nordseeküste ist natürlich eine Region der Extreme, und man kann dort nur im Schutz der Deiche intensiv siedeln und wirtschaften. Die Deiche müssen bruchsicher sein, sie müssen auch halten. Ansonsten muss man sich auf die künstliche Erhöhungen oder die erhöhten Ränder der Küste oder der tidenabhängigen Flüsse zurückziehen. Aber intensives Wirtschaften und Siedeln ist nur hinter Deichen möglich. Und wenn diese Deiche brechen, herrscht in der Tat große Not, weil ganz viel Vieh, ganz viele Höfe vernichtet wurden, und hinzu kommen die zahlreichen menschlichen Tragödien. Man hat dann versucht, Unterstützung von staatlicher Seite, von den Herrschaften zu erreichen, auch aus benachbarten Regionen. Man hat versucht, dort wo es ging, wieder Getreide auszusäen, die Viehbestände wieder zu erhöhen - aber das ging nicht aus eigener Kraft; in fast allen Regionen war man auf staatliche Hilfe angewiesen. In fast allen Regionen konnten auch lange Zeit keine Steuern gezahlt werden, was zu heftigen Konflikten mit den Landesherrschaften geführt hat. Es war also eine Katastrophe, die ganze Regionen auf Jahrzehnte in eine Krisenzeit gestürzt hat.

Derzeit finden sehr viele Gedenkveranstaltungen entlang der Küste statt; Sie haben auch schon an etlichen teilgenommen. Welchen Eindruck vermitteln da die Besucher auf Sie? Ist die Weihnachtsflut 1717 eher so eine historische Anekdote, oder ist da noch mehr?

Fischer: Nein, es gibt eine ausgeprägte Gedächtniskultur an der Nordseeküste, was die Sturmfluten betrifft. Man kann von einer regelrechten Gedächtnislandschaft sprechen. 1717 war vielleicht der Beginn, 1825 die nächste Katastrophe: die Februarflut1825, dann 1962 - Sie finden überall im öffentlichen Raum an der Küste Hinweise auf die verheerenden Folgen dieser Sturmflutkatastrophen. Umgekehrt gesagt: Sie haben bis heute eine enorme Sensibilität vor Ort, was Küstenschutzmaßnahmen und die Bedrohung durch Sturmflutkatastrophen anbelangt. Das findet sich natürlich jetzt, in den 300-jährigen Gedenkfeiern, aber man hat auch jedes Jahr etwa Gedenkveranstaltungen zur Februarflut von 1962. Das Thema Küstenschutz ist an der gesamten Nordseeküste ein nach wie vor stark diskutiertes Thema.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.12.2017 | 19:00 Uhr

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