Eine israelische Fahne ist an einem Gitter vor der Neuen Synagoge zu sehen. © picture alliance/dpa Foto: Paul Zinken

Neue Definition des Antisemitismus-Begriffs vorgelegt

Stand: 26.03.2021 15:33 Uhr

Mit der "Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus" hat eine Gruppe von 200 internationalen Holocaustforschern eine neue Definition des Antisemitismus-Begriffs vorgelegt. Zu den Unterzeichnenden gehört auch der Historiker Uffa Jensen.

Eine israelische Fahne ist an einem Gitter vor der Neuen Synagoge zu sehen. © picture alliance/dpa Foto: Paul Zinken
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"Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Einrichtungen als jüdische)." So lautet die Kern-Definition, der eine Präambel vorausgeht und 15 Leitlinien folgen - als Ressource zur Stärkung des Kampfes gegen Antisemitismus.

Herr Jensen, was hat den Anstoß für die Initiative gegeben?

Uffa Jensen: Eine zunehmende Unzufriedenheit unter vielen Forschern und Forscherinnen, weniger über die IHRA-Definition, die im Umlauf ist, als über deren politische Benutzung. Diese Definition ist damals eingeführt worden als Orientierung für viele Institutionen - Polizei, Ermittlungsbehörden, Strafverfolgungsbehörden et cetera -, um antisemitische Vorfälle entsprechend klassifizieren zu können. Das ist auch der Kern der Definition gewesen. Sie ist dann immer stärker zu einem diplomatischen Element geworden und zu einer politischen Debatte. Und da hat sich gezeigt, dass sie einige Schwierigkeiten hat, die mit dem neuen Definitionsversuch behoben werden sollen.

Und was waren die größten Knackpunkte bei der IHRA-Definition?

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Jensen: Bei der IHRA-Definition muss man sich fragen, ob sie präzise und zutreffend ist, und das ist sie meiner Meinung nach nicht. Sie ist sehr vage und sehr unpräzise. Sie suggeriert auch manchmal falsche Vorstellungen in ihrer Art, wie sie Antisemitismus definiert. Das war lange kein Problem, ist aber inzwischen durch eine zweite Dimension ein Problem geworden, nämlich dass die IHRA-Definition zunehmend auch in eine politische Debatte gezogen wurde. Da geht es darum, wie man den Nahost-Konflikt zu lesen hat und wie man bestimmte Kritik an Israel zu verstehen hat, ob das antisemitisch ist oder nicht. Man kann die IHRA-Definition auch etwas expansiv auslegen, und dann definiert man vieles als antisemitisch, was wir als falsch oder als Blödsinn bezeichnen würden, aber nicht unbedingt als antisemitisch.

Was sind die Vorteile der "Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus"? Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Jensen: Zum einen finde ich sie wesentlich präziser, kürzer und passender, und sie erlaubt es stärker, zwischen Israel-Kritik, Anti-Zionismus und Antisemitismus zu unterscheiden. Israelkritik oder Israelfeindschaft gibt es natürlich, und diese Feindschaft kann auch antisemitisch sein - aber sie muss es nicht sein. Es gibt da legitime Formen, und mit der IHRA-Definition in ihrer Vagheit konnte man das nicht vernünftig behandeln.

Wer steht hinter der Initiative?

Jensen: Hinter der Initiative stehen 200 Holocaust- und Antisemitismusforscher*innen aus den USA, aus Israel und aus Europa. Die IHRA-Definition ist damals nicht in einem wissenschaftlichen Kontext entstanden, sondern in einem Kontext der politischen Bekämpfung. Und wir wollen eine wissenschaftlich haltbare Definition präsentieren.

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Leitlinie 14 besagt, "Boykott, Desinvestition und Sanktionen" (BDS) seien "gängige, gewaltfreie Formen des politischen Protests gegen Staaten. Im Falle Israels sind sie nicht per se antisemitisch". Ist das als Unterstützung der BDS-Bewegung zu verstehen?

Jensen: Nein, das würde ich so nicht sehen. Im Gegenteil. Es wird damit klar gesagt, dass man es in jedem einzelnen Fall prüfen muss, ob eine Initiative der BDS-Bewegung antisemitisch ist oder nicht. Es wird nur nicht davon ausgegangen, dass jede Form von Boykott per se antisemitisch sein muss. Und das finde ich eine sinnvolle Unterscheidung. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen - und das ist vielen Leuten nicht bewusst -, dass das ein sehr starker innerjüdischer Konflikt ist. Es gibt sehr viele Juden, die die BDS-Bewegung entweder direkt unterstützen oder zumindest bedenkenswert finden. Und man würde dann diese Juden - und das passiert auch in Deutschland - zum Teil als antisemitisch hinstellen. Das halten wir für nicht richtig. Insofern denken wir, dass die Definition helfen soll, hier stärker zu unterscheiden und den notwendigen Kampf gegen den wachsenden Antisemitismus zu schärfen und zu profilieren.

Hat die Erklärung das Potenzial, alle aktuellen Auseinandersetzungen darüber, was antisemitisch ist, beizulegen?

Jensen: Nein. Das hängt damit zusammen, dass der Politisierungsgrad hierbei sehr hoch ist und sich viele Leute bei diesen Debatten die Köpfe heiß reden. Das wird mit einer einfachen Definition nicht abzustellen sein, zumal die IHRA-Definition per se nicht automatisch schlecht war. Ich habe meine Probleme mit ihr, aber gleichzeitig kommt es auch darauf an, wie man eine Definition benutzt. Das kann natürlich der Jerusalemer Erklärung auch passieren. Die Politisierung und der Streit sind so fundamental, dass es schwer ist, einen kühlen Kopf zu behalten. Aber wir hoffen, dass wir mit der Definition da ein bisschen helfen.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.03.2021 | 18:00 Uhr