Stand: 02.12.2016 15:04 Uhr

Gregor Schneider - "Bühnenbildner der Ängste"

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Der 47-jährige Gregor Schneider hatte schon im Alter von 17 Jahren seine erste Ausstellung.

Der als "Erschrecker" gefeierte Künstler Gregor Schneider schaut in der aktuellen Ausstellung "Wand vor Wand" in der Bonner Bundeskunsthalle auf 30 Jahre Kunstschaffen zurück, in denen er unter anderem mit dem Goldenen Löwen der Biennale in Venedig ausgezeichnet und zuletzt zum Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie wurde. Immer geht es bei Schneider um Räume. Von den immerhin schon 200, die er im Laufe der Zeit präsentiert, anschließend eingelagert, wenn nicht zerstört hat, sind 20 jetzt aus seinem Depot geholt und wieder aufgebaut worden. Der Kultur-Redakteur Michael Köhler hat diese Räume bereits beschritten.

NDR Kultur: Herr Köhler, wie hat man sich das vorzustellen? Was ist da zu sehen?

Michael Köhler: Wenn wir es uns einfach machen wollten, würden wir sagen: Es ist ein Parcours des Schreckens oder ein Labyrinth des Grauens. Es beginnt laut und bunt. Vor fünf Jahren hat Gregor Schneider am Durga Puja Festival in Kalkutta teilgenommen und hat dort einen Tempel für eine Göttin mit aufgebaut. Das Ganze wurde dann in einem Seitenfluss des Ganges versenkt, er hat Reste davon wieder herausgeholt, hat das wieder zurück nach Rheydt transportiert. Daran merken Sie schon ein Prinzip, warum ihm dieser erste Raum wichtig ist: Es geht immer um Aufbau, Abbau, Transport und Wiederaufbau von Räumen, um einen Prozess der Transformation, der Verwandlung. Das ist ganz wichtig für ihn.

Das hat er ja auch schon mal vergleichbar mit dem Goebbels-Haus gemacht, das in seiner Geburtsstadt Rheydt stand. Das hat er auch abreißen und Schutt davon in Polen verstreuen lassen, was ihm den Ruf eingebracht hat, er sei im Grunde nur ein guter Logistiker, ein guter Spediteur. Können Sie das Bild geraderücken?

Köhler: Den Vorwurf kennt er natürlich - und das wäre es auf einer einfachen Ebene auch. Sie müssen sich diesen Parcours anstrengend vorstellen. Das ist zumutungsreiche Kunst, sie lässt einen nicht gleichgültig, sie zwingt Sie auch buchstäblich in die Knie: Sie müssen durch Rohre klettern, plötzlich kommen Sie in grell erleuchtete Räume, dann ist plötzlich eine Kaltzelle, eine Nasszelle, plötzlich ist es eiskalt. Plötzlich wissen Sie nicht, wo Sie sind, wie Sie sich orientieren sollen. Es geht auf Knien weiter durch Rohre und Kanäle, vorbei am zentralen Sterberaum - das ist dieser berühmte Nachbau eines Zimmers im Museum Haus Esters/Haus Lange in Krefeld von Mies van der Rohe. Auch hier geht es wieder um Vorbilder, Abbilder, Nachbauten und die große Frage: Was ist eigentlich Original und was ist Reproduktion? Was ist Urbild, Abbild, Vorbild? Was ist die Identität von Sachen, denn die ganze Zeit fragen Sie sich: Ist das hier echt? Gibt es das? Was habe ich für ein Verhältnis dazu? Die Frage der Identität von Sachen, Dingen, Räumen und Personen. Es geht am Ende immer um an- und abwesend, um sichtbar und um unsichtbar - und das ist ja nicht wenig.

Was Sie da beschreiben, klingt eher nach einer Geisterbahn mit Nervenkitzel und Grusel.

Köhler: In der Tat. Sie kriegen buchstäblich Gänsehaut durch die mentalen und physischen Temperaturwechsel, denen Sie da unterworfen werden. Das ist aufdringlich.

Aber resultieren aus diesen klaustrophoben Gefühlen am Ende irgendwelche Erkenntnisse?

Köhler: Ja, ich denke schon. Er ist ja nicht umsonst ganz früh von Konrad Fischer in Düsseldorf ausgestellt worden, dem Vater der Konzeptkunst. Sie können sich der Kunst auf drei Weisen nähern: Sie können sagen, das ist Schreckenskunst - dann haben Sie es einfach abgehakt. Sie können sagen, das ist philosophische Konzeptkunst, die immer nach dem Verhältnis von Original und Reproduktion fragt. Aber Sie können auch sagen, da ist jemand, der mit verschwundenen Wirklichkeiten arbeitet, auch einer Kunst, die sich selber verzehrt.

Das Tolle an der Schau in Bonn ist, dass zum ersten Mal auch ganz frühe Zeichnungen von ihm zu sehen sind. Das ist sehr anspruchsvolle Kunst. Gregor Schneider ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Gegenwartskünstler, der gerade die größte Werkschau bekommt, die je von ihm zu sehen war.

Sie beschreiben sehr klare, jedenfalls sehr reale Räume, die manchmal auch nicht besonders weit oder hell sind - also nicht unbedingt einladend.

Köhler: Im Gegenteil: Es ist eng, man muss sich an der Wand entlangdrücken. Das ist schon teilweise eine Zumutung - und nicht gerade inklusionsfreundlich.

Das ist aber auch irgendwie ein bisschen spirituell und jenseitig aufgeladen. Wie passt das zusammen?

Köhler: Das passt eigentlich recht gut. Manchmal ist es sogar ein bisschen zu dick aufgetragen, wenn er wörtlich sagt: Der zentrale Raum ist der Sterberaum. Es geht um Fragen der Lebensverlängerung, wie wir leben, wie wir sterben wollen. Nicht umsonst ist er auch früh immer in solchen Zusammenhängen gezeigt worden. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber er ist jemand, der den Mut hat, mit unseren Ängsten umzugehen, mit dem Sichtbaren, mit dem Unsichtbaren, mit unseren Bedürfnissen, mit unseren Schrecken, mit all dem, was wir mit uns herumschleppen. Insofern ist er ein großer Bühnenbildner der Ängste. Und er liebt das Theater, und das Theater liebt ihn.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 02.12.2016 | 19:00 Uhr

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