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Maurós Levit-Kritik: "Spaltung in der Gesellschaft wird tiefer"

Stand: 22.10.2020 17:08 Uhr

In seinem Text "Igor Levit ist müde" fährt der Musikkritiker Helmut Mauró schwere Geschütze gegen den Star-Pianisten auf. Ein Gespräch mit der Redakteurin des Berliner "Tagesspiegels" Christiane Peitz.

In der vergangenen Woche ist in der "Süddeutschen Zeitung" ein Text des Musikkritikers Helmut Mauró erschienen, der von vielen schon nicht mehr als Musikkritik gewertet wird, denn es geht nur am Rande um das Klavierspiel des Star-Pianisten Igor Levit. Eher geht es um dessen öffentliches Engagement - oft und gern bei Twitter, vor allem in Sachen Antisemitismus. Dagegen fuhr Mauró so schwere Geschütze auf, dass in den Tagen darauf ein Sturm der Entrüstung ausgebrochen ist, der bis heute anhält. Am Mittwoch sahen sich die Herausgeber der "Süddeutschen Zeitung" gezwungen, sich im eigenen Blatt in aller Form bei dem diffamierten Star-Pianisten zu entschuldigen. Wie konnte das Ganze geschehen? Und was sagt das über unser gesellschaftliches Klima? Christiane Peitz, Redakteurin des Berliner "Tagesspiegels", treibt diese Frage sehr um.

Frau Peitz, was kritisiert Helmut Mauró an Igor Levit?

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Christiane Peitz ist Redakteurin des Berliner "Tagesspiegels".

Christiane Peitz: Ich kann nur diesen Text deuten. Und da gibt es mehrere Muster, Denkfiguren, die nicht neu sind. Die eine ist: "Shut up and play", also: "Du Künstler, halt den Mund, mach deine Musik, mach deine Kunst und mische dich nicht in politische oder gesellschaftliche Fragen ein!" Das andere ist, wie ich finde, von antisemitischen Tönen geprägt - Töne, die sehr deutlich sind. Mauró tut das im Zusammenhang mit Twitter als Ort, wo es die "Opferanspruchsideologie" gäbe, die er damit auch Levit unterstellt. Ohne dass Mauró erwähnt, dass Levit bereits selbst Opfer von Morddrohungen war und zum Teil mit Personenschutz auf Konzertpodien auftreten musste, macht er sich darüber lustig, dass Levit jemand ist, der unermüdlich gegen Antisemiten, gegen die AfD, gegen die Neue Rechte, gegen Rassismus, auch gegen Sexismus den Mund aufmacht. Und einem Juden den Mund zu verbieten, weil er etwas gegen Nazis hat - das verschlägt mir wiederum fast die Sprache.

Ich finde es ganz wichtig, dass wir - gerade in den Medien, einschließlich der "Süddeutschen Zeitung" -, die wir für eine tolerante, weltoffene, freiheitliche, demokratische Gesellschaft einstehen und die verteidigen, nicht anfangen, die Gegner dieser Gesellschaft zu imitieren und in denselben Jargon der Intoleranz, der Diffamierung und der Herabwürdigung verfallen. Bei aller Wut, die es manchmal geben muss, und bei allem Klartext, der manchmal gesprochen werden muss.

Es überrascht in der Tat, dass so ein Text in einer Zeitung, die wir dem linksliberalen Spektrum zuschreiben würden, erscheinen kann. War das ein Betriebsunfall oder ändert sich gerade insgesamt eine Stimmung?

Peitz: Egal, ob das ein Betriebsunfall war oder nicht - in jedem Fall lese ich das als Symptom für die Veränderung einer Stimmung, und das macht mir große Sorge. Ich lese den Text als Symptom dafür, dass das Klima angespannter wird, dass die Spaltung in der Gesellschaft tiefer wird, dass der Ton schärfer wird, dass etwas salonfähiger wird, was sonst eher überwiegend an den rechten Rändern laut wurde. Und das erschreckt mich doch sehr. In der ersten Stellungnahme der "Süddeutschen Zeitung" verteidigen sie den Text, haben ihn auch in einer Mail an Igor Levit verteidigt, wie Levit über Twitter kundgetan hat. In einer zweiten Stellungnahme bitten sie um Entschuldigung - aber sie bitten vor allen Dingen um Entschuldigung, dass manche den Text als antisemitisch empfinden, dass etliche den Künstler und Menschen Levit herabgewürdigt sehen, dass er das auch selbst so sieht. Sie sagen nicht, dass sie einen Fehler gemacht haben, dass sie das nicht genau genug gelesen haben oder dass sie über Debatten begriffen haben, dass bestimmte Denkfiguren in so einem Text antisemitisch sind. Sondern es tut ihnen leid, dass die Reaktion so scharf war.

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"Traurige Entwicklung": Verlag trennt sich von Monika Maron

Nach fast 40 Jahren beendet der S. Fischer Verlag die Zusammenarbeit mit der Autorin. Ein Gespräch mit Ulrich Kühn von NDR Kultur. mehr

Vor einigen Tagen hat sich der S. Fischer Verlag von Monika Maron getrennt. Die Autorin ist in den vergangenen Jahren mit sehr stark rechten Positionen aufgefallen und hat zuletzt auch Texte in rechten Verlagen veröffentlicht. Manche sagen, das sei Cancel Culture, da werde eine Stimmen mundtot gemacht. Ist das die andere Seite der Debatte?

Peitz: Ein bisschen sind die tatsächlich miteinander verknüpft, weil es in beiden Fällen um Ausgrenzung geht. Mauró wirft Levit vor, auszugrenzen, Cancel Culture zu betreiben. Und Maron empfindet sich als Opfer eines Akts der Cancel Culture - sie nennt das selber nicht so, aber es ist das gleiche Muster. Das führt zu der gemeinsamen Frage: Wo sind die Grenzen der Meinungsfreiheit? Wie weit reicht die? Und die Meinungsfreiheit reicht offenbar so weit, dass ein antisemitischer Text im Feuilleton der "Süddeutschen" erscheinen kann. Sie reicht auch durchaus so weit - das hat der Fischer Verlag sehr deutlich gemacht -, dass Monika Maron ihre kontroversen, zum Teil auch schwer verständlichen Meinungen vertreten und äußern darf. Was zur Trennung geführt hat, ist, dass sie ihren jüngsten Essay-Band in einem Kleinverlag veröffentlicht hat, der wiederum dem rechten, rassistische und völkische Positionen propagierenden Antaios-Verlag angegliedert ist.

Ich habe oft Probleme mit Marons Positionen, aber ich finde, es muss möglich sein, sich sehr scharf gegen Islam, Islamismus, Kopftuch, Gendersprache und Political Correctness zu äußern, was sie tut. Das ist für mich von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Wir stellen fest, dass unsere Debattenkultur ziemlich aus dem Ruder läuft. Müssen wir uns eine neue aneignen und vielleicht einfach mal auf Neustart drücken?

Peitz: Die Frage ist, wie man das macht. Ich finde es wichtig, dass man der Debatte als etwas, was eine Gesellschaft auch zusammenhält, nicht den Boden entziehen darf, indem man unversöhnlich in verfeindeten Lagern steht, nicht mehr miteinander redet und sich nur gegenseitig mit Diffamierungen überzieht. Ich bin fürs scharfe Argument, auch für Erregung, denn es geht ja um etwas sehr wichtiges. Aber ich finde, dass das Zerschneiden von Tischtüchern, Herabwürdigung, das Übernehmen der Tonart der anderen Seite, nicht geht.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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AUDIO: Maurós Levit-Kritik: "Spaltung in der Gesellschaft wird tiefer" (8 Min)

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NDR Kultur | Journal | 22.10.2020 | 18:00 Uhr