Carmen Scheibenbogen © imago

Ständig erschöpft nach Corona: Das Fatigue-Syndrom

Stand: 04.06.2021 11:44 Uhr

Viele vermeintlich Genesene plagen sich nach ihrer Covid-Erkrankung noch oft mit den Folgen herum. Von "Long-Covid" ist dann die Rede. Eine Form ist die Fatigue, ein kaum erforschter Erschöpfungszustand. Ein Gespräch mit der Ärztin Carmen Scheibenbogen von der Charité in Berlin.

Eine erschöpfte Frau sitzt am Tisch © SvenSimon Foto: Frank Hoermann
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Frau Scheibenbogen, was unterscheidet das Fatigue-Syndrom von einer ganz normalen Erschöpfung?

Carmen Scheibenbogen: Das ist eine ganz wichtige Frage, denn Erschöpfung ist etwas, was wir alle kennen, was relativ häufig ist. Fatigue wird definiert als krankhafte Erschöpfung, und die tritt bei vielen unterschiedlichen Erkrankungen auf. Davon abzugrenzen ist das Chronische Fatigue-Syndrom, was eine eigenständige, sehr komplexe Erkrankung ist. Hier ist die Fatigue nur ein kleiner Aspekt davon, die Patienten haben viele weitere Symptome, leiden immer auch an schweren Schmerzen und an einer schweren Belastungsintoleranz. Der Name ist unglücklich, weil oftmals Menschen, die länger als sechs Monate an Fatigue leiden, von ihren Ärzten die Diagnose Chronische Fatigue-Syndrom bekommen, obwohl sie an dieser Erkrankung gar nicht leiden. Das Chronische Fatigue-Syndrom ist eine Erkrankung, die meistens durch eine Infektion ausgelöst wird und die mit einer Reihe von Symptomen einhergeht. Es gehören immer auch eine schwere kognitive Einschränkung dazu, Schmerzen, eine Belastungsintoleranz und weitere Symptome. Und erst wenn diese Symptomkonstellation vorliegt, kann man die Diagnose Chronisches Fatigue-Syndrom stellen.

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Wie viele Menschen sind davon in Deutschland betroffen?

Scheibenbogen: Es gibt keine genauen epidemiologischen Zahlen, aber die gibt es aus anderen Ländern. Man geht davon aus, dass es in Deutschland schon vor Covid etwa 250.000 chronisch Erkrankte gab. Das sind teilweise auch junge Menschen, und sogar Kinder erkranken daran. Wir wissen jetzt, dass auch Covid CFS - wie es abgekürzt wird - auslösen kann. Auch da haben wir noch keine genauen Zahlen, aber wir befürchten, dass das etwa ein bis zwei Prozent aller Jüngeren, die an Covid erkrankt waren, betrifft, und dass wir möglicherweise bis zu 100.000 neu an CFS Erkrankte Ende dieses Jahres haben werden.

Wie äußert sich das? Wie können Sie das diagnostizieren?

Scheibenbogen: Ich habe die wichtigsten Symptome schon genannt. Wir haben Diagnosekriterien, bei denen eine Vielzahl weiterer Symptome abgefragt werden. Wir untersuchen die Patienten natürlich auch, und es gibt eine Reihe von Veränderungen, die man feststellen kann: Zum Beispiel hat man fast immer Kreislaufprobleme, der Herzschlag ist viel zu schnell und man hat oft eine ausgeprägte Muskelschwäche. Es gibt diesen ganz charakteristischen Beginn: meistens aus voller Gesundheit mit einer Infektion beginnend. Man wird dann nicht mehr gesund, sondern entwickelt die Symptome von CFS.

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Sind die Menschen dann komplett ermüdet, erschöpft und antriebslos?

Scheibenbogen: Gar nicht so sehr antriebslos - die meisten würden nichts lieber machen, als wieder zu arbeiten. Das Hauptproblem der Erkrankung ist diese Belastungsintoleranz. Wenn man nach der Erkrankung wieder versucht zu arbeiten, oder wenn man versucht, immer mal wieder einigermaßen in seinen Alltag zu kommen, dann kommt es zu einem richtigen Crash, wenn man zu viel macht, und dann ist man tagelang noch viel kränker. Das kann ausgelöst werden durch körperliche und emotionale Belastung oder durch Stress. Das ist nicht so leicht vorherzusagen. Wenn man das nicht berücksichtigt, dann geht man von einem Crash in den nächsten Jahren, und man kann man sehr schnell kränker und kränker werden. Die meisten Patienten sind nicht mal in der Lage, wieder in ihren Beruf zurückzukehren. Manche können das vielleicht noch Teilzeit, aber viele sind so krank, dass sie die meiste Zeit des Tages zu Hause liegen müssen.

Haben Sie irgendeinen Hoffnungsschimmer? Kann man das behandeln, möglicherweise sogar heilen?

Scheibenbogen: Ja, natürlich habe ich Hoffnung. Es ist nicht so, dass man gar nichts machen kann. Viele dieser Symptome kann man gut behandeln, zum Beispiel durch die Pacing-Strategie, dass man lernt, diese Crashs zu vermeiden. Viele haben schwere Schlafstörungen, Schmerzen, Kreislaufprobleme - das alles kann man behandeln, und es kommt bei vielen zu einer Besserung. Eine Heilung würde aber heißen, dass wir die genauen Ursachen kennen und gezielt behandeln können. Und da haben wir ein großes Defizit, weil die Erkrankung in der Vergangenheit nicht richtig eingeordnet und auch nicht richtig beforscht wurde. Ich habe aber die Hoffnung, dass wir durch Covid viel mehr Aufmerksamkeit bekommen haben und das eine gute Voraussetzung ist, das Krankheitsbild besser zu erforschen. Damit wir die Ursachen gut verstehen und auf dieser Grundlage gezielte Medikamente entwickeln können. Da gibt es schon eine Reihe von Konzepten, wie das gehen könnte.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.06.2021 | 18:00 Uhr

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