Eine verzweifelte Studentin © picture alliance / dpa Themendienst Foto: Markus Hibbeler

"Land in Sicht": Studium unterbrechen statt abbrechen

Stand: 02.10.2020 15:54 Uhr

Das Projekt "Land in Sicht" hilft Studierenden der Hochschule Bremerhaven ihr Studium zu unterbrechen und in dieser Zeit eine Ausbildung mit anschließender Rückkehrgarantie ins Studium zu machen.

von Christoph Kersting

Bewerbungen sichten, geeignete Kandidatinnen auswählen, Vorstellungsgespräche vorbereiten - all das gehört zum Job von Kim K. bei einem Bremer Personaldienstleister. Dabei hatte die 24-Jährige eigentlich andere Pläne, als sie vor drei Jahren ihr Studium an der Hochschule Bremerhaven aufnahm: Lebensmitteltechnologie und -wirtschaft. Statt über ihrer Bachelor-Arbeit zu brüten, macht sie seit Anfang August eine Ausbildung zur Personaldienstleistungs-Kauffrau. "Der Beweggrund war eigentlich, dass mir das praktische Arbeiten einfach mehr Spaß gemacht hat. Also nur immer Theorie ist zwar schön und gut, aber manchmal läuft die Praxis einfach ganz, ganz anders", sagt Kim. Nach der Prüfungsphase habe sie dann festgestellt, dass sie nicht mehr so ganz glücklich sei: "Sich selber das einzugestehen: Irgendwie läuft's gerade nicht, und das ist auch nicht mehr das, was man machen möchte, ist natürlich ein wahnsinniger Schritt. Es wird ja auch erwartet: 'Du ziehst das jetzt durch.'"

Der Rettungsanker in dieser schwierigen Situation kam von der Hochschule Bremerhaven: Kim konnte sich für ihre Ausbildungszeit vom Studium beurlauben lassen. Wichtig war ihr die Rückkehrgarantie, damit sie nach der Ausbildung auch ihr Studium regulär beenden kann. "Land in Sicht" heißt das Programm, das dies möglich macht und wird in dieser Form bislang nur an der Hochschule Bremerhaven angeboten.

"Land in Sicht": Studierende sollen "Umsteigen statt Aussteigen"

Hochschule Bremerhaven © picture alliance/Hauke-Christian Dittrich/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich
Die Abbrecherquoten liegen an der Hochschule Bremerhaven im Schnitt bei 20 Prozent - bei manchen technischen Studiengängen sogar bei 50-60 Prozent.

Die Zahl der Studienabbrecher in Deutschland ist in den vergangenen Jahren zwar leicht zurückgegangen, sie bleibt aber hoch: Laut dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung kehrten 27 Prozent der Bachelor-Studierenden der Anfangsjahrgänge 2015 und 2016 der Hochschule den Rücken, bei den Master-Studiengängen lagen die Zahlen etwas niedriger. Die Idee zu "Land in Sicht" hatte der Volkswirt und stellvertretende Direktor der Hochschule Gerhard Feldmeier.

"Ab dem Moment, wo sie abbrechen, bekommen wir sie nicht mehr, weil sie dann ja exmatrikuliert sind und wir selten dann die Gründe erfahren, weswegen sie tatsächlich aufgehört haben", sagt Feldmeier. "So kamen wir auf die Idee dieses Projekts "Land in Sicht". Also viele sehen ja kein Land im Studium, und wenn hier irgendwo das rettende Ufer erkennbar ist, dann entsteht hier eine Motivation es auch anzustreben. Also dass sie keine Aussteiger, sondern Umsteiger sind."

Umsteiger für Ausbildungsbetriebe eine willkommene Zielgruppe

Dabei fungiert die Hochschule auch als Mittler zwischen Studierenden und Ausbildungsbetrieben. Denn die haben ihrerseits Probleme mit Ausbildungsabbrechern, besonders wenn diese mitten im Jahr ein Unternehmen verlassen: Innerhalb des Jahres bekommen Ausbildungsbetriebe laut Feldmeier selten neue Azubis, sie müssten warten, bis das nächste Schuljahr abgeschlossen sei. Deswegen seien Studienumsteiger eine willkommene Zielgruppe, weil die vakante Ausbildunsgsplätze besetzen können.

Für Studienumsteiger kann die eingeschobene Ausbildung sogar zeitlich von Vorteil sein. "Wenn man beide idealerweise kombiniert, kann das sogar weniger Zeit erfordern, als wenn man das regulär hintereinander macht. Viele Unternehmen erkennen Studienerfahrungen für eine verkürzte Ausbildungszeit an. Umgekehrt kann die Hochschule auch Praxisphasen anerkennen."

"Land in Sicht" erfreut sich wachsender Beliebtheit

Dass das Angebot von "Land in Sicht" angenommen werde, das zeige auch die zunehmende Zahl an Beratungsgesprächen zum Projekt, berichtet Gerhard Feldmeier. Sich tatsächlich beurlauben lassen vom Studium - diesen Schritt haben bisher 20 Bremerhavener Studierende gewagt. Sie alle können nach Ende einer Berufsausbildung nach zwei bis drei Jahren erneut an die Hochschule zurückkehren und ihren Studienabschluss machen.

Die Studentin Kim K. jedenfalls hat das fest vor und ist inzwischen Studienpatin für andere Kommilitoninnen, die mit dem Studium hadern und erwägen lieber erstmal eine Ausbildung zu machen. "Ich bin superglücklich mit der Situation, jetzt einfach diesen Schritt gewagt zu haben. Ich blicke sehr positiv in die Zukunft, weil ich weiß: Okay, ich schließe die Ausbildung ab, ich werde die verkürzen auf zwei Jahre, und dann wird sich zeigen, was kommt. Ich gehe aber fest davon aus, dass ich mein Studium beenden werde, dass ich meine Bachelor-Arbeit schreiben werde. Vielleicht sogar hier im Unternehmen, also dass man das dann zusammen machen kann."

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NDR Info | Kultur | 02.10.2020 | 09:50 Uhr