Eine Person mit Mund und Nasenschutz hält vor sich ein Plakat auf dem steht "KLIMA KRIESE= GESUNDHEITS-KRIESE". Im Hintergrund sind weitere Menschen mit Plakaten zu sehen. © imago images / IPON Foto: imago images / IPON

Klimaabkommen: "Ich glaube, dass wir an einem Wendepunkt sind"

Stand: 11.12.2020 17:01 Uhr

Vor fünf Jahren wurde das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet. Seither ist viel passiert. Ein Gespräch mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert.

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Frau Kemfert, ist das Klimaabkommen in den letzten fünf Jahren gewachsen, hat sich entwickelt, ist auf dem Weg, groß zu werden? Oder muss man ihm wünschen, dass es noch einmal neu geboren wird?

Claudia Kemfert: Nein, es ist durchaus auf dem Weg zu wachsen. Fünf Jahre trifft es auch ganz gut, wenn man in dem Bild eines Kindes bleibt. Es muss nicht neu geboren werden - es ist gut, dass es da ist. In der Tat hat die "Fridays for Future"-Bewegung sehr viel gebracht, auch in Richtung Klimaschutz. Sonst hätten wir in Europa diese Verschärfung der Ziele nicht. Auch viele andere Länder haben sich der Klimaneutralität verschrieben: China, Japan, die USA, wenn sie jetzt wieder dabei sind, Kanada und viele weitere, sodass es jüngsten Studien zufolge durchaus im Bereich des Machbaren liegt, dass wir zumindest die Erderwärmung unter zwei Grad halten. Das wäre ein großer Fortschritt.

Kritiker mögen sagen: Zwei Grad Erderwärmung - was macht das schon für einen Unterschied?

Claudia Kemfert im Portrait. © picture alliance Foto: Kay Nietfeld
Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kemfert: Es ist durchaus ein Unterschied. Jedes halbe Jahr mehr ist sehr wichtig. Klimaforscher warnen, dass mit der Zunahme der globalen Erderwärmung extreme Klimaereignisse immer mehr zunehmen, dass auch Kipp-Punkte auftreten, also irreversible Klimaänderungen, die man nicht wieder zurückdrehen kann, selbst wenn man die Treibhausgase weiter senkt. Und davor müssen wir uns schützen. Deswegen gibt es auch die Forderung, dass man unter zwei Grad bleibt. Unter 1,5 Grad wäre noch viel besser - insofern hat die Jugend schon Recht, dass sie das einfordert. Es ist nur sehr schwierig, das umzusetzen. Aber man sollte den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern alles versuchen, es noch zu erreichen.

Ihr neues Buch heißt "Mondays for Future" - Untertitel: "Freitag demonstrieren, am Wochenende diskutieren, ab Montag anpacken und umsetzen". Warum scheitern wir oft am Montag?

Kemfert: Es ist ein kompliziertes Unterfangen und alle müssen mitmachen. Bisher hat man Klimaziele vereinbart, abstrakt festgelegt, dass der Emissionspfad erreichbar sein muss. Aber jetzt geht es wirklich an die Substanz, jetzt müssen wir es alle gemeinschaftlich umsetzen. Deswegen auch der Wunsch, mit dem neuen Buch alles zu mobilisieren, egal was man tut, sich einzubringen, sich Ziele zu setzen, Emissionen zu senken, Ideen zu erarbeiten, Prozesse zu gestalten oder sich als politisch aktive Bürgerinnen und Bürger einzubringen. Da hat die "Fridays for Future"-Bewegung unheimlich etwas in Gang gesetzt. Aber der Montag ist unliebsam, und er bedeutet Arbeit. Ich würde mir wünschen, dass man die Bürgerbewegung in aktive Politikgestaltung einbindet - denn so kann es tatsächlich etwas werden.

Wie sieht denn diese aktive Politikgestaltung aus? Was kann jede und jeder Einzelne tun - abgesehen davon, dass wir am Freitag auf die Straße gehen?

Kemfert: Am Freitag demonstrieren, samstags diskutiert und am Montag anpacken - das ist die Devise. Einerseits geht es darum, dass die Politik die Rahmenbedingungen setzen muss. Aber die Menschen müssen einerseits einfordern und andererseits sich auch Ziele setzen, egal ob im Verein, in der Schule oder im Unternehmen. Es gibt keine Ausreden, irgendetwas kann man immer tun - jenseits von Konsumentscheidungen, weil das überhaupt nicht ausreicht. Wir brauchen aktive Prozesse. Ich werbe auch sehr dafür, dass man in Deutschland Klima-Bürgerräte, wie sie mittlerweile überall in Europa genutzt werden, als eine mögliche Ergänzung zu dem parlamentarischen Entscheidungen einführt, um die Ideen, die dort gesammelt werden, von einer Breite der Gesellschaft in politisches Handeln einzubinden. Das soll nicht die Demokratie oder die politischen Prozesse ersetzen, sondern ergänzen. Ich glaube, dass wir an einem Wendepunkt sind und diesen auch klug nutzen sollten.

Buch-Info

Mondays for Future: Freitag demonstrieren, am Wochenende diskutieren und ab Montag anpacken und umsetzen
von Claudia Kemfert
Murmann Verlag
Seiten: 200 Seiten
ISBN: 978-3867746441
Preis: 18,00 Euro

Wenn Sie Ihre Erwartungen an die Politik formulieren müssten, wie schauen Sie auf das Wahljahr 2021? Wie stark wird die Klimapolitik diese Wahlen bestimmen?

Kemfert: Ich denke, es wird eine Klima-Wahl, genau wie in anderen Ländern auch. Auch in den USA war es so, dass die Klimapolitik ganz oben auf der Agenda war - in Deutschland noch viel mehr. Es kommt jetzt darauf an, was die politischen Parteien anbieten. Und da sollten sich alle in ihren Angeboten für mehr Klimaschutz überbietenden, denn genau so kommen wir vorwärts. Insofern wünsche ich mir von allen Parteien konkrete Ideen, wie man es umsetzen kann. Der Weg ist das Ziel, und das Ziel ist Klimaschutz und 100 Prozent erneuerbare Energien. Da haben wir noch einen langen Weg vor uns. Das kann man deutlich besser machen als die Politik heute - insofern ist es eindeutig eine Klima-Wahl.

Welches ist aus Ihrer Sicht die größte Klimalüge unserer Zeit?

Kemfert: Die größte Klimalüge unserer Zeit ist, dass man sagt, man könne die Verbraucherinnen nur animieren, Konsumentscheidungen zu treffen, und dann hätten wir das Problem gelöst. Klimaschutz gibt es nicht im Supermarkt, wir brauchen sehr viel mehr als das. Wir brauchen Rahmenbedingungen für die gesamte Volkswirtschaft. Das kann man nicht auf die Verbraucher abwälzen. Deswegen ist es so wichtig, dass man hier ins Handeln kommt und alle mobilisiert.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.12.2020 | 18:00 Uhr