Stand: 05.03.2020 17:19 Uhr  - NDR Kultur

Kirche und Entschädigung: In den Sand gesetzt

Die katholischen Bischöfe in Deutschland haben zum Abschluss ihrer Frühjahrsvollversammlung neue Grundsätze für Zahlungen an Missbrauchsopfer vorgestellt. Betroffene bekommen pro Fall ein Schmerzensgeld von bis zu 50.000 Euro. Die Kirche orientiere sich künftig an der zivilrechtlichen Schmerzensgeld-Tabelle und entsprechenden Gerichtsurteilen.

Ein Kommentar von Florian Breitmeier

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Florian Breitmeier leitet die Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Das von den katholischen Bischöfen vorgelegte Konzept reicht nicht. Es kann die meisten Betroffenen nicht zufriedenstellen. Es empört sie zurecht. Der bischöflichen Absichtserklärung von Mainz fehlt der Mut. Es fehlt der unbedingte Wille für einen Neuanfang inmitten der österlichen Bußzeit. Das schmerzt und ist bitter.

Enttäuschte Erwartungen

Im Spätsommer hatte eine von der Bischofskonferenz beauftragte unabhängige Kommission zwei Entschädigungsmodelle erarbeitet, die bei der Herbstvollversammlung in Fulda auch offiziell vorgestellt wurden. Im Raum standen, von den Bischöfen zunächst unwidersprochen, zwei Modelle: eine Pauschalzahlung in Höhe von 300.000 Euro pro Opfer. Oder ein Stufenmodell je nach Schwere des Verbrechens mit Zahlungen zwischen 40.000 und 400.000 Euro. All das hat offensichtlich Erwartungen geweckt, die nun enttäuscht werden. Die katholischen Bischöfe wollen individuelle Einmalzahlungen leisten, die sich in der Höhe an Schmerzensgelder der staatlichen Gerichte in vergleichbaren Fällen anlehnen. Dabei sollen sich die geplanten Leistungen am oberen Bereich der dort zuerkannten Summen orientieren. So verhängte das Landgericht Stuttgart im Jahr 2003 zum Beispiel ein Schmerzensgeld in Höhe von 50.000 Euro, nachdem ein Junge von dem Stiefvater vergewaltigt worden war. Keine Frage: Die Bischöfe wollen künftig deutlich mehr zahlen als die bislang oft durchschnittlich 5.000 Euro.

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Katholische Kirche: Schmerzensgeld für Missbrauchsopfer

Die katholische Kirche will Missbrauchsopfer mit bis zu 50.000 Euro entschädigen. Der Weg dahin soll für die Opfer möglichst unbürokratisch gestaltet werden. Mehr auf tagesschau.de. extern

Und die katholischen Oberhirten ignorieren ja auch nicht komplett die Empfehlungen der unabhängigen Arbeitsgruppe. So soll die materielle Leistung als Schmerzensgeld gezahlt werden. Das ist bedeutsam, weil das Schmerzensgeld grundsätzlich nicht der Einkommenssteuerpflicht unterliegt. Auch kann diese Zahlung nicht mit anderen sozialen Leistungen verrechnet werden, die der oder die Betroffene außerdem noch erhält. Antragsberechtigt sind auch diejenigen, die bereits Geld von der Kirche erhalten haben. Und ein solidarisches Finanzkonzept soll einzelnen Bistümern und Orden helfen, wenn sie knapp bei Kasse sind. Damit niemand leer ausgeht, nur weil er in einem armen Bistum lebt.

Die Folgen des Missbrauchs

Der Knackpunkt des Grundsatz-Papiers ist aber, dass die Bischöfe zu sehr auf die verbrecherische Tat an sich schauen, und weniger auf die Folgen des Missbrauchs für die Einzelne oder den Einzelnen. Diese Folgen können sein: eine größere Anfälligkeit für schwere Erkrankungen, Depression, Sucht, Phobien, Beziehungsstörungen, auch negativ beeinträchtigte Erwerbsbiographien.

Eine Hand hält einen Rosenkranz © picture alliance/imageBROKER

Kirche und Entschädigung: In den Sand gesetzt

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Die katholische Kirche will den Opfern sexuellen Missbrauchs bis zu 50.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Ein Kommentar von Florian Breitmeier.

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Wenn die Kirche den Betroffenen gegenüber also weitestgehende Verantwortung wahrnehmen möchte, dann kann sie in der Entschädigungsfrage das institutionelle Versagen oft auch infolge der Tat nicht ausklammern. So wurden ja Priester gedeckt, Taten vertuscht, Betroffene in langwierige Verfahren gedrängt, ohne dass an deren Ende oft eine Information an das Opfer erfolgte, wie die Kirche mit dem Fall konkret umgegangen ist. Auch das hat Schmerzen verursacht, Ohnmachtsgefühle geweckt. Und die Kirche sollte auch dafür konkret zahlen und eben nicht nur für die Tat an sich.

Projekt in den Sand gesetzt

Aber genau das wollen die katholischen Bischöfe nicht. Und dabei wissen sie im Kern wohl auch die Evangelische Kirche in Deutschland und die Sportverbände an ihrer Seite. Jedenfalls meiden die Bischöfe aus finanziellen und juristischen Gründen das Wort Entschädigung wie der Teufel das Weihwasser. Dabei hätte die Kirche genug Geld, um ein entschiedeneres Signal in die Gesellschaft zu senden: Bei uns soll es anders sein! So aber bewegt sich die Kirche in der Missbrauchskrise zu wenig. Das Papier "Weiterentwicklung des Verfahrens zur Anerkennung des Leids" bringt die Bischöfe nicht wirklich voran. Schlimmer noch: Es reift die Erkenntnis, dass die Kirche das gegenüber den Betroffenen als vertrauensbildende Maßnahme konzipierte Projekt durch die vorgestellten Grundsätze leider ganz grundsätzlich in den Sand gesetzt hat.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.03.2020 | 19:00 Uhr

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