Katajun Amirpur © picture alliance / Eventpress | Eventpress Stauffenberg

Katajun Amirpur über die Folgen des 11. Septembers 2001

Stand: 30.08.2021 15:36 Uhr

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur sieht beunruhigt auf die aktuellen Entwicklungen in Afghanistan und erinnert sich an den Tag, der vor 20 Jahren so vieles in Bewegung setzte.

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von Katajun Amirpur

Erfahren habe ich es, als ich vom Kindergarten nach Hause kam. Ich hatte meine Tochter abgeholt und unten im Hof erwartete mich schon unser Nachbar. Er hatte es im Radio gehört. Da er aber keinen Fernseher besitzt, wollte er mit zu uns nach oben. Er formulierte sehr vorsichtig, wollte die Kleine nicht beunruhigen. Außerdem suchte er nach Gründen und Anreizen, sie ins Kinderzimmer zu bewegen. Denn dass das Fernsehen die Bilder vom Einsturz in Endlosschleife zeigte, hatte er schon im Radio gehört. Es gelang uns für eine Weile, sie vom Wohnzimmer fernzuhalten. Als dies nicht mehr ging, beschloss ich, den Fernseher auszumachen.

Im Nachhinein erstaunt mich, dass ich noch so viel business as usual machte an jenem Tag. So ging ich abends zum Elternabend der Kita. Ob es daran lag, dass ich die Dreijährige mit meiner Unruhe nicht beunruhigen wollte und deshalb auf Normalität umschaltete? Oder ob es noch gar nicht so schnell ankam in meinem Hirn, was da passiert war. Seltsam auch, dass ich ausgerechnet auf diesem Elternabend zum ersten Mal mit einer der vielen Verschwörungstheorien konfrontiert wurde, die schnell im Umlauf waren. Einer der Väter entblödete sich nicht zu sagen, dass einen Anschlag von solcher Tragweite natürlich nur die Amerikaner selbst in der Lage wären zu organisieren und zu orchestrieren.

Erste Reaktionen auf den Anschlag

Hingegen waren die üblichen Verdächtigen, die sonst keine Gelegenheit auslassen, um gegen Amerika zu schießen, unvermutet still. In Teheran erklang der Ruf "Nieder mit Amerika", der sonst immer das wöchentliche Freitagsgebet einleitet, zum ersten Mal nach 21 Jahren nicht. Auch die Konservativen Irans verurteilten die Anschläge aufs Schärfste. Nicht einmal in den sonst für derartige Ausfälle bekannten Kreisen hörte man das mancherorts erwartete, "das geschieht ihnen recht". Dass der moderate Präsident Chatami offiziell kondolierte, war dabei weniger erstaunlich, als dass er dafür nicht von den Radikalen kritisiert wurde.

Als ich am späten Abend diese ersten Reaktionen aus Iran hörte, war ich etwas beruhigter als noch am Nachmittag. Denn natürlich hatte ich auch in Erwägung gezogen, dass Iran etwas mit den Anschlägen zu tun haben könnte. Es wäre nicht der erste Anschlag gegen die USA gewesen. Diese seltsame, eigentlich abscheuliche Reaktion, diesen Gedanken: hoffentlich war es keiner von uns, hatte ich am 11.9.2001 zum ersten Mal. Und seither fast jedes Mal, wenn es einen Anschlag gibt. Hoffentlich keiner von uns Iranern war es damals, heute ist es: Hoffentlich kein Muslim. Ein impulsiver Gedanke. Aber einer, für den man sich schämen sollte. Statt zuallererst Mitleid mit den Opfern zu haben, hoffen wir, dass die Vergeltung nicht uns und die Unseren treffen möge.

Folgen des "Kriegs gegen den Terror"

Es ist nochmal anders gerade in diesen Tagen, kurz nach der Machtübernahme der Taliban, über den 11. September nachzudenken und darüber, was man an diesem Tag getan hat, welche Gedanken einem durch den Kopf geschossen sind, welche Ängste man hatte: bei all dem Schlimmen, das man sich ausgemalt hat, was kommen könnte als Nachbeben dieses 11. Septembers 2001: dieses Ausmaß hatte wohl niemand auf dem Schirm.

Niemand konnte sich wohl vorstellen, was der 11. September 2001 alles in Gang setzen würde. Und dass der amerikanische war on terror so viele Menschen radikalisieren würde. Die Taliban waren noch nie so stark wie jetzt. Die Islamisten weltweit werden immens viel Auftrieb erfahren. Sie haben die Supermacht bezwungen. Was für ein Desaster.

 

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