Stand: 04.06.2019 17:50 Uhr

"Das Tiananmen-Massaker war kein Zufall"

Die späten 1980er-Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Die Idee von der Befreiung von der Diktatur erfasste im Ostblock Staat um Staat und griff über auf andere kommunistische Länder. Auch im fernen China standen 1989 massenhaft Menschen auf - gegen die Korruption und für die Demokratie. Am 4. Juni 1989 eskalierte die Situation auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, und es kam zu einem furchtbaren Massaker: Hunderte, wenn nicht sogar tausende Menschen starben. In China wird dieses Ereignis totgeschwiegen. Kai Strittmatter war jahrelang Korrespondent für die "Süddeutsche Zeitung" in China.

Herr Strittmatter, man sagt ja: aus dem Auge, aus dem Sinn. In China wird das Massaker durch die Zensur totgeschwiegen. Es ist also aus dem Auge - aber ist es auch wirklich aus dem Sinn?

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"Der Kommunistischen Partei ist es gelungen, eine ganz neue Art von Diktatur zu schaffen", beobachtet Kai Strittmatter.

Kai Strittmatter: Bei den Leuten, die dabei waren, natürlich nicht. Und trotzdem ist es erstaunlich, wie erfolgreich es der Kommunistischen Partei gelungen ist, die Geschichte vergessen zu machen. Kollektiver Gedächtnisverlust, kollektive Amnesie ist eines ihrer zentralen Herrschaftsmittel. Das Massaker am Tiananmen-Platz war nicht das erste Mal, dass sie das probiert hat. Sie hat es wieder durchgezogen, und es war sehr "erfolgreich".

Dieser "Erfolg" hat sich bis heute fortgesetzt. In anderen kommunistischen Ländern ist das System zusammengebrochen - in China besteht es bis heute. Ist also auf eine perfide Art und Weise das Ganze in Erfüllung gegangen?

Strittmatter: Ja, tatsächlich. Die Kommunistische Partei hat heute allen Grund zu feiern: Ihre Rechnung ist aufgegangen. Sie hat sich Zeit gekauft für ihre eigenen Führer, gegen deren Korruption ja damals demonstriert wurde. Sie hat sich Zeit gekauft für die Fortsetzung ihres Herrschaftsmodells. Sie hat das mit einer unglaublichen Chamäleonhaftigkeit getan. Diese KP war immer ganz anders als andere kommunistische Parteien, denn sie hat sich alle paar Jahre, alle paar Jahrzehnte neu erfunden.

Wie erklären Sie sich diesen chinesischen Sonderweg?

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Strittmatter: Der neue Parteichef Xi Jinping spricht oft darüber, was in der Sowjetunion passiert ist. Das ist offensichtlich ein Trauma für diese Leute, was nach Michail Gorbatschow mit der Kommunistischen Partei dort passiert ist. Er hat einmal den Satz gesagt: "Es gab einfach keinen richtigen Mann dort." Sprich: Wir in China hatten die richtigen Männer, wir hatten die Entschlossenheit, unsere Macht zu bewahren. Wir hatten die Entschlossenheit, auch Gewalt einzusetzen. Man weiß aus Dokumenten, die seither veröffentlicht wurden, dass das Blutvergießen kein Zufall war, sondern dass Deng Xiaoping wollte, dass Blut vergossen wird.

In Leipzig waren Anfang Oktober 1989 auch Panzer aufgefahren, da waren auch Leichenhallen vorbereitet, es war eine chinesische Lösung zumindest erwogen worden - und es ist nicht dazu gekommen. Können Sie sich das erklären?

Strittmatter: Ich kann nicht in die Köpfe der SED-Leute gucken. Ein Grund war mit Sicherheit, dass die Beziehungen zwischen dem Westen Deutschlands und dem Osten Deutschlands auch damals sehr viel enger waren und dass die Ostdeutschen immer in den Westen guckten und viel Informationsfluss mitbekamen. Aber warum letztlich die Skrupellosigkeit der chinesischen Führer größer war als die der ostdeutschen, das weiß ich nicht.

Wir hören immer mal wieder von vereinzelten Aktivisten, von Bürgerrechtsanwälten, von Wissenschaftlern, von Künstlern - aber nicht mehr von einer Bewegung. Wird die immer im Keim erstickt?

Strittmatter: Ja, genau das passiert. Die Kommunistische Partei ist geboren mit einer gewissen Paranoia. Sie hat sich immer aller Opposition entledigt, aber was wir in den letzten sechs, sieben Jahren sehen, ist beispiellos. Das China der letzten 30 Jahre, dieses China der Reform und Öffnung - mit Ausnahme des Tiananmen-Massakers - das ist mittlerweile tot, dieses China gibt es nicht mehr. Xi Jinping baut ein ganz neues China, eines mit einer Repression, die mittlerweile so groß ist wie seit den Zeiten Maos und seit den Zeiten des Tiananmen-Massakers nicht mehr.

Das verwundert etwas, denn wenn man sieht, wie sich China wirtschaftlich oder gesellschaftlich gegenüber dem Westen geöffnet hat, wenn wir Bilder vom Konsum in Peking sehen, dann erinnert das an westliche Maßstäbe. Und trotzdem so ein chinesischer Sonderweg - wie geht das in einer globalisierten Welt?

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Strittmatter: Genau davon dürfen wir uns nicht täuschen lassen. Natürlich schaut China nicht so aus wie die Sowjetunion oder wie die DDR früher. Wenn man in Peking aus dem Flugzeug steigt, sieht man ein buntes, ein wildes Land, ein Land, in dem es Shopping-Orgien gibt, wo die Menschen sich in Kommerz und Konsum verlieren. George Orwells "1984" beschreibt höchstens die Hälfte von dem, was wir dort sehen. Die andere Hälfte ist vielmehr die schöne neue Welt.

Der Kommunistischen Partei ist es gelungen, eine ganz neue Art von Diktatur zu schaffen. Zudem unterfüttert sie das Ganze noch mit der Digitalisierung, mit künstlicher Intelligenz, Big Data und versucht endgültig, ins 21. Jahrhundert zu springen und an einen Ort zu kommen, an dem noch kein Autokrat war.

China ist zu einer absoluten Weltmacht aufgestiegen, spätestens seit dem Zusammenbruch der UdSSR. Aber ist damit nicht auch das Selbstbewusstsein mittlerweile so weit gewachsen, dass man sich beispielsweise seiner eigenen Geschichte, der vor 30 Jahren etwa, stellen könnte?

Strittmatter: Ja, einerseits ist das Selbstbewusstsein tatsächlich gewachsen, andererseits weiß die Kommunistische Partei, dass ihre Herrschaft auch auf Lüge und auf Mythen beruht. Sie stellt sich ihrer Geschichte nicht, weil sie sich dann ihren eigenen Verbrechen stellen müsste. Die Leute, die da zum Teil mitgemacht haben, noch damals in untergeordneter Funktion, sind heute an der Macht. Die Partei müsste ihrem Volk sagen, dass sie damals seine Kinder umgebracht hat, und sie hat Angst davor. Und deshalb tut sie es nicht.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.06.2019 | 19:00 Uhr

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