Ein leerer Theatersaal mit roter Bestuhlung. © picture Alliance Foto: Gudrun Petersen JOKER

Höhepunkte trotz Corona: Rückblick auf das Theaterjahr 2020

Stand: 20.12.2020 11:53 Uhr

Der Vorhang ist 2020 selten hoch gegangen - gefüllt waren die Zuschauerräume im Theater nur am Jahresanfang. Doch trotz der Corona-Pandemie gab es große Premieren und spannende Projekte: Ein Rückblick auf das Theater-Jahr im Norden.

von Katja Weise

"So viel Unruhe im Haus, die Geister toben seit Wochen, seit Tagen, auch heut' muss ich nach dem Rechten schauen": Charly Hübner, bleich geschminkt, die Augenringe noch dunkler als gewöhnlich, formvollendet gekleidet in Frack und mit Zylinder, führt das Publikum durch sein Geisterhaus, das Hamburger Schauspielhaus. Das ist nur eines von vielen Projekten, mit denen die Theater in diesem Jahr ungeheuer kreativ auf sich aufmerksam gemacht haben.

Dazu gab es live gestreamte Premieren, und beinahe jede Bühne zeigte Aufzeichnungen von Aufführungen im Netz. So konnte man unter anderem die berühmte "Hamlet"- Inszenierung mit Lars Eidinger noch einmal sehen. Doch glücklich waren die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler sowie die Intendantinnen und Intendanten damit nicht.

Hamburg: Schwimmnudeln als Abstandshalter

Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier © Pichture Alliance/ dpa Foto: Henrik Josef Boerger
"Theater gehört echt nicht auf den Bildschirm", sagt Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier.

"Theater gehört echt nicht auf den Bildschirm. Das Wesen von Theater ist nun mal eben der Live-Moment und alles, was aus dem Live-Moment folgt, auch das Zusammenspiel zwischen Zuschauerraum und Bühne", sagt Karin Beier, die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. "De facto gibt es in jeder Vorstellung ein Zusammenspiel, aber jetzt in dieser Zeit einen kleinen Pulsschlag aufrechtzuerhalten, finde ich absolut richtig."

Im Mai sorgte Beier für viel Aufsehen, als sie den Probenbetrieb wieder aufnahm - mit Schwimmnudeln als Abstandshaltern. Am 11. September kam die Uraufführung von "Reich des Todes" von Rainald Goetz heraus.

Hannover: "Der zerbrochene Krug" überzeugt

Die Intendantin des Schauspiels Hannover, Sonja Anders, hatte zum Saisonstart im Herbst großes Lampenfieber - aus zwei Gründen: "Das eine ist, dass wir das Gefühl haben, wir fangen nochmal ganz von vorne an, weil die Pause so lang war. Deshalb sind alle sehr aufgeregt. Und das zweite ist, dass wir natürlich nicht wirklich ein Gefühl dafür haben, wie die Stimmung im Raum ist. Und die wenigen Zuschauer machen einem schon Kopfzerbrechen." Doch es funktionierte auch hier besser als gedacht.

Werner Wölbern überzeugte in Hannover als Dorfrichter Adam in Lisa Nielebocks kluger und präziser Inszenierung von Kleists "Der zerbrochene Krug".

Premieren-Stau bei den Bühnen im Norden

Am Deutschen Theater in Göttingen hatte das neue, apokalyptische Stück von Roland Schimmelpfennig Premiere: "Ein Riss durch die Welt". Corona, wohlgemerkt, ist hier wie auch andernorts direkt kein Thema. Es fand wenn, dann eher unterschwellig Eingang in die Spielpläne, denn: Wer will Stücke über die Pandemie sehen, wenn er mit und in ihr lebt? Zumal es nach dem ruhigen Frühjahr an den Bühnen im Herbst einen regelrechten Premieren-Stau gab.

"Gundermann" begeistert in Schwerin

In Kiel machte sich Intendant Daniel Karasek Luft mit einem knalligen Max- und Moritz Liederabend: "Wir wollen immer artig sein!". Und am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin begeisterte Patrick Wengenroth mit "Gundermann". Der Regisseur über seinen (Anti-)Helden: "Gundermann war ein sehr politischer Mensch - und natürlich näher an Honecker als an Che Guevara. Er gehörte zu dieser übersprungenen Generation, weil es dann die Wiedervereinigung gab, die ja faktisch eine Annexion war. Und ab dann war wieder nüscht."

Brosda fordert schnelle Wieder-Eröffnung der Bühnen

Szene aus "Der Boxer", inszeniert am Thalia Theaer Gaußstraße in Hamburg © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
Können Inszenierungen wie "Der Boxer" am Thalia Theater bald wieder gezeigt werden?

Dann war es ganz schnell wieder still auf den Bühnen. Viele, kleinere, private, sorgen sich heftig um ihre Existenz. Carsten Brosda, Hamburger Kultursenator und seit November auch Präsident des Deutschen Bühnenvereins, fordert weiter eine möglichst schnelle Öffnung der Theater im kommenden Jahr, damit Inszenierungen wie das im November mit dem Theaterpreis "Faust" ausgezeichnete Stück "Der Boxer" vom Hamburger Thalia Theater endlich wieder zu sehen sind.

Und damit Charly Hübner endlich auftreten kann in "Coolhaze". Einen Tag vor der Premiere im März mussten alle Theater schließen. "Letzten Endes habe ich das noch gar nicht verarbeitet, sondern das wabert noch irgendwo rum, dass man auch gerne die Erkenntnisse der Generalprobe ummünzen möchte in so eine letzte Probe, bevor es dann zur Premiere kommt", beschreibt Hübner seine Gefühle in der Corona-Krise. "Es fühlt sich an, wie wenn man so ein 'runners high' hat, wenn man Langlauf macht und dann nach 90 Minuten oder zwei Stunden anhält. Dann schwingt doch der Körper so nach. Und in dieser Schwingung befinde ich mich eigentlich seit dem 14. März."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 21.12.2020 | 09:20 Uhr

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