Buchcover: Christopher Clark - Gefangene der Zeit © DVA Verlag

"Die politische Macht ist eine sehr geheimnisvolle Substanz"

Stand: 24.11.2020 13:14 Uhr

Christopher Clark gehört zu den renommiertesten Historikern der Gegenwart. Sein neues Buch "Gefangene der Zeit" beinhaltet 13 Essays über Zeit und Macht von der Antike bis heute.

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Herr Clark, "Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump" ist ein, wie ich finde, provokanter Untertitel. Wieso machen Sie die Mächtigen, die Staatenlenker zu Gefangenen der Zeit?

Christopher Clark: Ich glaube, wir sind alle Gefangene der Zeit, die historisch handelnden Menschen sind grundsätzlich Gefangene der Zeit. Ranke (deutscher Historiker, Anm. d. Red.) hat schon davon gesprochen, dass jede Epoche vor Gott unmittelbar sei. Damit geht einher, dass die Vergangenheit für uns nicht leicht zu verstehen ist, weil wir genauso in der Gegenwart gefangen sind wie unsere Subjekte in der Vergangenheit. Man kommt nicht weg von der Tatsache, dass in diesem langen Prozess des Wandels die Menschen immer wieder in ihrer Epoche eingeschlossen werden.

Was genau verbindet in Ihrem jetzigen Buch Nebukadnezar und Donald Trump?

Christopher Clark © dpa Foto: Thilo Schmülgen
Der Australier Christopher Clark ist Professor für neuere europäische Geschichte in Cambridge und hat sich mit vielen Büchern einen internationalen Ruf erarbeitet.

Clark: Hauptsächlich die Macht. Die politische Macht ist eine sehr geheimnisvolle Substanz: Sie hat weder Gewicht, noch Geschmack, noch Farbe. Die Macht ist eine Eigenschaft von verhältnismäßigen Situationen und damit ein Aspekt der Beziehungen unter den Menschen. Insofern bleibt die Macht immer schwer greifbar, schwer zu konkretisieren. Aber die Macht ist vorhanden in und um Nebukadnezar und in und um Donald Trump, und sie ist flüssig und brüchig im Umfeld von beiden Personen. Das war für mich das Verbindende.

Der US-Politologe Francis Fukuyama sprach 1992 vom "Ende der Geschichte" und meinte damit, dass der Westen als Wertesystem und politische Ordnung welthistorisch gesiegt hatte. Wie wird sich die USA nach der Wahl in das Weltgebilde einfügen?

Clark: Wenn ich die Antwort auf diese Frage wüsste, dann wäre das sehr schön, denn ich würde sie sofort allen preisgeben. Ich hoffe sehr, dass die Vereinigten Staaten sich wieder bei der Frage des Klimawandels engagieren, dass sie beim Pariser Abkommen dabei sein werden, dass sie also mitziehen an dieser großen Aufgabe. Es wird hoffentlich der Anfang des Endes davon sein, dass aus Positionen größerer Macht Populismus, Zwietracht und niederträchtige politische Bewegung ins Leben gerufen werden. Hoffentlich findet das auch langsam sein Ende. Es ist eine Zeitenwende, auch zum Positiven. Für mich ist das Wichtigste, dass damit die Stimmen, die meinen, wir würden jetzt in einer post-westlichen, post-liberalen Welt leben, bald nicht mehr so glaubwürdig sein werden. Sie werden ihre Glaubwürdigkeit einbüßen, wenn sich Amerika wieder auf den richtigen Weg begibt - was ich natürlich sehr hoffe. Denn eine der vielen negativen Auswirkungen der Trump-Zeit war eine Schwächung unseres gesellschaftlichen Models gegenüber autoritären Gegenkonzepten. Und das ist meines Erachtens fatal und raubt uns die Zukunft. Eine sehr wichtige Aufgabe ist es nun, die Zukunft neu zu konzipieren und neu zu besetzen.

Die Corona-Pandemie ist auch eine Zäsur, die vieles bewirken und verändern wird. Wie sehen Sie auf all das als Historiker, der sich in der Gegenwart immer auch mit der Vergangenheit beschäftigt?

Clark: Das Faszinierende an dieser Covid-Pandemie war das Durcheinander von Altem und Neuem. Einerseits ist der Umgang mit Pandemien die älteste Story, die es für die Menschheit überhaupt gibt. Insofern ist darin nichts Neues. Andererseits sind die Maßnahmen, die ergriffen worden sind, um diese Pandemie zu bekämpfen, doch neu: Staatliche Zahlungen, also die finanzielle Reaktion auf diese Pandemie, sind neuartig - an diesem Punkt standen wir noch nicht. Es ist also ein verblüffendes Durcheinander von vollkommen neuen und unvorhergesehenen Entwicklungen und sehr alten und absolut vorhersehbaren Entwicklungen. Und darin liegt auch die Schwierigkeit dieser Materie. Wie diese Pandemie einzuordnen ist, ist noch nicht klar, weil wir nicht wissen, wie die längerfristigen Auswirkungen aussehen. Da sind wir noch ganz am Anfang, und ich glaube, es wird noch viel Schmerz geben, bis wir aus dieser "Delle" herauskommen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.11.2020 | 18:00 Uhr