v.l.: Lena Kußmann, Jonas Vietzke und Milena Fischer © Theater am Glocksee

Hannover: Theater an der Glocksee erhält Theaterpreis 2021

Stand: 28.06.2021 19:04 Uhr

Der Theaterpreis des Bundes geht in diesem Jahr auch zwei Spielstätten aus Niedersachsen: das LOT in Braunschweig und das Theater an der Glocksee in Hannover.

v.l.: Lena Kußmann, Jonas Vietzke und Milena Fischer © Theater am Glocksee
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Der Theaterpreis soll insbesondere die Leistungen kleiner und mittlerer Theater würdigen. Damit verbunden ist eine Prämie von 75.000 Euro - Unterstützung, die freie Theater besonders in Pandemie-Zeiten gut gebrauchen können. Ein Gespräch mit der künstlerischen Leiterin des Theaters an der Glocksee, Lena Kußmann.

Frau Kußmann, herzlichen Glückwunsch!

Lena Kußmann: Ich bin ganz aus dem Häuschen. Wir freuen uns unglaublich über diesen Preis. Das ist eine wahnsinnig tolle Auszeichnung für unsere Arbeit der letzten zwei Jahre, die es in sich hatten. Wir bedanken uns bei der Jury und natürlich bei unseren freien Kolleginnen und Kollegen, die in den letzten Jahren mit uns am Theater an der Glocksee tätig waren und in dieser besonderen Situation, der Pandemie, über sich hinaus wachsen konnten.

Neben der moralischen Unterstützung geht mit dem Preis auch eine finanzielle Spritze von 75.000 Euro einher. Wie sehr brauchen Sie eine solche Unterstützung?

Kußmann: Dieses Geld ist unglaublich willkommen. Wir sind ja ein gefördertes Theater - anders als Privattheater - und unsere Förderer haben uns in der Pandemie nicht im Stich gelassen. Wir nagen also nicht am Hungertuch, aber trotzdem ist die Kasse immer klamm, wie überall in der freien Szene. Unsere Räumlichkeiten brauchen dringend eine Überholung. Wer weiß, was alles auf uns zukommt, etwa mit neuen Lüftungskonzepten. Und da kommt uns das Geld unglaublich gelegen.

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Der Bund würdigt mit dem Preis Theater, die mit ihren Produktionen und Projekten als herausragende kulturelle Angebote in die Stadtgesellschaft hineinwirken. Wie sehr begreifen Sie das als Ihre Aufgabe?

Kußmann: Das ist absolut unsere Aufgabe. Ich finde, dass wir als Theater auch eine gesellschaftliche Verantwortung haben. Wir haben eine Verpflichtung, die Themen unserer Zeit auf unserer Plattform zu reflektieren. Wir haben die Aufgabe aufzurütteln, aufmerksam zu machen auf Themen, die brenzlig sind. Das ist während und hoffentlich auch nach der Pandemie wichtiger denn je.

In der Begründung der Jury heißt es unter anderem: Großer Wert werde bei Ihnen auf den Kontakt zum Publikum gelegt. Wie haben Sie es geschafft, diesen Kontakt zu halten, in Zeiten, in denen Abstand oberstes Gebot ist?

Kußmann: Wir haben - wie viele andere auch - sofort angefangen, unsere digitalen Möglichkeiten auszureizen. Wir haben mit Jonas Vietzke jemanden, der da sehr interessiert und fähig ist. Wir haben auch Replays und Livestreams versucht, haben aber gemerkt, dass der Live-Kontakt zum Publikum im Digitalen noch überhaupt nicht erprobt ist. Da sind viele Theater in der Pandemie-Zeit gewachsen, und wir versuchen das auch. Das bedeutet konkret, dass wir zum Beispiel unsere Zuschauer nicht mit irgendeinem aufgezeichneten Stück alleine lassen, sondern wir haben Vor- und Nachgespräche aus dem Foyer, wo wir auch live vor Ort sind. Wir sind immer ansprechbar. Wir haben in unseren analogen Projekten, die am Theater stattfinden, eine Produktionsbegleitung, die wir "very interested persons" nennen. Dort kann man auch am Probenprozess teilhaben.

Man muss dazu sagen, dass unser Publikum auch einiges mitmacht: Die sind sowohl im digitalen als auch im analogen Bereich gekommen und haben uns unterstützt. Während der Pandemie haben wir nie aufgehört, nach draußen zu gehen oder die Leute im geschützten Rahmen zu uns zu bitten. Wir haben zum Beispiel mitten im Lockdown, als auch Theater untersagt war, eine Eins-zu-eins-Performance gemacht, wo wir für eine einzige Person dreimal am Tag eine Dreiviertelstunde performt haben. Da stand ich tatsächlich auch als Performerin auf der Bühne. Das haben wir dann immer an die Maßnahmen angepasst und langsam ausgeweitet. Wir haben das ganze Jahr produziert. Wir haben draußen einen Audiowalk mit 20 Leuten gemacht. Wir haben künstlerischen Protest angemeldet und hatten glücklicherweise mit einem Projekt zum Thema Pflanzen auch Protagonisten, die uns raus aus dem Theater gelockt haben. So waren wir permanent auch in der Stadt vertreten, an Spielstätten, die wir vielleicht ohne die Pandemie nicht entdeckt hätten. Uns hat es Spaß gemacht, unsere Lücken zu finden.

Wie planen Sie gerade und worauf freuen Sie sich jetzt am meisten?

Kußmann: Wir haben wieder ein Jahresprojekt in der Pipeline, das wir "PLUS X" nennen. Dieses Projekt hat es insofern in sich, weil es am Puls der Zeit arbeiten möchte - und der Puls ist gerade wahnsinnig schnell. So schnell, wie alles zu ging, geht jetzt alles auf. Keiner weiß mehr genau, was eigentlich los ist. Ich fühle mich die ganze Zeit, als würde ich kopfüber die Düne runterpurzeln. Wir haben das Gefühl, dass die Zeit der Reflexion über alles, was uns in dieser Pandemie passiert ist und weiterhin passiert, überhaupt nicht stattfindet, weil wir weiterrasen: Alles muss so schnell wie möglich weitergehen, am besten noch schneller. Mich freut besonders, dass wir unser Projekt "Hannah und der Punk oder Wie geht Freiheit?", was vor der Pandemie großen Erfolg hatte, endlich wieder spielen dürfen - hoffentlich vor 200 Leuten im Pavillon Hannover am 28. und 29. Juli.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.06.2021 | 18:00 Uhr