Eingang zum Schauspielhaus Hannover. © NDR Foto: Julius Matuschik

Hannover: Staatstheater befürchten Einbußen in Millionenhöhe

Stand: 08.10.2021 17:29 Uhr

Nach dem aktuellen Haushaltsplanentwurf des Landes Niedersachsen drohen den Staatstheatern in Hannover in der Spielzeit 2022/23 "Einbußen in Millionenhöhe". Ein Gespräch mit der Intendantin des Schauspiels Hannover, Sonja Anders.

Eingang zum Schauspielhaus Hannover. © NDR Foto: Julius Matuschik
Beitrag anhören 6 Min

Frau Anders, was ist passiert? Inwiefern droht Gefahr?

Sonja Anders: In diesem Haushaltsentwurf, den wir ganz frisch vorgelegt bekommen haben, steht drin, dass wir die Tariferhöhung bis 2025 nicht mehr bekommen sollen. Das ist für uns eine wirkliche Katastrophe.

Um welche Größenordnung geht es dabei?

Anders: Die meisten Kosten, circa 85 Prozent unseres Etats, stecken wir in das Personal. Und wenn dann zwei Prozent an Tariferhöhung ausgehandelt werden, dann landen wir rasch bei hohen Summen. Allein beim Staatstheater landen wir bei 1,3 Millionen pro Spielzeit beziehungsweise pro Kalenderjahr. Das ist für uns sehr, sehr viel Geld.

Können Sie dann bestimmte Inszenierungen nicht mehr realisieren, müssen Sie dann bestimmte Sparten schließen?

Sonja Anders blickt in die Kamera © picture alliance/Christophe Gateau/dpa Foto: Christophe Gateau
"Es ist ein mangelndes Bekenntnis des Landes und der Politik zur Kultur", findet Sonja Anders.

Anders: Diese Größenordnung führt nicht nur dazu, dass wir Inszenierungen nicht machen können, sondern dass wir im Grunde darauf angewiesen werden, eine ganze Sparte oder gar eine Spielstätte zu schließen. Denn bei den 1,3 Millionen bleibt es ja nicht - das summiert sich mit der Zeit. Wir haben da einfach keinen Spielraum. Es ist nicht so, dass unsere Künstler wahnsinnig überbezahlt sind oder wir das Geld irgendwo horten können. Und das führt in diese Klemme hinein.

Bei den beiden anderen Staatstheatern in Niedersachsen, in Braunschweig und in Oldenburg, da droht das nicht. Warum droht es Ihnen dann?

Anders: Im Grunde ist es unsere Trägerform, wir sind eine GmbH. Bei uns kann der Landtag beschließen, dass wir diese Tariferhöhung nicht kriegen. Sobald man dem Land zugeschlagen ist, so wie Oldenburg und Braunschweig, können sie das gar nicht. Ich muss aber dazu sagen, dass wir es den Kolleginnen und Kollegen dort total gönnen. Und ich muss noch etwas sagen, was mir sehr am Herzen liegt: dass nämlich die kommunalen Theater sogar noch ungleich schwerer getroffen sind, weil die noch weniger Polster haben als wir. Bei uns ist es eine Katastrophe, bei denen ist es schier unmachbar, das überhaupt wieder reinzuholen.

Wie kommt dieser Beschluss zustande? Ist das Unbedachtheit der Landesregierung, Unwissenheit, Unbedarftheit? Oder ist das schon eine Auswirkung der Corona-Krise, dass die Kosten irgendwo wieder eingespart werden müssen?

Weitere Informationen
Eingang zum Schauspielhaus Hannover. © NDR Foto: Julius Matuschik

Kulturpartner: Schauspiel Hannover

Thematisch nimmt sich das Schauspielhaus vergangener Epochen ebenso an wie zeitgenössischen Stücken. extern

Anders: So wird argumentiert. Trotzdem leuchtet mir diese Ausrichtung bis 2025 nicht ein. Wir wissen noch gar nicht, wie die nächsten Steuerschätzungen ausfallen werden. Wir wissen auch nicht genau, wie sich die Wirtschaft erholen wird. Es ist ein mangelndes Bekenntnis des Landes und der Politik zur Kultur. Denn andere Länder handhaben das durchaus nicht so. Niedersachsen ist nun auch nicht die Spitze der Pro-Kopf-Kulturausgaben in Deutschland. Und ich finde die Politiker*innen sollten sich jetzt aufgerufen fühlen, noch einmal darüber nachzudenken, in welche Richtung sie kulturpolitisch marschieren wollen. Das ist natürlich auch eine Chance für sie.

Sie haben schon angekündigt, dass Sie Widerstand leisten wollen. Wie soll der aussehen?

Anders: Unter anderem kämpft unser Ensemble gerade sehr stark für uns alle. Wir werden nach den Vorstellungen das Publikum aufrufen, mit uns zu protestieren. Wir werden aber auch eine Demonstration organisieren. Im November werden wir vor den Landtag ziehen, und es gibt jetzt schon viel Zuspruch dafür.

Sie haben gesagt, dass es andere kommunale Theater noch viel härter trifft als Sie. Wird es da einen Zusammenschluss geben oder kämpft jeder für sich allein?

Anders: Den Zusammenschluss gibt es jetzt schon. Wir haben uns auch solidarisiert, als die kommunalen Theater 2018 schon einmal gegen Kürzungen protestiert haben. Ich finde, wir müssen zusammenhalten, und das tun wir auch. Es ist wichtig, damit die Kulturlandschaft in Niedersachsen in der Breite nicht eingeht wie eine Primel.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.10.2021 | 18:00 Uhr