Der älteste Paternoster der Welt fährt wieder

Stand: 30.09.2021 09:12 Uhr

In Hamburg wird gerade ein uralter vergessener Fahrstuhl wachgeküsst. Es ist der älteste funktionierende Paternoster der Welt von 1908, der da jahrzehntelang in einem maroden Bürohaus in der Innenstadt hinter einem Bretterverschlag schlummerte.

Paternoster im Flüggerhaus © NDR
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von Daniel Kaiser

Patrick Wagner steht im Keller des historischen Flüggerhauses und bestreicht mit einem großen Pinsel die mannshohen Zahnräder mit Fett. Die Augen des Restaurators leuchten. "Das ist ein absoluter Traum", schwärmt er. "Ich beschäftige mich schon seit meiner Kindheit mit alter Technik und war auch in meiner alten Aufzugs-Firma schon der belächelte Spezialist. Es ist eine große Ehre, eine solche Anlage fachmännisch zu restaurieren, damit sie die nächsten 100 Jahre läuft."

Paternoster vor dem Verschrotten gerettet

Fast wäre dieser Paternoster ins Jenseits befördert worden. 40 Jahre lang war er vergessen, hinter Brettern verborgen. Robin Augenstein - noch so ein Fahrstuhl-Fan - hat ihn als Student der Kunstgeschichte in alten Plänen vor ein paar Jahren zufällig wiederentdeckt und dann weitergeforscht. Jetzt lassen die neuen Besitzer des alten Bürohauses in der Hamburger Innenstadt den Paternoster restaurieren. Jetzt wird er nach 43 Jahren Standzeit wieder in Betrieb genommen.

Doktorand hat Baugeschichte rekonstruiert

Ein bisschen wie ein Archäologe fühlt sich Augenstein. Er schreibt gerade seine Doktorarbeit über diesen Hamburger Aufzug, hat Akten gewälzt, unter dicken Farbschichten alte Patentnummern entdeckt, die Baugeschichte des Paternosters rekonstruiert und dabei festgestellt, dass es sich um den ältesten funktionierenden Paternoster der Welt handelt. Eine damals bekannte, heute fast vergessene Aufzugsfirma im Stadtteil Uhlenhorst hat die Anlage damals gebaut.

Paternoster-Rettung in Deutschland einmalig

Plötzlich brummt im Haus ein Gerät. "Das ist nur der Kompressor", sagt Augenstein baustellenfest. Geisteswissenschaftler forschen eben nicht nur in der Bibliothek. "Ich habe mir nicht nur hier schon die Schuhe dreckig gemacht, ich wühle mich auch durch verschiedene Archive in Deutschland. Und das ist das wirklich Schöne: Dinge in der Hand zu halten, die in den letzten 100 Jahren niemand in der Hand hatte." Ohne das Engagement Robin Augensteins wäre der historische Paternoster wahrscheinlich schon verschrottet. "Das, was hier passiert, hat deutschlandweit noch niemand gemacht."

Geschmeidig wie ein Rosenkranz

Und dann wird es ernst. Ein paar Mal fliegt noch die Sicherung raus. Vorführeffekt! Aber dann kommt über Funk aus dem Keller das Startsignal: "Achtung! Es geht jetzt los!" Und es gelingt: Der Paternoster gleitet fast geräuschlos die sechs Stockwerke aufwärts und abwärts, ganz so geschmeidig wie ein Rosenkranz in der Hand eines geübten Beters - daher ja auch der Name des Kult-Fahrstuhls. Augenstein springt auf. Noch gibt es keine Kabinen. Es ist im Prinzip nur ein Metallgerüst, das da an großen, schweren Ketten auf und abfährt. "Es fühlt sich immer noch surreal an, dass ich hier wirklich drinstehe und der Paternoster fährt."

Paternoster wird Teil eines Jugendstil-Ensembles

Das ganze Haus ist noch eine Baustelle. In jedem Stockwerk blickt man in eine Sanierungswüste. Aber die alte, gut erhaltene Holzverkleidung des Aufzugs zeigt, wohin die Reise geht. "Im Grunde ist alles vorhanden, und wenn das Treppenhaus auch fertig restauriert ist, wird man vom Paternoster auch während der Fahrt einen tollen Blick auf die Jugendstil-Fliesen des Treppenhauses haben." Die historischen Emaille-Schilder im Paternoster sind verloren, Robin Augenstein hat sie aber rekonstruiert. Sie sollen wieder aufgehängt werden - auch die Warnung, dass man Regelverletzung eine Strafe in Goldmark bezahlen muss.

Kein Touristen-Hotspot

In den kommenden zwei bis drei Jahren soll alles fertig sein. Und dann gehört auch das besondere Paternoster-Gefühl wieder zum Alltag in diesem sechsstöckigen Bürohaus. Zum Hotspot für Touristen soll der älteste Paternoster der Welt nicht werden - zum 'Tag des offenen Denkmals' sei eine Öffnung für alle denkbar, aber im Alltag soll der besondere Aufzug den Menschen vorbehalten sein, die in dem Haus arbeiten.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 29.09.2021 | 19:00 Uhr