Stand: 14.03.2019 18:43 Uhr

"Das wird die Betroffenen nicht zufriedenstellen"

Die katholischen Bischöfe wollen ein Problem in den Griff bekommen, um das sie schon seit Jahrzehnten ringen: der sexuelle Missbrauch in ihrer Kirche. Seit Montag hatten die deutschen Bischöfe das Thema auf ihrer Tagesordnung bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen. Vieles wurde schon an Absichtserklärungen angedeutet. Nun gab es in Lingen eine Abschluss-Pressekonferenz. Florian Breitmeier, Leiter der NDR Kultur Redaktion Religion und Gesellschaft, war vor Ort und hat das Geschehen beobachtet.

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann

Zum Abschluss der Bischofskonferenz

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Deutsche Bischöfe haben in Lingen über das Thema "sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche" beraten. Florian Breitmeier war bei der abschließenden Pressekonferenz dabei.

4,33 bei 6 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Herr Breitmeier, Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, hat bei der Abschluss-Pressekonferenz einen "Weg der Erneuerung" versprochen, einen sogenannten synodalen Weg. Was meint er damit?

Florian Breitmeier: Er meint damit, dass die alten Machtstrukturen die Kirche in eine schwere Krise geführt haben. Und dass die Kirche dort nur dann herauskommt, wenn nicht nur die Bischöfe allein darüber beraten, was zu tun ist, sondern auch Laien, Experten, Wissenschaftler, aber auch Betroffene sexualisierter Gewalt stärker in diesen synodalen Weg eingebunden werden. Dieser Weg ist ausdrücklich keine Gemeinsame Synode - ein synodaler Weg ist ein Kompromiss zwischen einer Gemeinsamen Synode und dem Gesprächsprozess, den die deutschen Bischöfe nach dem Missbrauchsskandal 2010 aufgesetzt haben. Aber es ist schon ein Schritt nach vorn, der Veränderungswillen demonstriert.

Wurde etwas zum Zeitraum gesagt? Bis wann will man diesen synodalen Weg auf die Bahn bringen?

Breitmeier: Das wird in den nächsten Wochen und Monaten geschehen. Im September ist ein erster Zwischenbericht geplant, wie die Fortschritte laufen. Die Deutsche Bischofskonferenz muss sich da in mancher Hinsicht neu vernetzen. Es gibt schon Gesprächskreise mit dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, mit den Laien, aber man möchte dieses Gesprächsforum auch noch weiten. Das ist jetzt aber keine Angelegenheit, die innerhalb von drei, vier Monaten abgeschlossen sein wird. Das ist ein synodaler Weg, der durchaus auch in einer Dimension von ein, zwei Jahren beschritten werden muss.

Es gab ja schon einmal einen "Gesprächsprozess", von 2011 bis 2015. Damals hat man sich an die Themen Zölibat und Sexualmoral nicht herangetraut, um "Ärger mit Rom" zu vermeiden. Wird das jetzt tatsächlich anders sein?

Kommentar

"Synodaler Weg" - Ausweg oder Sackgasse?

Eine offene Debatte über umfassende Veränderungen in der katholischen Kirche - das haben die Bischöfe bei ihrer Frühjahrsversammlung beschlossen. Ein Kommentar von Florian Breitmeier. mehr

Breitmeier: Ja, das wird so sein - zumindest hat das Kardinal Marx erklärt. Er hat in der Pressekonferenz gesagt, man hätte sich damals um diese strittigen Fragen Sexualmoral, die Rolle der Frau in der Kirche, Diakonat der Frau, gedrückt und wollte keine Konflikte mit Rom. Es gab ja damals auch noch einen anderen Papst: Papst Benedikt XVI. Mit der Wahl von Franziskus 2013 hat sich auch das binnenkirchliche Klima innerhalb der Institutionen gewandelt. Aber man will an diese Fragen ran, die ja so neu nicht sind: Die liegen seit über 40 Jahren auf dem Tisch, seit der Würzburger Synode. Da zeigt sich auch die Relevanz dieser Themen, dass sie für die katholische Kirche wichtig sind und nicht einfach so negiert werden können, wie das oft von konservativen Oberhirten der Fall war, die entweder gesagt hatten: Das kann nur Rom entscheiden, oder: Das ist überhaupt nicht die drängende Frage der Zeit.

Jetzt hat man durch die Missbrauchskrise gesehen, dass es Strukturen in der Kirche gibt, die angeschaut werden müssen, weil sie diese Fälle sexualisierter Gewalt zumindest begünstigt haben. Das hat eine Mehrheit der deutschen Bischöfe erkannt. Einstimmig wollen sie diesen synodalen Weg gehen, der die konservativen Bischöfe in der Deutschen Bischofskonferenz mit einbindet. Denn ein synodaler Weg ist ein ganz offener Prozess, trotz aller verbindlichen Strukturen.

Was die deutschen Bischöfe erkannt haben, was sie sagen und vorschlagen, bedeutet ja noch nicht, dass das von Rom angenommen wird. Wie wird der Papst, der Vatikan auf die deutschen Vorstöße reagieren?

Weitere Informationen

Marx: "Gutmachen, was möglich ist auf Erden"

Zum Abschluss der Bischofskonferenz hat Kardinal Marx von einer "Zäsur" gesprochen. Er will kirchliche Kernfragen mit der Basis diskutieren. Kritiker sprechen von Minimal-Kompromissen. mehr

Breitmeier: Das hängt davon ab, was man formuliert. Wenn man die Würzburger Beschlüsse aus den 1970er-Jahren eins zu eins aufs Tapet nehmen würde - damals sind die von Rom gar nicht beantwortet worden -, dann wäre die Frage: Können sich die deutschen Bischöfe im Verbund mit den Laien und Wissenschaftlern dafür aussprechen, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen? Ist es vorstellbar, dass das Engagement von Frauen in der Kirche auch sakramental gewürdigt wird? Ist die Sexualmoral zu überdenken, dass die Liebe zwischen zwei Menschen gewürdigt werden kann und nicht nur die Ehe zwischen Mann und Frau? Mit diesen Fragen kann man sich an den Vatikan wenden. Wie der Papst dann darauf reagiert - wer weiß, wer dann Papst ist, wenn dieser synodale Weg abgeschlossen ist -, das sind noch offene, spannende Fragen.

Die Absichtserklärungen der Bischöfe insgesamt sind vielleicht ehrenhaft. Reichen die aber aus? Stichwort: Entschädigungszahlungen. Die Opferinitiative "Eckiger Tisch" hat ja schon Kritik angemeldet.

Breitmeier: Das stimmt. Die Betroffenenverbände werden mit den Maßnahmen, die in Lingen angekündigt wurden, nicht zufrieden sein, weil sie immer zwei ganz konkrete Forderungen hatten: Sie wollten über Entschädigungszahlungen sprechen und nicht nur über eine Revision des bisherigen Modells "Anerkennung des erlittenen Leids". In der Regel zahlen die Kirchen den Betroffenen sexualisierter Gewalt 5.000 Euro, manchmal auch mehr, wenn diese Anträge gestellt werden. Entschädigungszahlungen sind etwas vollkommen anderes. Das könnte die Deutsche Bischofskonferenz sofort beschließen, auch ohne synodalen Weg. Das ist aber derzeit noch schwierig, es gibt ein großes Ringen innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz.

Und dann ist die Frage: Wie unabhängig wird tatsächlich aufgeklärt? Gibt es Experten, die auch in die Archive hineingehen können, die vollkommen unabhängig von der Kirche sind? Es laufen aber derzeit Gespräche zwischen den deutschen Bischöfen und dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. Das wird sicherlich auch spannend werden, wie diese unabhängige Aufklärung konkret gefasst wird. Aber das, was in Lingen angekündigt wurde, wird die Betroffenen nicht zufriedenstellen.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.03.2019 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

01:06
NDR//Aktuell

Loki Schmidt wird mit Sonderbriefmarke geehrt

25.03.2019 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
53:01
NDR Info

Die Strafe

24.03.2019 21:05 Uhr
NDR Info
06:37
Schleswig-Holstein Magazin

Zeitreise: Die Strandvillen vom Graswarder

24.03.2019 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin