Stand: 19.06.2020 16:44 Uhr  - NDR Info

Jüdischer Friedhof in Hannovers Nordstadt braucht Sanierung

von Michael Hollenbach

1864 wurde in Hannover der Jüdische Friedhof An der Strangriede eröffnet. 60 Jahre lang war er Hauptfriedhof der Jüdischen Gemeinde. Mit etwa 2.600 erhaltenen Grabsteinen ist er heute ein bedeutender Ort für die Geschichte der hannoverschen Juden. Doch einige Fundamente sind inzwischen porös, vieles muss saniert werden.

Wenn man den alten Friedhof betritt, dann taucht man in eine andere Welt ein. Mitten in der hannoverschen Nordstadt gelegen, ist der jüdische Friedhof vieles: Beth olam, eine letzte Ruhestätte für die Ewigkeit, wie es die jüdische Religion vorsieht, ein Naturidyll mit Vogelgezwitscher und alten Birken und Buchen, ein Ort, dessen Grabsteine ein Spiegel des prosperierenden jüdischen Lebens vom Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts sind.

Grabsteine wackeln bedenklich

Bodo Gideon Riethmüller ist beim Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen zuständig für die Friedhöfe: "Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert wurden die Grabsteine durch Stelen dargestellt, um zu zeigen, dass im Tod alle Menschen gleich sind, unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Stellung", erzählt er: "Das änderte sich aber dann, als die Juden sich auch hier in Deutschland emanzipierten und als sie auch zeigen wollten, dass sie wohlhabend waren. Das sieht man dann auch an den vorhandenen Grabmalen.“

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Die Grabsteine sind teilweise mehr als 100 Jahre alt. Viele von ihnen müssen saniert werden.

Statt hebräische gab es nun deutsche Grabinschriften. Der Beruf des Verstorbenen war öfter zu lesen und die Grabsteine wurden größer – was heute zum Problem geworden ist.

"Bei den mehrteiligen Grabmalen ist es so, dass sie früher nur Ziegelfundamente gelegt haben", berichtet der Steinrestaurateur Peter Hoffmann: "Durch die Last der Grabmale fangen sie an, sich entweder nach vorne oder zur Seite zu neigen und man kann teilweise mit der Hand gegenstoßen und sie umstoßen.“ Als Hoffmann einen großen Grabstein anfasst, wackelt dieser bedenklich.

Jüdischer Verband ist auf Spenden angewiesen

Die Sicherungsarbeiten an den Gräbern finanziert der Bund, mehr aber auch nicht. Das Geld ist zweckgebunden. "Wir dürfen zum Beispiel keine Konturierung durchführen, was ja enorm wichtig ist", sagt Hoffmann. "Die Schrift verschwindet dann und wir wissen nicht, zu wem der Grabstein gehört.“

Um die Inschriften auf den Grabsteinen zu retten, indem man sie neu konturiert, ist der jüdische Verband auf Spenden angewiesen, unter anderem von der deutschen Stiftung Denkmalschutz. Durch die Spenden erscheinen einige Grabsteine, obwohl mehr als 100 Jahre alt, wie neu.

Der Friedhof ist auch ein Ort der Verfolgung

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Neben den Einzelgräbern findet sich auf dem Friedhof eine besondere Gräberreihe für die Juden, die als Soldaten im Ersten Weltkrieg starben. "Man muss sich das so vorstellen, dass nach 1918 jedes Jahr bis weit in die 1930er-Jahre sich die Mitglieder der damaligen jüdischen Gemeinde hier auf dem Friedhof versammelt haben und ihrerseits aber getrennt von der Gesellschaft an die Kriegstoten erinnert haben“, erzählt der Historiker Peter Schulze. Er macht regelmäßig Führungen auf dem Friedhof. Dann verweist er auch auf die wunderschöne Predigthalle am Eingang – ein Siegelbau mit bleiverglasten Rundbogenfenstern.

"Der Friedhof ist aber auch ein Ort der Verfolgung, denn in der Friedhofshalle sind von September 1941 an eine große Anzahl von jüdischen Personen einquartiert worden, eine vorbereitende Maßnahme, bevor dann die Deportationen einsetzten“, so Schulze.

Dass Antisemitismus auch heute virulent ist, sieht Bodo Gideon Riethmüller daran, dass immer wieder Gräber geschändet werden, indem Unbekannte Gräber umwerfen oder sie mit Hakenkreuzen beschmieren. Das sei für die jüdische Community natürlich immer mit einem großen Schmerz verbunden.

Noch ist der Friedhof an der Strangriede für die Öffentlichkeit geschlossen. Nur zu den Führungen dürfen Besucherinnen und Besucher in die verwunschen wirkende Welt eintauchen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Schabat Schalom | 19.06.2020 | 20:30 Uhr

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