Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, während seiner Ansprache bei der EKD-Synode 2021 © picture alliance/dpa Foto: Mohssen Assanimoghaddam

EKD-Synode: Debatte über sexualisierte Gewalt in der Kirche

Stand: 08.11.2021 18:34 Uhr

Auf der Jahrestagung der Evangelischen Kirche in Deutschland haben die Kirchenparlamentarier heute über den Themenschwerpunkt "sexualisierte Gewalt in der Kirche" debattiert. Ein Gespräch mit Florian Breitmeier aus der NDR Redaktion Religion und Gesellschaft.

Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, während seiner Ansprache bei der EKD-Synode 2021 © picture alliance/dpa Foto: Mohssen Assanimoghaddam
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Herr Breitmeier, Kritiker werfen der EKD vor, sie habe sich vor diesem heiklen Thema weggeduckt und hinter den Katholiken versteckt, die zuletzt im Fokus der Debatte gestanden haben. Konnte die EKD den Vorwurf heute entkräften?

Florian Breitmeier: Es ging heute in Bremen zunächst einmal darum, bei dieser digitalen Tagung zuzuhören, die Statements der Betroffenen, die sehr eindrücklich waren, erst einmal wahrzunehmen. Also nicht wie im Sinne eines Parlaments einen Vorwurf sofort zu kontern, sondern das erstmal aufzunehmen. Denn es gab eine sehr deutliche Kritik: Eigentlich wurde der Arbeit der Kirchenleitungen und des Beauftragtenrates der EKD, der sich auch der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt stellen will und soll, ein katastrophales Zeugnis ausgestellt. Die Betroffenen haben eingefordert, dass nun Schluss sein soll mit Lippenbekenntnissen, man wolle eine Partizipation, die den Namen verdient, auf Augenhöhe. Man hat sich auch selbstkritisch gegeben: Die Synodalen und die leitenden Geistlichen sind darauf eingegangen. Man hat erst einmal zugehört. Aber viele mussten auch erschreckt zur Kenntnis nehmen, was in der Evangelischen Kirche in Deutschland bei diesem Thema über Jahre schiefgelaufen ist .

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Breitmeier: Es wird deutlich, dass das bisherige Modell, das die evangelische Kirche versucht hat, nämlich ein Betroffenenbeirat, der einen Beauftragtenrat der EKD in Fragen sexualisierter Gewalt berät, gescheitert ist. Denn es gab da keinen so produktiven Austausch, dass sich die Mehrheit der Betroffenen wohlgefühlt hat, hier beratend zur Seite zu stehen. Es waren viele Zuständigkeiten ungeklärt. Es gibt nun den Vorschlag von Johannes-Wilhelm Rörig, einen unabhängigen Beauftragten zu installieren, der eine Rolle einnehmen könnte, um Verbindungen zwischen den Betroffenen herzustellen, die sich noch mal neu vernetzen müssten, und der EKD. Rörig machte auch Druck, er ist unzufrieden. Er möchte gerne eine gemeinsame Erklärung über verbindliche Standards der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt mit der evangelischen Kirche in Deutschland abschließen. Da laufen die Beratungen seit langer Zeit, aber es gibt noch keinen Abschluss.

Wie ist die Position der EKD zu der Forderung nach mehr Unabhängigkeit bei der Überprüfung der kirchlichen Institutionen? Sieht sie dieses Anliegen auch gescheitert, öffnet sie hier Perspektiven?

Breitmeier: Es muss sich etwas tun. Das hat auch der Sprecher des Beauftragtenrats, der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns, bei der Tagung gesagt. Er sucht nach neuen Strukturen der Partizipation von Betroffenen. Es sei wichtig, auch das direkte Gespräch mit den Betroffenen zu suchen. Ich glaube, dass die EKD noch nicht so weit ist, diese Frage der Partizipation, auch der Aufarbeitung, komplett abzugeben. Sondern leitende Geistliche sagen oft, die Kirche müsse sich auch ihrer Verantwortung stellen, sie könne das nicht einfach delegieren. Das sei auch wichtig dafür, um eine Kultur des Hinschauens und der Partizipation auf Augenhöhe innerhalb der Kirche zu initiieren.

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Die Betroffenen fordern hingegen eine Wahrheitskommission nach angelsächsischem Vorbild. Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Irland oder in Australien wurde nicht den Institutionen, also den Kirchen, überlassen, sondern der Staat hat mit einem Mandat die Aufarbeitung vorangetrieben. Da gibt es allerdings seitens der Politik eher die Position, dass das eine eigene Rechtskultur in den angelsächsischen Ländern sei. Man setze da stärker auf ein Modell, wo Staat und Kirche zwar nicht vollständig getrennt voneinander agieren, aber durchaus auch miteinander sprechen wollen. In Zukunft wird es eine spannende Frage sein, inwieweit eine nationale Dunkelfeldstudie, also ein wirkliches Ergründen, inwieweit sexualisierte Gewalt - nicht nur in den Kirchen, sondern auch in den Familien, in den Sportvereinen, in anderen Institutionen - eine Rolle spielt, damit Veränderungsprozesse innerhalb der Gesellschaft, die notwendig sind, auf den Weg gebracht werden können.

Der scheidende EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat auch Bedauern darüber bekundet, dass man bei der Aufarbeitung trotz aller Anstrengungen nicht weitergekommen sei. Nun hat er auch mit der Sache zu tun - wie viel Selbstkritik war da zu vernehmen?

Breitmeier: Die Selbstkritik, die Heinrich Bedford-Strohm geäußert hat, kann man ihm vollkommen abnehmen. Wobei während seiner siebenjährigen Amtszeit das Thema sexualisierte Gewalt innerhalb der EKD nicht gerade Chefsache war. Bedford-Strohm hat sehr viel auf dem Gebiet der Seenotrettung im Mittelmeer bewegt, auch bei der Frage der Integration von Geflüchteten. Er hat auch in der Ökumene wichtige Akzente gesetzt. Aber das Thema sexualisierte Gewalt stand bei ihm nicht oben auf der Agenda. Es wird eine spannende Frage sein, wenn ein neuer EKD-Ratsvorsitzender oder eine neue EKD-Ratsvorsitzende gewählt wird, wie das Thema angegangen wird, ob tatsächlich der Aufbruch gelingt. Denn dass etwas geschehen muss, ist den meisten klar. Die Betroffenen fordern das auch ein. Die Frage ist, wem man diesen Aufbruch wirklich zutraut.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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NDR Kultur | Journal | 08.11.2021 | 18:00 Uhr