Stand: 23.04.2020 15:30 Uhr  - NDR Kultur

Der Musik-Poet Dylan verschenkt zwei neue Songs online

von Guido Pauling

Die Kultur nutzt in Corona-Zeiten das Internet - das erlebt man nun allüberall, ob mit Theateraufführungen im Stream, Online-Konzerten oder virtuellen Lesungen. Von einem Künstler älteren Semesters hätte man allerdings am wenigsten erwartet, dass er das Netz für sich nutzt und dazu noch: seine Kunst verschenkt.

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Bob Dylan veröffentlicht nach acht Jahren zwei neue Songs und stellt sie kostenlos zum Hören ins Netz.

Bob Dylan hat Ende März nach acht Jahren erstmals wieder einen Song veröffentlicht und damit bereits für Aufsehen gesorgt. Während sich viele Fans und Kritiker noch über den 17-minütigen Song "Murder most foul" beugen und den Lied-Text als Langgedicht analysieren und interpretieren, schickt Dylan das nächste Stück an die Außenwelt. Seit vergangenem Freitag steht wieder ein Song kostenlos zum Anhören auf Dylans Webseite. Grund genug, am "Welttag des Buches" zu hören, was der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2016 zu sagen hat.

Dylan als Musik-Poet

Er war Bürgerrechtler und Prediger, Rockmusiker und Dichter, Maler und Radiomoderator. "I contain multitudes" - ich enthalte vieles. Bob Dylan kann so etwas sagen. Dylan spricht in diesem Text seines neuesten Songs von einem, der sich Edgar Allen Poe und William Blake nahe fühlt. Zwei Dichtern, deren größter Ruhm erst nach ihrem Ableben einsetzte. Er vergleicht sich mit Anne Frank und Indiana Jones in nur einer Zeile und lässt rätseln, was die versteckte Tagebuchschreiberin und der fiktive Abenteuerheld wohl miteinander und mit dem Ich-Erzähler verbindet.

"Ich-Erzähler" passt. In beiden Songs, die er innerhalb von drei Wochen online gestellt hat, spricht, raunt, erzählt er mehr als dass er singt - und lenkt noch mehr als sonst die Aufmerksamkeit auf seine Texte.

Ode an Shakespeare, Vergil und Ovid

"Murder most foul" - der schnödeste Mord - dieser Song wird seit Wochen im Netz und im Feuilleton ausführlich diskutiert. Der Titel stammt aus Hamlet, 1. Akt, 5. Szene. Dylan kennt seinen Shakespeare und webt ihn gern in seine Texte ein. So wie er auch schon Vergil und Ovid zitiert, verfremdet und für sich genutzt hat. Schnöde ist hier der Mord an Kennedy, natürlich. Schnöde auch die mangelhaften Ermittlungen, die fehlende Aufklärung, die Verschwörungstheorien.

Ganz anders nun der neue Text. Er handelt von jemanden, der so viel erlebt, gelesen und gesehen hat. Aus der Pop-Kultur wie aus der Hoch-Kultur. Der Widersprüche und schräge Stimmungswechsel in sich vereint. Ein Selbstporträt? Oder wieder nur ein lyrisches Versteckspiel? Auf jeden Fall - ein hörenswerter Song, ein lesenswertes Gedicht. Wieder einmal.

Ich halte den Pfad offen, den Pfad in meinem Sinn.
Ich gebe acht, keine Liebe zurückzulassen
Ich spiele Beethoven Sonaten, Chopins Preludes.
Ich enthalte - multitudes.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.04.2020 | 11:20 Uhr

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