Teilnehmer eines Papier-Kurses von Drew Matott. © Drew Matott

Drew Matott: Papier schöpfen zur Traumabewältigung

Stand: 28.12.2020 06:00 Uhr

Papier schöpfen als Traumabewältigung: In einem Papierstudio in Hamburg ist das möglich. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen aus ihrer alten Kleidung neues Papier.

von Franziska Storch

Der US-Amerikaner Drew Matott kam durch sein Kunststudium in den USA auf diese außergewöhnliche Idee. In einem Papierseminar lernte er, wie man aus Kleidung Papier macht. "Als ich jünger war, ist mein Vater in einem Autounfall gestorben", erzählt er. "Wir als Familie haben die alten Sachen meines Vaters genommen, zerschnitten und zu Papier gemacht. Und dann haben wir seine Fotos darauf gedruckt. Es war eine Möglichkeit für meine Familie, das Leben meines Vater zu feiern und etwas in Erinnerung an ihn zu schaffen."

Seminare für Traumatisierte

Aus dem Schmerz etwas Neues und Schönes zu machen, das habe sein Leben verändert. Zusammen mit Kunsttherapeuten und Dichtern entwickelte Drew Matott Seminare für andere Traumatisierte - zuerst Veteranen aus dem Irakkrieg und später Kriegsflüchtlinge. "Die Leute schaffen Kunstwerke, poetische Objekte, die ihre Geschichten erzählen", sagt er. "Es ist eine Möglichkeit, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen und der Gemeinschaft die eigenen Erfahrungen mitzuteilen."

"Peace Paper Project" an mehr als 40 Standorten weltweit

Über 40 Standorte weltweit hat Drew Matott schon ins Leben gerufen, alle unter dem Namen "Peace Paper Project", also Friedens-Papier-Projekt. Nach Hamburg verschlug es Drew Matott dann 2016. Inspiriert habe ihn ein Artikel im "Time" Magazin mit Fotos von Deutschen, die Flüchtlinge an Bahnhöfen willkommen hießen. "Ich war so berührt, dass ich meine Tasche gepackt habe und nach Deutschland gekommen bin mit meinem transportablen Papierstudio."

Papier schöpfen mit Flüchtlingen in Hamburg

Drew Matott (links) und Teilnehmer eines Papier-Kurses. © Drew Matott
Drew Matott bietet seit 2016 auch in Hamburg Papier-Kurse an.

In der Hansestadt wurde er mit offenen Armen aufgenommen und arbeitete mit Flüchtlingen - auf Englisch. In dieser Sprache fühlt er sich bis heute am wohlsten, trotz Deutschkursen. Drew Matotts stetiger Begleiter in all den Jahren war der sogenannte Mahlholländer - keine Person, sondern eine Maschine. "Was Sie hier sehen können, sind Rollen mit vielen Metallzähnen. Und hier ist eine weitere Rolle mit solchen messerscharfen Zähnen. Wir senken die ab, bis sie sich fast berühren und die zerreiben dann alles", erklärt er. Für das 21. Jahrhundert hat sich Drew Matott ein handliches Modell aus Plastik und Aluminium bauen lassen. Das wiegt nur 23 Kilo und passt sogar in einen Koffer. So ist Papier machen fast überall möglich und es geht relativ schnell.

100 Blatt Papier aus einer Jeans

"Wenn man eine Jeans nimmt, braucht man 15 Minuten, um sie klein zu schneiden. Dann braucht es 45 Minuten im Mahlholländer, um die Fasern zu erhalten. Und dann braucht man 2 Stunden, um das Papier zu schöpfen. Und das Pressen und Trocken dauert 24 Stunden", erklärt er.

Papier zu schöpfen ist eine ziemlich nasse Angelegenheit, Wasser läuft und tropft überall. Aus einer Jeans können so 100 Blätter Papier entstehen. Die langsamen Bewegungen beim Schöpfen entschleunigen und entspannen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. "Die Energie ist am Anfang verspannt und fast ängstlich und entwickelt sich dann zu einer Offenheit und Fröhlichkeit. Und ich denke, das ist eine Sache, die mich immer wieder überrascht", sagt Drew Matott.

Drew Matott bietet Papier-Seminare für alle Interessierte an, zum Beispiel über die Hamburger Volkshochschule.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 28.12.2020 | 19:10 Uhr